patagonien
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Der Süden von Südamerika wird bisweilen als das Ende der Welt bezeichnet. Tatsächlich liegen die bekannten Wanderregionen im Süden Patagoniens etwa 13.500 km Luftlinie von Frankfurt entfernt. Was hat das Klima dort zu bieten?

Im Süden von Patagonien liegt das drittgrößte Eisfeld der Welt. Es besteht aus einem südlichen Teil und einem kleineren nördlichen Teil (weiße Flächen in unserer Karte). Größer sind die Eisflächen nur in der Antarktis und auf Grönland. Die Besonderheit dieses Eisfelds besteht in seiner Breiten- und Höhenlage. Es befindet sich nämlich auf einer mit Deutschland vergleichbaren geographischen Breite. Die beiden in unserer Karte markierten Orte liegen auf 50,3 Grad südlicher Breite (El Calafate) und auf 49,1 Grad (Puerto Edén). Durch den nördlichen Teil des Eises verläuft sogar der 47. südliche Breitenkreis. Einzelne Berge der Region sind über 3000 Meter hoch, die Hauptmasse der Gletscher befindet sich jedoch gerade einmal auf etwa 1500m Höhe und die Gletscherzungen reichen oftmals bis auf Meeresniveau herab. Das oben gezeigte Foto entstand auf einer Höhe von 200 Meter über dem Meeresniveau und in einer mit Gießen oder Fulda vergleichbaren Breitenlage. Die klimatologische Schneegrenze liegt in Patagonien um etwa 1500 Meter tiefer als in den Alpen, und das selbst am nördlichen Eisfeld. Oder anders ausgedrückt: Hätten wir in den Alpen ein Klima wie in Patagonien, würden die Gletscher nahezu alle Täler bedecken. Innerhalb der Alpen gäbe es dementsprechend wahrscheinlich keine Ortschaften. Doch warum ist das Klima in den südlichen Anden so anders als in Mitteleuropa?

Ein Grund für diesen Unterschied ist der Nordatlantische Strom. Er wirkt auf das Klima in Europa wie eine Warmwasserheizung, während das Wasser des Pazifiks vor Chile recht kalt ist und die Schneefallgrenze somit im Mittel tiefer liegt. Darüber hinaus ist die Ausrichtung der Gebirge sehr wichtig. Die Alpen verlaufen in West-Ost-Richtung, die Anden in Nord-Süd-Richtung. In beiden Regionen, in Mitteleuropa und in Patagonien, herrschen die Westwinde der gemäßigten Klimazone vor. Diese prallen direkt auf die Anden und führen auf der Westseite zu intensiven Niederschlägen. Die Alpen stellen sich den Westwinden weniger effektiv in den Weg, hier sind die Niederschläge dementsprechend nicht so hoch. Entscheidend für die Stärke von Stauniederschlägen an einem Gebirge ist die Stärke des Windes. Und hier punktet Patagonien noch ein weiteres Mal. Dort bläst das ganze Jahr über ein sehr starker und bemerkenswert konstanter Westwind. Auf der Südhalbkugel sind die Temperaturunterschiede zwischen den Subtropen und der sehr kalten Antarktis besonders groß. Dadurch entwickeln sich immer wieder sehr kräftige Sturmtiefs, denen sich kaum eine Landmasse in den Weg stellt. Für den Westwind ist das Druckgefälle zwischen den subtropischen Hochs und den subpolaren Tiefs verantwortlich. In Patagonien beträgt der übers Jahr gemittelte Druckgradient 14 hPa auf 1000 km, in Deutschland sind es gerade mal 6 hPa.

Der starke Westwind ist also das beherrschende Element im Klima Patagoniens. Auf der Westseite der Anden verursacht dieser unglaublich hohe Niederschläge, die im Bergland meistens als Schnee niedergehen, ganz unten eher als Regen. Puerto Edén bringt es auf bemerkenswerte 5745 mm Jahresniederschlag. In dieser Region soll es mal ein Jahr mit lediglich 18 trockenen Tagen gegeben haben und wegen der extremen Niederschläge besitzt der kleine Ort anstatt von Straßen nur Holzstege. Die Westwinde sind so beständig, dass die Regionen östlich des Andenhauptkamms permanent im Regenschatten liegen. El Calafate bringt es beispielsweise auf gerade einmal 209 mm Jahresniederschlag und auf mehr Sonnenstunden als in Deutschland üblich. Wegen der Trockenheit überwiegt östlich der patagonischen Anden baumloses Grasland.

Als Urlauber sollte man sich westlich des Eisfelds auf sehr viel Regen und einen meist bedeckten Himmel einstellen. Allerdings kommen Urlauber in diese nahezu unbesiedelte Region sowieso kaum hin. Es gibt Schiffsfahrten durch die westlichen Fjorde mit Stopps in Puerto Edén. Auch die flachen Regionen östlich der Anden sind kein typisches Reiseziel. Dort ist das Klima angenehmer, die Landschaft aber eher eintönig. Beliebter sind die Berge am Ostrand des Eises. So gibt es einige Reiseangebote für den Torres del Paine Nationalpark in Südchile sowie für den Perito Moreno Gletscher oder das Massiv des Fitz Roy auf argentinischer Seite. Diese Regionen beeindrucken durch grandiose Gletscher und Bergmassive. Das Wetter ist sehr wechselhaft und konstant ist praktisch nur der Westwind. Doch zumindest ist man durch die Berge vor den Dauerniederschlägen der Westseite geschützt.

Donnerstag, 4. Januar 2018

Dr. Ingo Bertram

hr-Wetterredaktion

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 04.01.2018 19:15 Uhr