Video

zum Video Steckt das Kegeln in der Krise?

Der Kegelabend: Man hat zusammen geplaudert, gegessen, getrunken und geraucht. Und nebenbei auch gekegelt. In den 70er und 80er Jahren war der Kegelabend die beliebteste Freizeitbeschäftigung der Deutschen. Während die Kegelbahn im Keller der Dorfgaststätte damals fast jeden Abend ausgebucht war, warten die Wirte und Betreiber heute vergeblich auf gesellige Runden nach Feierabend.

Dort, wo früher um Schnapsflaschen gespielt wurde, herrscht heute gähnende Leere. Doch warum? Was ist eigentlich der Grund, warum immer weniger Leute kegeln wollen? Zu altmodisch, zu zeitraubend, zu ungemütlich der Charme der 70er und 80er Jahre?

"hauptsache kultur" hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht: bei einem Kegelabend in Frankfurt Ginnheim, einem ehemaligen Kegelweltmeister in der Wetterau, der in seiner Pizzeria gegen das Kegelsterben ankämpft, und bei einem Zukunftsforscher, von dem wir wissen wollen, warum das Kegelsterben mit dem gesellschaftlichen Wandel zu tun hat und ob die Jahre der gemütlichen Kegelabende wirklich gezählt sind oder ob der einstige Volkssport noch eine Zukunft hat.

"Früher hat man zusammengesessen"

Seit 18 Jahren kommen sie hierher – einmal im Monat, die Kegelgruppe von Anneliese Bunz. Man trinkt was, schwätzt, lacht – und: kegelt. Früher war hier die Hölle los im Keller des Turnvereins in Ginnheim: "Wir waren zwei Bahnen gewesen, wir waren bestimmt 40 Leute, und da sind richtig Schnapsrunden ausgegeben worden. Für jede Schnapszahl, für jeden Neuner, ach ich weiß nicht für was alles - und dann sind wir abends noch mit dem Auto Heim gefahren", erinnert sich Anneliese Bunz.

Doch immer weniger Menschen wollen kegeln. Meistens stehen die Kegelbahnen in Ginnheim leer. Früher dauernd ausgebucht, sind sie heute nur noch zu etwa 30 Prozent belegt. Auch die Mitgliederzahl im Hessischen Kegelverband hat sich in den letzten 20 Jahren halbiert. Stirbt das Kegeln aus? Thomas Budenz ist Erster Vorsitzender hier im Verein und leidenschaftlicher Kegler: "Ich trauere der Zeit nach, das war eine schöne Zeit. Und die Zeit, die ich erlebt habe, möchte ich nicht missen. Früher hat man zusammengesessen, hat man... ja, da hat man zwei Stunden gekegelt und dann saß man noch mal zwei Stunden auf der Kegelbahn und hat sich nur unterhalten, über Alltägliches oder über normale Probleme, und das ist heute nicht mehr, das ist leider so, das ist Zeit, die man leider nicht zurückdrehen kann."

"Die Gemeinschaft, das Zusammenkommen, die Regelmässigkeit"

Es war die beliebteste Freizeitbeschäftigung der Deutschen: der lustige Kegelabend in geselliger Runde. Meistens im etwas schmucklosen Keller einer Gaststätte. Ulrich Reinhardt ist Zukunftsforscher. Ein Blick zurück in die 80er Jahre zeigt, dass Kegeln schon damals für etwas ganz Besonderes stand: "Dass nur 30 Prozenz der Bundesbürger das überhaupt mit Sport gleichgesetzt haben. Andere Dinge waren viel viel wichtiger: also die Gemeinschaft, das Zusammenkommen, die Regelmässigkeit. All das stand schon damals mehr im Vordergrund als die eigentliche sportliche Aktivität."

Und heute? Zu altmodisch, zu zeitraubend, zu ungemütlich der Charme der 70er Jahre? "Man hat heute eben so vielfältigste Möglichkeiten, nicht nur sein Geld, sondern vor allem seine Zeit auszugeben. Da überlegt man sich eben schon auch genau, ist Kegeln eigentlich noch das Richtige für mich, denn das Image ist natürlich auch ein wenig altbacken, das wird verbunden hauptsächlich mit älteren Menschen, die den Kegelsport ausüben. Insofern glaube ich, passt es nicht mehr ganz so in unsere Zeit", so Reinhardt.

"Es ist alles nur noch Druck, Druck, Druck"

Über die Gründe zerbrechen sich die Vorstände in Ginnheim den Kopf. Da kommt man schon mal ins Philosophieren: "Früher hat man gesagt: Gut, man geht ein Mal die Woche Kegeln mit der Frau oder was und tut sich Neuigkeiten austauschen oder so was in dieser Art, aber heute legt man sich bequem auf die Couch, die Ansprüche berufliche Seite sind auch größer geworden", befindet Thomas Lindofsky. Und Thomas Budenz ergänzt: "Du hast nicht mehr.. viel mehr.. in der heutigen Zeit, Zeit für dich selbst. Zeit für dich selbst, für die Gruppe, für die Freundschaft, es ist alles nur noch Druck, Druck, Druck. Wenn man zusammen gegenübersitzt, da wird nur noch mit dem Smartphone rumgespielt, man schaut sich nicht mehr in die Augen, nee, das ist Wahnsinn." Und noch einmal Thomas Lindofsky: "Es ist eine richtige Ich-Gesellschaft geworden und das Wir-Gefühl gibt es in dem Sinn nicht mehr."

Anneliese Bunz unterbricht: "Kann ich jetzt endlich kegeln? – Ja. – In welcher Gruppe bin ich denn? – Gut natürlich  - ich kann natürlich mit ... am Computer kann ich auch Kegeln mit drei Leuten mich zusammen ins Wohnzimmer setzen und kann Kegeln, geht auch, ja. Ob das Spaß macht, ob das genauso viel Spaß macht, wie, wenn man sich hier jetzt auf eine Kegelbahn begibt."

"Ich kann mich nicht auf meinen Lorbeeren ausruhen"

Dass sich was verändert, spürt man überall. Nidderau – im Stadtteil Ostheim. Seit bald 50 Jahren betreibt die Familie Schwarz hier eine Kegelbahn. Christian Schwarz ist neunfacher Kegelweltmeister und führt die Gaststätte heute. Noch kommen die Leute, doch der gesellschaftliche Wandel macht ihm Sorgen: "Den kann doch keiner aufhalten. Wie wollen wir das aufhalten? Wir müssen mitgehen und das ist halt das Problem. Die Kegelbahnbetreiber gehen vielleicht bis zu einem gewissen Grad mit, aber sie... naja... es könnte besser sein."

Zaubern könne er auch nicht, sagt er, aber etwas modernisieren wenigstens, die Bahn pflegen, in die Technik investieren. "Ich muss einfach auch eine besondere Leistung bringen, damit alles funktioniert, kann mich nicht auf meinen Lorbeeren ausruhen, ob ich hier neun Mal Kegelweltmeister war, das interessiert doch keinen, das weiß doch gar keiner mehr, das ist doch 20 Jahre her", so Schwarz. "Die kommen hierher und sagen: Ok, hier kann ich was spielen, hier macht es mir Spaß, hier krieg ich was Gutes zu essen. Und das ist das Entscheidende. Fertig."

"Ich glaube an eine Renaissance der Gemeinschaft"

Das Kegeln hatte einst zweifellos den Ruf als bundesdeutsches Kulturgut. Wird das einstige Sinnbild für Geselligkeit bald nur noch Erinnerung sein? "Wenn ich mir das aber langfristig anschaue für die Zukunft, dann glaube ich schon an eine Renaissance der Gemeinschaft, Renaissance der Geselligkeit, dass man sich auch wieder mehr Zeit für bestimmte Freizeitaktivitäten nimmt und natürlich das Miteinander wieder deutlich stärker im Vordergrund steht", sagt Reinhardt.

So wie in Frankfurt: Drei Stunden haben sie heute gekegelt. Von 17 bis 20 Uhr. In einem Monat kommen sie wieder. Das Kegelgrüppchen aus Frankfurt Ginnheim.

Bericht: Marco Giacopuzzi

Sendung: Hauptsache Kultur, 25.01.2018, 22:45 Uhr