Glas mit Leitungswasser
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Wasser ist das sauberste Lebensmittel Deutschlands. Bedenkenlos können wir es aus der Leitung trinken, so heißt es zumindest immer wieder. Doch in unserem Wasser befinden sich Rückstände von Medikamenten. Ist das wirklich unbedenklich?

Über 20 Arzneiwirkstoffe hat das Umweltbundesamt bisher im Trinkwasser nachgewiesen. In Flüssen, Seen und dem Grundwasser sind es sogar rund 150 – darunter Antibiotika, Schmerzmittel, Blutdrucksenker und Röntgenkontrastmittel. Sie gelangen über den Urin und falsche Entsorgung in den Wasserkreislauf. Grenzwerte gibt es bislang nicht.  

Sauberes Wasser durch Aktivkohlefilter

Dr. Issa Nafo ist Wasseringenieur. Er arbeitet an Filtertechniken, die das Abwasser weitgehend von Medikamentenrückständen befreien – zum Beispiel mit Aktivkohle. Das Verfahren wird seit Anfang 2015 erprobt. Die Kohlepartikel haben eine sehr raue Oberflächenstruktur, die Stoffe aufnehmen kann. Chemikalien, die sich im Wasser befinden, heften sich an diese Oberfläche und können so bis zu 80 Prozent aus dem Wasser gefiltert werden. Der weitaus größte Teil der Medikamenten-Rückstände gelangt so nicht mehr in unser Trinkwasser. Das hat aber seinen Preis: Die Aktivkohle ist irgendwann gesättigt und muss teuer entsorgt werden. Außerdem arbeitet Dr. Issa Nafo an einer weiteren Klärmethode.  

Sauberes Wasser durch Ozongas

Ozongas soll die medikamentenrückstände unschädlich machen. Die Chemikalie baut die Stoffe nicht ab, sondern wandelt sie in andere um. Allerdings entstehen dabei nicht immer harmlose neue Stoffverbindungen, sondern mitunter auch welche, die noch gefährlicher sind als der giftige Ausgangsstoff. Außerdem verbraucht die Methode viel Energie und verursacht viel CO2. Trotzdem: 80 Prozent der Spurenstoffe können mit der Methode eliminiert werden.  

Sauberes Wasser durch selbst abbaubare Medikamente

Prof. Klaus Kümmerer, Umwelt-Chemiker aus Lüneburg, hat eine andere Idee. Er will das Problem bei der Wurzel packen und Medikamente entwickeln, die sich spätestens in der Kläranlage selbst abbauen. Wie gut das funktioniert, hat Kümmerer erstmalig an einem der meistverkauften Herz-Kreislauf-Medikamente, einem Betablocker, gezeigt. Kümmerer hat als erster Forscher weltweit herausgefunden, dass es in den Molekülstrukturen der Wirkstoffe eine winzige Stelle gibt, wo er eingreifen kann, ohne die Wirkung des Medikaments zu beeinträchtigen.

Der Lüneburger Forscher ist überzeugt, dass man nahezu jedes Medikament so umbauen kann. Nur die Pharmaindustrie zeigt bislang kein Interesse, denn solange es keine Grenzwerte gibt, sehen die Hersteller keinen Handlungsbedarf. Schäden für den Menschen sind bislang noch nicht nachgewiesen, solche für Fische und anderen Organismen schon. Dennoch: Sauberes, arzneimittellfreies Trinkwasser scheint heute nicht länger eine Frage des Könnens, sondern des Wollens und des Geldes zu sein.  

Und was können wir tun?

Ganz wichtig: Medikamente nicht in der Toilette entsorgen. Bis 2009 konnte man nicht mehr benötigte oder abgelaufene Medikamente in die Apotheken zurückgeben. Dort wurden sie fachgerecht entsorgt. Mittlerweile sind Apotheken aber nicht mehr zur Rücknahme verpflichtet. Dennoch sollten Sie bei Ihrem Apotheker nachfragen. Ansonsten gilt: Entsorgen Sie die Medikamente in den Hausmüll. So gelangen sie zumindest nicht in unser Trinkwasser.

Sendung: "alles wissen", hr-fernsehen, 12.07.2017, 21:45 Uhr