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zum Video Streit um Stromtrassen

Es wird heftig um sie gestritten. Diese Trassen kosten Milliarden; Geld, das am Ende wir bezahlen, über die Steuern und über den Strompreis. Kann es sein, dass man genau diese Trassen für die Energiewende nicht braucht – ganz im Gegenteil, wenn so eine neue Trasse nicht Ökostrom, sondern gerade den alten, dreckigen Kohlestrom sichert?

In Deutschland wird derzeit ein umfangreicher Ausbau der Stromnetze geplant. Zusätzlich zum bestehenden Wechselstromnetz, sollen drei neue Übertragungsleitungen in HGÜ-Technik (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung) gebaut werden. Die Projekte SuedOstLink (von Sachsen-Anhalt nach Bayern), Ultranet (von Nordrhein-Westfalen nach Baden-Württemberg) und SuedLink. Der 700 km lange SuedLink (von Schleswig-Holstein nach Bayern/Baden-Württemberg) soll durch Thüringen oder Hessen führen. Der genaue Verlauf der Trasse steht noch nicht fest. Zurzeit prüft die Bundesnetzagentur, als zuständige Bundesbehörde, die Vorschläge der Übertragungsnetzbetreiber. Dabei gibt es massive Kritik an den neuen HGÜ-Leitungen.

Sauberer Windstrom für den Süden?

„Sauberer Windstrom“ aus dem Norden soll in den Süden Deutschlands transportiert werden. Dafür will man den SuedLink bauen. Das Projekt SuedLink umfasst zwei Gleichstromleitungen (2 x 2GW), die großteils auf einer gemeinsamen Stammstrecke geführt werden sollen und ist mit insgesamt 700 km die längste Nord-Süd-Verbindung. Durch den massiven Bürgerprotest gegen die Stromtrasse, soll SuedLink nun vorrangig als Erdkabel verlegt werden. Möglicherweise quer durch Hessen. Ohne dieses Projekt sei die Energiewende nicht zu stemmen argumentieren die Befürworter. Doch die Gegner der Trasse sehen in dem angeblichen „Energiewendeprojekt“ unter anderem eine versteckte Förderung von Kohlestrom.

Mogelpackung SuedLink?

Im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat man das untersucht und warnt: Der zusätzliche Bau eines neuen Stromnetzes in Gleichstromtechnik sei unnötig und zu teuer. Kurzum – eine Mogelpackung, wie die Leiterin des Fachgebiets Prof. Dr. Claudia Kemfert im Interview erklärt: „Mogelpackung ist daran, dass man behauptet, die ganzen Stromtrassen seien notwendig, um die Energiewendeziele zu erfüllen. Das stimmt aus unserer Sicht nicht.“

Auch die Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien kritisiert SuedLink und die neue HGÜ-Technik. Nicht nur weil sie technisch gesehen keine Vorteile bringe, sondern weil es die Mengen an grünem Strom gar nicht gebe, um den Süden ausreichend mit Strom versorgen zu können. Vizevorstand Stephan Grüger dazu im Interview: „SuedLink wird immer als Rückgrat der Energiewende bezeichnet, aber tatsächlich haben wir im Norden gar nicht so viel Windstrom, wie das immer behauptet wird.“

Seit Jahren wird gegen die "Monstertrassen" demonstriert

Bei den Bürgerprotesten in den letzten Jahren konnte man glauben, es gehe lediglich um Bedenken wegen Gesundheitsgefährdung durch Elektrosmog und Landschaftszerstörung durch gigantische Freileitungstrassen. Mittlerweile soll der als „Monstertrasse“ bezeichnete SuedLink mit Erdkabeln realisiert werden. Ist das nicht ein Erfolg für die Bürger?

Nein, sagen die SuedLink-Gegner aus dem Landkreis Fulda. Seit Jahren werde das wichtigste Argument im Protest gegen SuedLink unter den Tisch gekehrt. Natürlich seien Erdkabel für die betroffene Bevölkerung besser als Freileitungen. Doch die Energiewende müsse vorrangig das Ziel verantwortungsvoller Klimapolitik bleiben. Engagierte Bürger, wie Maria Quanz, die im Bundesvorstand der Bürgerinitiativen gegen SuedLink mitarbeitet, sehen jedoch durch die neuen HGÜ-Leitungen, zu denen SuedLink gehört, die Energiewende selbst in Gefahr: „Deutschland ist in Europa Stromexportland Nr.1 und die HGÜ-Leitungen sind hauptsächlich dem europäischen Stromhandel geschuldet. Ihr Bau fördert weiterhin die uneingeschränkte Einspeisung von Kohlestrom ins Netz, der mitverantwortlich für die schlechte CO2-Bilanz Deutschlands ist. Dadurch werden die Klimaziele konterkariert. Wir werden einfach nicht aufhören immer wieder die Frage zu stellen: Ist dieser überdimensionierte Netzausbau wirklich für die Energiewende notwendig?“

SuedLink wird auch klimaschädlichen Strom in den Süden leiten

Die Bürgerinitiativen sind überzeugt, dass durch die neuen HGÜ-Leitungen nicht nur „sauberer“ Windstrom sondern vor allem zusätzlich konventioneller Strom geleitet werden soll. In Deutschland gibt es inzwischen einen großen Überschuss an billigem Kohlestrom. Der Ausbau von erneuerbaren Energien werde dadurch gebremst und die Förderung der notwendigen Speichertechnologien vernachlässigt. Der Verdacht wird durch die Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bestätigt. Dazu Prof. Claudia Kemfert: „Aus unserer Sicht braucht es keinen überdimensionierten Netzausbau, weil man damit zwei Stromsysteme aufrechterhält. Das ist unnötig, ineffizient und teuer. Weil wir damit die Strompreise unnötig nach oben treiben. Weil wir damit noch mehr Kohlestrom im System haben werden und weil wir die Energiewendeziele konterkarieren.“ Denn weil man im Süden auf die großen Strommengen aus dem Norden hoffe, werde der dezentrale Ausbau erneuerbarer Energien im Süden selbst vernachlässigt.

SuedLink ist politisch gewollt

Alle Parteien haben sich für den Ausbau ausgesprochen. Die Bundesnetzagentur ist die verfahrensführende Behörde für das Projekt. Pressesprecher Olaf Peter Eul betont die Notwendigkeit von SuedLink: „SuedLink ist für die Energiewende unverzichtbar. Woran liegt das? Die Energiewende bewirkt einen Umbau der Energielandschaft in Deutschland. SuedLink wird ja gerade deswegen geplant und gebaut, damit der Strom, der Offshore-Strom der großen Windparks vor der Küste aber auch der Strom der zahlreichen Onshore-Windkraftanlagen eingesammelt wird.“

Die Netzbetreiber selbst rechnen mit großen Mengen konventionellen Stroms

Die Firmen, die SuedLink planen und bauen wollen, sind die Netzbetreiber TenneT TSO und TransnetBW. Auf der TenneT-Internetseite wird erklärt, warum das Projekt so wichtig für die Energiewende sei. Dort findet sich auch eine Prognose für 2024. Dann sind die Atomkraftwerke im Süden abgeschaltet. Doch rechnet man den konventionell erzeugten Strom heraus, können im Norden laut der Prognose, die von TenneT und der Bundesnetzagentur stammt, nur etwa 53 Terrawattstunden (TWh) über regenerative Energien produziert werden. Im Süden werden abzüglich des dort produzierten erneuerbaren Stroms immer noch rund 125 TWh benötigt. Selbst wenn man allen überschüssigen regenerativen Strom nach Süden schickt, fehlen dort immer noch rund 72 TWh Strom. Damit SuedLink rentabel ist, muss auch konventionell erzeugter Kohlestrom aus dem Norden in den Süden geleitet wird.

Kohlestrom im "Energiewendeprojekt" – ist das nicht eine Mogelpackung?

Olaf Peter Eul, Pressesprecher der Bundesnetzagentur Bonn verneint den Vorwurf. Die Bundesnetzagentur folge hier nur den politischen Vorgaben. SuedLink und die anderen HGÜ-Trassen zu bauen sei schließlich politischer Konsens: „ Also, dass auch Strom aus konventionell erzeugter Energie durch SuedLink gehen kann, das liegt schlicht am Energiemix in Deutschland. Der Strom kommt bei uns aus verschiedenen Quellen. In einer Welt, in der wir uns vorstellen, dass einhundert Prozent des Stroms, also der Gesamte, aus erneuerbaren Energien produziert wird, da wäre es anders, aber es ist so, dass der Strom aus den verschiedenen Quellen kommt und selbst für das Jahr 2050 nach den Klimazielen dennoch ein gewisser Anteil an konventioneller Energie produziert wird.“

Wozu ein zweites Stromnetz in Deutschland?

Netzausbau für die Energiewende, klingt gut, aber ist er überhaupt notwendig? Stephan Grüger von EUROSOLAR weist das Argument, man brauche die neuen HGÜ-Leitungen, um Strom verlustfreier transportieren zu können, zurück. HGÜ-Leitungen, so macht Grüger klar, „die machen erst Sinn ab 1000 Kilometer Länge.“ Davor habe man hohe Verluste. Bereits durch die benötigten Konverterstationen, die den Wechselstrom in Gleichstrom wandeln müssten. Und Strecken über 1000 Kilometer brauche man nicht, um Strom in Deutschland zu verteilen: „Wir haben ein hervorragend ausgebautes Drehstromnetz. Deswegen ist auch die Behauptung, es ginge hier um Stromautobahnen, ziemlich unsinnig. Die Stromautobahnen, die haben wir schon. Die 380 KV Drehstromleitungen sind Stromautobahnen.“ Das bestehende Stromnetz müsse weiter modernisiert werden, aber das werde ohnehin bereits getan. Den Bedarf für ein zweites Stromnetz können sowohl das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und EUROSOLAR e.V. nicht entdecken.

Stromnetzbau in Deutschland ist ein lukratives Geschäft

Statt vermehrt in Speichertechnologien oder regenerative Kraftwerke zu investieren, wiederholen Betreiber und Politik beständig, wie unabdingbar die neuartigen Stromtrassen seien. Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung meint dazu: „Es ist sehr lukrativ Stromnetze auszubauen, weil sie garantierte Renditen von neun Prozent erwirtschaften. Das bekommen Sie in keinem anderen Marktfeld. Zwar werden diese jetzt abgesenkt, aber es sind immer noch Traumrenditen und sie führen eben dazu, dass ein überdimensionierter Netzausbau geplant wird.“

Es gibt viele Argumente gegen SuedLink und die anderen HGÜ-Trassen. Dennoch befürchten engagierte Bürger wie Maria Quanz, dass der SuedLink gebaut wird, da sie die Politik bei diesem Thema im Stich lasse und nicht vorausschauend plane. Ihren Widerstand werden sie aber nicht aufgeben, eben weil sie, so sagen sie, nicht gegen, sondern für eine echte Energiewende seien.

Bericht: Wolfgang Zündel

Sendung: hr-fernsehen, "Alles Wissen", 19.10.2017, 20:15 Uhr