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Was für ein Jahr für Karikaturisten! "The Donald" twittert aus dem Weißen Haus, der Veganismus greift um sich und Christian Lindner hat seinen großen Auftritt bei Fluch und Segen der Karibik… Die Jury der Caricatura in Kassel hat die besten Cartoons 2017 ausgewählt.

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Ausstellung:
"Beste Bilder – Die Cartoons des Jahres 2017"
Caricatura Kassel
09.12. – 18.02.18.
Eröffnung: 08.12.17, 19:30 Uhr

Buch:
Beste Bilder. Die Cartoons des Jahres
Lappan Verlag

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Die Bilder von insgesamt 83 Cartoon-Künstlern aus der ganzen Welt setzen sich mit den wichtigsten Ereignissen und Trends 2017 auseinander: frech, böse, komisch. Mit dabei auch Werke der deutschen Cartoonistin Miriam Wurster. Sie zeichnet u.a. für Stern, Titanic, TAZ und Charlie Hebdo und ist eine der wenigen Frauen, die beim Deutschen Karikaturenpreis ausgezeichnet wurden.

"Das ist eine Zeit, wo wir Selbstbewusstsein zeigen müssen", so Außenminister Siegmar Gabriel (SPD). Und Kanzlerin Angela Merkel (CDU): "Das ist Freude, das ist Ansporn." Es gab überall Ärger: "Ihr habt in der SPD den entschiedensten Gegner, den man in diesem Land haben kann", so der SPD-Vorsitzende Martin Schulz.

Zeichnen mit einem Hintersinn

Ein Jahr zwischen Aufbruchstimmung und muffigen Abschottungs-Trends, Umweltsauereien und Jamaika-Wahnsinn. "Es ist besser nicht zu regieren als falsch zu regieren", so der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner. Von solchen Selbstzweifeln ist einer nicht betroffen – Donald Trump: "…and will to the best of my ability…”

Politik in Cartoons – zum Beispiel: Präsident Trump legt seinen Amtseid ab und sagt (in der Sprechblase): "Das schwöre ich, so wahr ich Gott helfe." Er hat die Welt ordentlich auf Trapp gehalten. Nur getoppt von Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un. Oder: America first – um die Ecke gedacht: Die USA ist untergegangen – erstes Opfer des Klimawandels.

Miriam Wurster ist eine der wenigen Frauen in der deutschen Cartoonszene. In diesem Jahr seien die Karikaturen deutlich politischer, findet sie: "Manches ist sehr komisch für den ersten Blick und manches braucht ein bisschen, manches ist mehr um die Ecke gedacht und hat einen Hintersinn, da muss man erst mal so ein bisschen hintersteigen."

Und auch in diesem Jahr ist die Flüchtlingskrise weiter ein großes Thema – in dem Cartoon: "Lampedusa ist voll – erste Armutsflüchtlinge vor Sylt". In einem weiteren ist die Stimmung im bürgerlichen Milieu auf den Punkt gebracht: "Dieses Flüchtlingsthema bringt mich noch an die Grenze meiner Belastbarkeit!" beschwert sich der Mann bei seiner Frau, beide wohlbestallt auf der Wohnzimmercouch lümmelnd.

"Ich muss tatsächlich jedes Mal wieder von vorne anfangen"

Die Cartoons von Miriam Wurster treffen ins Mark. Sie entlarven und nehmen mit viel Witz die Krisen des Jahres auf die Schippe: " Sondereinsatz beim G20-Gipfel: Die deeskalierende Hundestaffel"

Miriam Wurster zeichnet für die Tageszeitung TAZ, für das Magazin Stern, für die Satiremagazine Titanic  und Charlie Hebdo. Sie gehört zu den vielseitigsten Künstlerinnen dieser Szene: "Ich muss tatsächlich jedes Mal wieder von vorne anfangen", sagt sie. "Bei  jedem Cartoon fange ich von vorne an. Ich habe nicht so meine Standard-Knollennasentypen, die immer gleich sind und immer in ähnlichen Situationen, sondern ich muss es immer komplett neu inszenieren. Eigentlich ist jeder Cartoon ein kleines Theaterstück."

Cartoon-Zeichner brauchen schon eine besondere Neigung. Wirklich lernen könne man das nicht, findet Miriam Wurster. Sie entwickelt ihre Ideen oft nebenbei, durch Beobachtung, beim Radiohören oder einfach beim Skizzieren:  "Heute ist es mal die dicke Diätkatze" , sagt sie grinsend. Es muss ja nicht immer Politik sein.

"Der Auspuff von Papas neuem Elektro-Auto!"

Im Band "Beste Bilder" sind jetzt auch ihre Karikaturen zu sehen. Wie die von rund 80 anderen deutschsprachigen Cartoonisten. Die Absurditäten des Alltags neu interpretiert: Da geht es um Gesichtserkennungskameras und ihre Grenzen oder um Braunkohlekraftwerke – wo es heißt: "Seht ihr das Braunkohle-Kraftwerk? Das ist der Auspuff von Papas neuem Elektro-Auto!"

Oder ein  "Geheimgespräch zwischen Putin und Trump". Da fragt  der eine den anderen: "Wie kommst Du eigentlich immer an die besten Frauen dran?" Und der andere antwortet:  "Das sage ich Dir, wenn Du mir verrätst, wie man der Fake-News-Presse das Maul stopft."

"Lüg ihn an"

Männer unter sich – das gibt es übrigens nicht nur in der Politik: "Es ist immer noch absolut eine Männerwelt, dieser Cartoonbetrieb. Männer sitzen an den Schaltstellen und entscheiden letztendlich auch, was lustig ist, und gucken auch ganz gerne, was die Männer machen", so Wurster.

Zum Glück ändern sich die Zeiten langsam. Frauen haben einen anderen Blick auf Themen und erweitern das Spektrum: Zwei Frauen unterhalten sich: "Postfaktische Ära, alternative Fakten, Trumpismus – wie soll ich diese Welt irgendwann meinem Ole erklären?" Antwort: "Lüg ihn an."

Oder auf einer Mänenrkonferenz:  "Es läuft gut, in Germany wurde Glyphosat als in Maßen unbedenklich eingestuft", sagt der eine. Er bekommt die Antwort: "Wir sollten auch Agent Orange wieder auf den Markt bringen!" Umwelt – war das Thema für Miriam Wurster in 2017.

Bei dem ganzen Irrsinn dieses Jahres kommt es für die Cartoonistin darauf an auch mal einen Gegenakzent zu setzen: "So ganz einfach niedliche Sachen zeichnen zu können, die einfach nur ein bisschen komisch sind, so zum Schmunzeln. Das macht Spaß."

Von der Diätkatze zur Diätfrau ist es dann nur noch ein Gedankensprung und Pinselstrich. Wunderbar.

Bericht: Anke Schnackenberg
Sendung: Hauptsache Kultur, 07.12.2017, 22.45 Uhr