"Alle Wünsche werden klein, gegen den, gesund zu sein.“ Das sagt der Volksmund – und vielleicht ist das auch der Grund, warum kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neuartige Medikamente, bahnbrechende Therapien oder scheinbar wichtige Gesundheitsempfehlungen angepriesen werden.

Aber ist das alles nur Geldmacherei oder bringt es wirklich was? Zum Beispiel diese neumodischen, bunten Bänder, mit denen etliche Sportler beklebt sind? Ist es wirklich eine gute Idee, Vitaminpillen zu schlucken Und kann ein Blick ins Mittelalter vielleicht helfen, eine moderne Volkskrankheit zu bekämpfen? Hier sind unsere zehn verblüffenden Medizinerkenntnisse.

Platz 10: Gefährlicher Bewegungsmangel – Ist Sitzen das neue Rauchen?

Bewegung ist gut, Bewegung macht Spaß, Bewegung ist die beste Medizin. Und was machen wir? Wir sitzen –im Büro, im Auto, in der Bahn und selbst in unserer Freizeit. Unsere Frage lautet: Wie viele Stunden sitzt der Durchschnittsdeutsche eigentlich täglich?

Eins vorweg: Wichtig ist, dass es um die durchschnittliche Sitzdauer geht. Denn längst nicht alle Menschen sitzen gleich viel. Wer beruflich viel auf den Beinen ist, etwa als Postbote, wird am Ende des Tages viel weniger gesessen haben als ein typischer Bürohengst. Doch im Computerzeitalter betrifft die Arbeit am Schreibtisch einen großen Teil der Bevölkerung. Zusammen mit anderen sitzenden Tätigkeiten summiert sich das: auf täglich rund 7,5 Stunden.

Und das kann ziemlich gefährlich werden – etwa für unser Herzkreislaufsystem und das Körpergerüst. Durch langes Sitzen verkümmert zum Beispiel die Rückenmuskulatur. Dadurch erhöht sich der Druck auf die Wirbelsäule. Die Folge: Die Bandscheiben können mit der Zeit löchrig werden - im Extremfall sogar reißen, etwa bei einer ruckartigen Bewegung. Problem zwei: Ständiges Sitzen drückt auf Magen und Darm. Das beeinträchtigt die Verdauung. Außerdem arbeitet der Stoffwechsel langsamer – der Körper verbrennt also weniger Kalorien, das Risiko für Übergewicht steigt. Doch selbst schlanken Menschen droht durchs lange Sitzen Gesundheitsgefahr. Warum?

Das soll ein Experiment an der Deutschen Sporthochschule in Köln zeigen. Am Morgen wird der Blutzuckerwert der Probanden gemessen. Noch liegt er bei etwa 100. Nun heißt es: Hochkonzentriert arbeiten wie im Büro, allerdings nur im Sitzen. Große Bewegungen sind nicht erlaubt, Aufstehen sogar verboten. Mittags gibt es ein ganz normales Essen. Wie hat sich der Blutzucker nach dem 6-Stunden-Test verändert? "Haben wir am Anfang mit 100 einen Wert gehabt, der schon relativ hoch war, weil die Probanden gestresst waren", sagt Prof. Ingo Froböse, "haben wir am Ende des Tages 145, 147 im Einzelfall gehabt! Das sind Werte, die machen mir große Sorge, weil sie schon fast Zuckerkranken ähneln."

Wer viel sitzt, riskiert früher zu sterben. Nicht nur durch Diabetes, auch durch Herzinfarkt. Das zeigen internationale Studien. Wir sollten uns also mehr bewegen. Oder? Lässt sich die Gefahr durch Bewegung reduzieren? Das soll einen Tag später der zweite Teil des Tests zeigen. Am Anfang liegt der Blutzuckerspiegel der beiden Probanden wieder bei etwa 100. Nun wird erneut gearbeitet.

Allerdings müssen unsere Testpersonen diesmal alle zwei Stunden Aktivpausen einlegen: Etwa Kniebeugen machen, Treppen laufen oder mit den Füßen wippen. Wie hat sich der Blutzucker durch Bewegung verändert? Ingo Froböse zeigt sich durchaus zufrieden: "Die Werte lagen im Tagesverlauf 30 bis 37 Prozent unterhalb des inaktiven Wertes vom Vortag. Und das zeigt, dass man damit wunderbar auch solche Erkrankungen wie Diabetes in den Griff bekommen kann. Und damit auch Gefäßschädigungen zum Beispiel vermeidet, die möglicherweise bis hin zum Herzinfarkt führen können!"

Ein entscheidender Punkt ist also, lange Sitzphasen immer wieder zu unterbrechen und den Körper in Schwung zu bringen. Ob bei der Arbeit oder in der Freizeit: Bewegung ist extrem wichtig. Und Untersuchungen zeigen: Schon kurze sportliche Aktivität reicht in der Regel, um Fitness und Gesundheit deutlich zu verbessern. Also: Worauf warten Sie noch?

Platz 9: Gesund durch Kneipp?

Wenn’s im Winter draußen bitterkalt ist, dann tauchen manche Zeitgenossen ab – in den See. Das soll die Abwehrkräfte stärken. Aber stimmt das wirklich? Der Arzt Thomas Rampp behandelt seine Patienten nach Sebastian Kneipp, also mit kaltem Wasser, wenn auch etwas weniger radikal als die See-Tauscher: "Diese kalten Wassergüsse nach Kneipp sind ein sehr intensiver Reiz für den Körper, stärken die Abwehrkräfte. Es gibt ja auch das Stichwort Abhärtung. Und es genügt, wenn man das an einzelnen Körperstellen macht, um die Abwehrkräfte zu stärken – zum Beispiel im Gesicht.“

Dass das wirklich wirkt, zeigt ein Test: Eine Woche lang sollen zwei Probanden kalte Wassergüsse im Gesicht anwenden. Zu Beginn geben sie eine Speichelprobe ab. Darin lässt sich das so genannte Immunglobulin A messen, kurz: IgA. Es ist ein Abwehrstoff gegen Erkältungen. Und genau der soll sich durch die Kaltwasserduschen vermehren.

Den Gesichtsguss gibt es idealerweise morgens und abends. Den kalten Wasserstrahl sollte man dabei drei Mal über Stirn und Wangen laufen lassen. Aber warum das Gesicht? Ganz einfach: Durch Mund, Nase und Rachen gelangen zum Beispiel Husten- und Schnupfenviren in unseren Organismus. Schleimhaut und Speichel enthalten allerdings die IgA-Abwehrkörper. Die docken an die Viren an und hindern die Viren daran, die Schleimhaut anzugreifen. Und: Die IgA locken weitere Virenfeinde an: Fresszellen. Die geben den Viren dann den Rest.

Nur:  Wie stark erhöht sich nach einer Woche Gesichtsduschen die Anzahl der IgAs im Speichel der Probanden?Nach einer Woche Kneippen geben die Probanden eine zweite Speichelprobe ab. Kurz darauf das Ergebnis: Die IgA-Werte haben sich deutlich erhöht! Im Speichel der Testpersonen fanden die Forscher nun gut 25 Prozent mehr IgA-Antikörper!

Wie der Kneipp-Guss im Körper genau wirkt, darüber rätseln die Forscher noch. Vermutlich funktioniert er aber über die Durchblutung: Die wird durch das kalte Wasser angeregt –und sorgt offenbar dafür, dass in Mund, Rachen und Nase verstärkt Abwehrkörper gebildet werden können. Übrigens: Damit die Wasserkur gut wirkt, sollten Sie mit den Gesichtsgüssen ruhig schon ein paar Monate vor der Erkältungssaison beginnen.

Platz 8: Kinesio-Tapes -  Wunderpflaster für die Muskulatur?

Mal ist es rot, mal blau, mal schwarz. Das sogenannte "Kinesio-Tape“ soll die Leistung steigern – und gilt nicht nur bei Sportlern als eine Art Wunderpflaster. Unsere Frage: Welche Farbe verwendet man speziell für den Rücken?

Dazu gleich mehr. Doch unabhängig von der Farbe, wie soll das Tape eigentlich helfen? Beispiel Handball: Bänder und Muskeln werden hier stark strapaziert. Die Tapes sollen deshalb Linderung schaffen und sogar schützen. Die Wirksamkeit der Klebebänder ist zwar umstritten und bisher nicht wissenschaftlich belegt. Viele Mannschaftsärzte verordnen sie dennoch. Denn die Spieler berichten, dass sie sich dadurch besser fühlen.

"Man kann damit Muskulatur detonisieren, das heißt, von der Spannung etwas runter holen.“, sagt die Physiotherapeutin Jenny Köster. "Man kann aber auch Muskulatur, die generell zu wenig arbeitet, durch das Tape dazu auffordern, mehr und schneller zu arbeiten, etwas aktiver zu sein." Wirken soll das Tape durch seine wellenförmige Klebe-Fläche. Sie hebt die Haut in feinen Abständen an. Durch die Bewegung des Körpers werden die Schichten darunter massiert und stimuliert. Sportmediziner vermuten, dass die Muskeln so je nach Klebetechnik Signale zur Entspannung oder Anspannung bekommen.

Und die Farben? Rot soll angeblich anregen, Blau beruhigen und Schwarz die Wirkung der anderen Farben verstärken. Für den Rücken ist aber keine Farbe speziell gedacht. Wissenschaftler halten die Farbenlehre ohnehin für Humbug, denn abgesehen von der Färbung ist das Tape in der Regel immer gleich.

Platz 7: Schrittmacher für die Zunge

Schnarchen nervt. Und Schnarchen ist ein Massenphänomen. Schätzungen zufolge schnarchen 20 bis 30 Millionen Deutsche, überwiegend Männer. Und mit zunehmendem Alter wird immer häufiger in der Nacht gesägt. Für den Schnarcher selbst kann das zur Lebensgefahr werden – wenn dabei sein Atem aussetzt. Mit einer sogenannten Schlafapnoe steigt das Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall immens an. Hinzu kommen Tagesmüdigkeit oder plötzliches Einschlafen. Wir wollen wissen: Wie lang kann bei Betroffenen der sogenannten Schlafapnoe der Atem aussetzen?

Klaus W. leidet seit Jahren unter solchen nächtlichen Atemaussetzern. Aufzeichnungen im Schlaflabor zeigen: Er hat mehr als 30 Aussetzer pro Stunde, der längste dauerte 39 Sekunden. Doch es kann noch schlimmer kommen. Bei manchen Betroffenen können die Atemaussetzer bis zu zwei Minuten dauern. Die Therapie bisher: Eine Atemmaske für die Nacht, die mit Druck Luft zuführt. Eine laute, unangenehme Prozedur, die viele Betroffene nur schlecht schlafen lässt. Jetzt gibt es eine neue, vollkommen geräuschlose Behandlungsmöglichkeit – den Zungenschrittmacher.

Denn es ist die erschlaffte Zunge, die im Schlaf das Luftholen behindert. Der Zungenschrittmacher wird unterhalb des Schlüsselbeins eingepflanzt. Von dort führt ein Kabel zum Zwerchfell und misst die Atemfrequenz. Ein zweites Kabel führt zum Zungennerv. Wird zu wenig geatmet, sendet der Schrittmacher einen elektrischen Impuls an diesen Nerv. Der stimuliert dann die Zungenmuskulatur – die Zunge fällt nicht mehr nach hinten und so bleibt der Atemweg frei.

Im Schlaf merkt man nichts von den Impulsen. Und im Schlaflabor zeigt sich: Viele Patienten atmen regelmäßiger, bekommen nun wieder genügend Luft. So wie Klaus W. Er berichtet:  „Ich bin dann am nächsten Tag so drauf, wie man es halt normal sein sollte. Fit, ausgeruht, fröhlich, fertig für den Tag.“

Seit 2016 ist der Zungenschrittmacher in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen und wir unter bestimmten Voraussetzungen bezahlt.

Platz 6: Spinnen – Heilung auf acht Beinen?

Sie lauern in ihrem Netz auf wehrlose Beute – und bei vielen von uns lösen sie Ekel aus: Spinnen. Doch tatsächlich könnten die Achtbeiner ein Geschenk für die Medizin sein.

Daran arbeitet Dr. Sarah Strauß an der medizinischen Hochschule Hannover: Mithilfe von Spinnen will die Biologin Patienten behandeln lassen, die schwere Verletzungen erlitten haben. Aber wie soll das gehen? Wie sollen Spinnen Verletzten helfen können? Durch einen giftigen Biss? Durch ihre Spinnweben? Oder dienen sie als nahrhafter Proteinsnack?

Die Antwort: Spinnen produzieren Spinnenseide. So wird etwa an Pflastern aus Spinnenseide geforscht. Doch Sarah Strauß hat es in ihrer Forschung auf tiefere Verletzungen abgesehen. Wenn etwa bei einem Unfall Nerven durchtrennt werden, kann es gefährlich werden. Wachsen die Nerven nicht wieder zusammen, drohen Lähmungen.

"Ein verletzter Nerv kann zwar regenerieren“, sagt Strauß, "aber er ist orientierungslos und weiß nicht, wo er hin wachsen soll. Und er wächst dann kreuz und quer und im schlimmsten Fall im Kreis." Genau das sollen Spinnweben verhindern! Und zwar die der goldenen Radnetzspinne. Die Spinnseide gewinnt die Forscherin dadurch, dass sie die Spinne "melkt". Dafür wird das Tier zunächst auf einem Stück Schaumstoff fixiert. Dann fischt Sarah Strauß nach dem Seidenfaden und beginnt, ihn um eine Art Spinnrad zu wickeln. Für die Spinne ist das völlig schmerzfrei. Das Ergebnis von 15 Minuten Melken: rund 100 Meter Spinnenseide. Doch wie kann Spinnenseide verletzte Nerven wieder wachsen lassen? Ist ein Nerv durchtrennt, braucht er eine Art Leitschiene, an der er wieder zusammenwachsen kann. Dafür wird ein Stück tierische Vene mit hunderten Spinnenseide-Fäden gefüllt. Die gefüllte Vene wird dann zwischen die durchtrennten Nervenenden gesetzt. Neue Nervenfasern wachsen an ihr entlang. Und finden so ihren Weg vom einen zum anderen Nervenende.

An einem Schaf wurde die Methode bereits erfolgreich getestet. Die Forscher wollen sie schon bald auch am Menschen erproben. Das Problem: Die Gewinnung der Seide ist sehr aufwändig und reicht nicht für eine Massenproduktion. Deshalb arbeiten Forscher an spinnenfreien Form der Herstellung. Mit ersten Erfolgen.

Platz 5: Heilende Krankenhauszimmer – gibt es die wirklich?

Charité Berlin, Intensivstation. Ein ganz normales Bett. Ein ganz normales Zimmer. Könnte man meinen. Aber: In diesem Zimmer geht jeden Morgen die Sonne auf – per Lichtinstallation an einem baldachinartigen Himmel. Alles erinnert ein wenig an ein Design-Hotel. Aber dies ist eines der beiden neuen Intensivzimmer der Charité! Die medizinischen Geräte – sie sind für die Patientin kaum zu sehen. Und: Es ist vergleichsweise ruhig in diesem Zimmer. Daneben ein klassisches Intensivzimmer. Die Patienten liegen im Neonlicht, umgeben von lauten Maschinen. Wir haben gemessen und wollen wissen: Wie laut wird es in solch einem Intensivstationszimmer? 50 Dezibel, so laut wie Vogelgezwitscher? Oder 80 Dezibel, wie starker Verkehr? Oder 110 Dezibel, wie eine Kettensäge?

Auf jeden Fall ist es in den Zimmern zu laut. "Wir denken, dass die Patienten sich hier nicht wohl fühlen", sagt Studienleiterin Prof. Claudia Spies. "Diese Patienten haben kein gutes Heilungsempfinden. Und wenn Sie sich vorstellen, Sie wären krank und liegen in einer Lagerhalle und es ist laut um Sie herum, Sie haben ständig Lichtinteraktionen, die Sie nicht wollen, in der Situation fühlen Sie sich nicht wohl und werden auch nicht so schnell genesen.“ Ob das auch anders geht, untersucht ein Ärzteteam der Berliner Charité. Werden schwerkranke Patienten schneller gesund in einer angenehmeren Raumatmosphäre? Neben der Lautstärke ist das Tageslicht ein Genesungs-Faktor. Denn es beeinflusst unseren Schlaf-Wach-Rhythmus. Die Deckenprojektion dieses Zimmers simuliert die Tageszeiten, es entsteht ein Licht wie unter freiem Himmel. Sogar ein Blätterdach kann nachempfunden werden. Von den neuen Zimmer versprechen sich die Ärzte auch, dass Patienten weniger Schmerzen haben und seltener Schmerzmittel benötigen.

In der Studie wurden die Schallpegel regelmäßig gemessen. In Wohngebieten dürfen es laut WHO nachts höchstens 40 Dezibel sein! In den alten Intensiv-Zimmern ergeben sich jedoch Werte bis zu 80 Dezibel! Die umgestalteten neuen Intensivzimmer sind hingegen schallisoliert. Erste Messungen zeigen: Die Lautstärke ist hier bis zu 20 Dezibel geringer.

Vor allem die Schlafprotokolle zeigen einen positiven Effekt des neuartigen Licht- und Geräuschdesigns. Denn die für die Genesung wichtigen Tiefschlafphasen der Patienten sind 20 mal länger. Das heilsame Design ist zwar teuer, aber man erwartet dadurch, dass die Patienten ein bis zwei Tage schneller genesen. Und das spart wiederum eine ganze Menge Geld.

Platz 4: Nahrungsergänzungsmittel - Zuviel des Guten?

Nahrungsergänzungsmittel– sie sollen uns jung, schön und gesund halten. Betakarotin für schöne Haut. ACE zur Stärkung unserer Abwehrkräfte. Doch künstliche Vitamine können sich als Risikofaktor für die Entstehung teils schwerer Krankheiten entpuppen. Statt zu helfen, können bestimmte Nahrungsergänzungsmittel offenbar Prostatakrebs oder Lungenkrebs verursachen.

Beispiel Betakarotin: In einer US-amerikanischen Studie wurde 20.000 Männern eine erhöhte Dosis Betakarotin verabreicht.  Alle Probanden waren Raucher oder Ex-Raucher.  Die Hoffnung: Durch die vermehrte Gabe von Betakarotin sollte das Lungenkrebs-Risiko sinken. Doch das Ergebnis schockierte: Bis zu 18 Prozent MEHR Lungenkrebs durch Betacarotin. Die Forscher reagierten sofort: Die Studie wurde abgebrochen. Und auch Tests mit anderen Vitaminpräparaten brachten beunruhigende  Ergebnisse. Beispiel ACE-Präparate für mehr Abwehrkräfte. Das Ergebnis: Die Einnahme von Vitamin C  stellte sich schlichtweg als wirkungslos dar. Vitamin E  hingegen ließ die Sterblichkeit um vier Prozent steigen, und bei Vitamin A sogar um ganze 14 Prozent!

Doch warum überhaupt zusätzliche Vitamine? Forscher vermuten: Durch Stress, Rauchen, schlechte Ernährung oder zu viel Sonnenlicht  entstehen im Körper so genannte freie Radikale, die unsere gesunden Zellen schädigen und zu Krebszellen mutieren lassen können. Durch Vitamine sollten die freien Radikale eigentlich gebunden und dadurch unschädlich gemacht werden. Warum aber sollen jetzt genau diese Vitamine die Entstehung von mehr Krebszellen begünstigen?

Wasserlösliche Vitamine wie Vitamin C sind offenbar unproblematisch, denn sie werden rasch mit dem Urin ausgeschieden. Im Gegensatz zu den fettlöslichen Vitaminen A, E und Betakarotin. "Bei den fettlöslichen ist das nicht der Fall“, sagt Prof. Rudolf Kaaks vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. "Und da kann es gegebenenfalls, wenn man wirklich in hohen Dosierungen Ergänzungsmittel benutzt, zu Toxizität kommen. Das kann wirklich toxische Wirkungen haben und das häuft sich im Körper an."

Fazit: Die Mittel können gefährlich werden. Doch wie viel Prozent der Deutschen greifen trotzdem regelmäßig zu Nahrungsergänzungsmitteln? Besonders wenige dürften es eigentlich nicht sein. Denn mit Nahrungsergänzungsmitteln werden in Deutschland jährlich rund 900 Millionen Euro umgesetzt. Und tatsächlich nehmen laut Umfragen rund 30 Prozent der Deutschen regelmäßig solche Mittel.

Unser Tipp: Greifen Sie statt zu künstlichen Vitaminen lieber zu frischem Gemüse und Obst. Etwa zum Apfel. Der besitzt eine Vielfalt wertvoller Inhaltsstoffe, stärkt nachweislich unsere Immunabwehr und im Gegensatz zu Pillen schmeckt er auch noch richtig gut.

Platz 3: Kopfsache – Hilft Ablenkung gegen Schmerzen?

Chronische Schmerzen sind weit verbreitet. Ob im Kopf, in den Gelenken oder – besonders häufig – im Rücken. Viele Schmerzpatienten haben eine lange Leidensgeschichte. Unsere Frage: Wie viele Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen? Es sind erschreckend viele. Fachleute schätzen die Zahl der Schmerzpatienten auf bis zu 23 Millionen.

Grazyna P. ist eine von ihnen. Jahrelang macht ihr der Rücken zu schaffen. Wie viele andere Betroffene auch bekommt sie zunächst starke Schmerzmittel verschrieben. Doch die haben etliche Nebenwirkungen. Deshalb sucht Grazyna P. Hilfe bei Andreas Böger. Der Kasseler Schmerztherapeut wendet eine Therapieform an, die ungewöhnlich klingt: Er will der Patientin unter anderem dabei helfen, die Aufmerksamkeit vom Schmerz weg zu lenken – hin zu angenehmen Tätigkeiten in ihrem Leben. "Und damit erreichen wir, dass Sie den Schmerz weniger stark empfinden und er Sie weniger beeinträchtigt“, so Andreas Böger.Grazyna P. liebt ihren Garten, die Bäume und Blumen haben es ihr angetan. Auf diese schönen Dinge soll sie sich – als Teil ihrer Therapie – nun konzentrieren, und sich so von ihren Schmerzen ablenken. Kann das funktionieren?

Hamburger Wissenschaftler machten dazu eine Studie: Probanden wurden schmerzhafte Reize am Arm zugefügt. Gleichzeitig sollten sie eine anspruchsvolle Gedächtnisaufgabe lösen. Durch die Aufgabe abgelenkt, empfanden sie die Schmerzen tatsächlich um 20 Prozent schwächer.

Grazyna P. hatte geübt, sich im Garten von ihren Schmerzen abzulenken. Einige Zeit später soll sie ein so genanntes Biofeedback machen. Sensoren messen dabei ihre Muskelverspannung, ein wichtiges Indiz für Schmerzen. Gelingt es ihr, sich mit schönen Gedanken abzulenken, entspannen sich die Muskeln. Die Sensoren melden das dem Bio-Feedback-Gerät, das daraufhin auf einem Monitor symbolisch eine Rose öffnet. Und tatsächlich sieht das Testergebnis vielversprechend aus. Dr. Böger ist zufrieden: „Man hat gesehen, dass Sie schon Erfahrung hatten, Ihren Aufmerksamkeits-Scheinwerfer vom Schmerz wegzubewegen. Das hat sich gut in dieser Biofeedback-Darstellung gezeigt, denn Sie haben gelernt, die Rose sehr schnell aufzumachen.“ Grazyna P. hat von der Ablenkungs-Therapie enorm profitiert. Sie nimmt mittlerweile keine Schmerztabletten mehr – und kann die Gartenarbeit, die für sie zuvor eine Tortur war, endlich wieder genießen.

Platz 2: Globuli – Medizin ohne Wirkstoff?

Sie sind winzig klein, und sollen doch gegen so vieles helfen: Gegen Kopfschmerzen, Allergien, Magen-Darm-Beschwerden. Ihr Einsatzgebiet: quasi grenzenlos. Die Rede ist von sogenannten Globuli, winzigen Zuckerkügelchen. Aber: Helfen diese homöopathischen Heilmittel überhaupt? Das ist umstritten, auch unter Ärzten. "Die Homöopathie ist ein Segen für die Medizin und auch für meine Praxis“, sagt etwa Gerhard Bleul, Allgemeinmediziner und Homöopath, "denn ganz viele Fälle kann ich homöopathisch sehr gut alleine behandeln.“ Prof. Martin Hermann, Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren, sagt hingegen: "Die Medikamente enthalten nichts, ihnen wird etwas zugesprochen sowohl vom Arzt als auch vom Patienten“. Wie Hermann halten viele Mediziner die Jahrhunderte alte Heilmethode für wirkungslos. Allein schon deshalb, weil der vermeintliche Wirkstoff viel zu sehr verdünnt wird. "Trotz heute deutlich verbesserter Analytik“, sagt Hermann, "ist jetzt nichts und vor 200 Jahren auch nichts nachweisbar." Je nach Verdünnung tragen die Mittel unterschiedliche Bezeichnungen, etwa D23. Unsere Frage: Wie stark verdünnt ist der Wirkstoff bei "D23“? Entspricht das ungefähr einem Tropfen in einem Olympiaschwimmbecken, im hessischen Edersee oder im gesamten Mittelmeer?

Der homöopathische Wirkstoff wird aus einer so genannten Urtinktur gewonnen. Die wird aber mehrmals verdünnt, je nach Verfahren unterschiedlich stark. Ein Teil der Tinktur wird zunächst in eine bestimmte Menge Wasser oder Alkohol gegeben – und verteilt sich dort. Aus dieser Verdünnung wird anschließend wieder nur eine kleine Menge genommen, in den nächsten Flüssigkeitsbehälter getan, und so weiter. Am Ende dieser Prozedur entspricht beispielsweise die Verdünnung bei D23 gerade mal einem Tropfen Wirkstoff im gesamten Mittelmeer. Und das ist noch nicht die stärkste homöopathische Verdünnung.

Nichts drin, aber trotzdem wirksam? Wie kann das sein? Und: Warum setzen zahlreiche Ärzte trotzdem auf die vermeintliche Wirkung der Minikugeln? „Es wirkt kein Stoff, das ist sicher", sagt Homöopath Bleul. "Wir wissen aber nicht, welches Prinzip darin zur Geltung kommt. Wir haben in wie viel Millionen Fällen erlebt, dass die Homöopathie hilft. Und es gibt genügend Studien, die das nachweisen können. Wir wissen nur nicht, welche Mechanik dahinter steckt.“ Schulmediziner haben dafür eine ganz simple Erklärung. "Ich glaube", sagt Hermann, "die Hauptrolle spielt tatsächlich der Placeboeffekt. Aber nicht nur bei der Homöopathie, auch bei allen anderen Heilmethoden.“

Bei ernsten Krankheiten sollte man sich darauf aber nicht verlassen. Unser Fazit: Globuli haben oftmals keinen nachweisbaren Wirkstoff, falls sie überhaupt helfen, dann wahrscheinlich nur als Placebos. Deshalb Vorsicht: Wer nur auf die Kügelchen setzt, verschleppt vielleicht eine ernste Erkrankung. Im Zweifelsfall gilt: Erst zum Arzt und dann zum Apotheker.

Platz 1: Aderlass – Therapie bei Bluthochdruck?

Wenn Menschen im Mittelalter krank waren, dann war es Zeit für den Aderlass. Durchgeführt wurde das blutige Ritual von so genannten Badern, mittelalterlichen Heilkundigen. Man erhoffte sich davon Linderung bei zahlreichen Leiden.

Die mittelalterliche Medizin ging davon aus, dass Krankheiten auf einem Ungleichgewicht der Körpersäfte beruhen. Der gelben und schwarzen Galle, des Schleims und des dominanten Safts, des Blutes. War man der Meinung, dass zu viel oder gar „krankes“ Blut im Körper zirkulierte, sollte der Aderlass wieder für ein Gleichgewicht sorgen und den Patienten heilen. Doch der Aderlass war meist wirkungslos, verschlimmerte die Krankheiten sogar zum Teil. Mit Beginn der modernen Chirurgie und Diagnostik – Mitte des 19. Jahrhunderts – verschwand der Aderlass als Therapieform. Doch er könnte ein Comeback erleben.

Der Berliner Mediziner Prof. Andreas Michalsen sagt: Der Aderlass kann helfen. „Wenn man die alten Schriften liest, dann steht da natürlich, dass man den Aderlass vor allem bei Herzleiden, Schlagfluss – also Schlaganfall –, bei Zeichen, rotes Gesicht, starker Puls anwendet. Wo wir heute sagen würden: Das war Bluthochdruck.“ Doch was ist da dran? In einer Studie nahmen Berliner Mediziner 300 Bluthochdruck-Patienten alle zwei Monate einen knappen halben Liter Blut ab. So viel also wie bei einer ganz normalen Blutspende. Vor und nach dem Aderlass wurde der Blutdruck der Teilnehmer gemessen und notiert. Ein ganzes Jahr lang lief die Studie. Dann die spannende Frage: Kann der Aderlass den Blutdruck tatsächlich senken? „Wir waren wirklich nicht so ganz sicher“, sagt Michalsen. "Und dann kam schon eine große Überraschung, als wir in der Statistik nach mehreren Wochen diese ausgeprägte Blutdrucksenkung sahen. Und da waren wir wirklich baff. Da waren wir überraschtüber diese Ausprägung.“ Denn bei den Bluthochdruck-Patienten sank der Wert im Schnitt um knapp 20 Punkte – und blieb auf dem niedrigen Niveau, wenn der Aderlass alle zwei bis drei Monate wiederholt wurde. Eine ganz einfache Lösung also für ein Volksleiden? Ganz so einfach ist es leider nicht. Bei starkem Bluthochdruck geht es nicht ohne Medikamente. Aber warum wirkt der Aderlass überhaupt? Jedenfalls nicht, weil weniger Blut im Körper ist. Die Forscher vermuten: Nach dem Aderlass bilden sich frische rote Blutkörperchen. Die sind elastischer und leichter verformbar. Deshalb lässt sich das Blut mit weniger Druck durch die Gefäße pumpen. Und genau das könnte sich positiv auf den Blutdruck auswirken. Der mittelalterliche Aderlass könnte etwa 70 Prozent der heutigen Bluthochdruck-Patienten helfen. Wer hätte das gedacht!?

Sendung: hr-fernsehen, "Alles Wissen", 04.01.2018, 20:15 Uhr