sommerzeit
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Kürzlich hat das EU-Parlament die EU-Kommission damit beauftragt, die Abschaffung der Sommerzeit zu prüfen. Tatsächlich sind knapp drei Viertel aller Deutschen gegen die Zeitumstellung. Doch was bewegt die Leute und was für Folgen hätte die Abschaffung?

Unsere Grafik zeigt die Uhrzeit des Sonnenauf- und Untergangs im Jahresverlauf am Beispiel von Frankfurt am Main. Die gelben Linien beziehen sich dabei auf die Mitteleuropäische Zeit (MEZ), die orangen Linien auf die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ).

Das Thema „Sommerzeit – ja oder nein?“ löst bisweilen heftige Diskussionen aus. Die Sichtung einiger hundert Kommentare auf Facebook hat gezeigt, was den Leuten wichtig ist. An erster Stelle stehen dabei die Unannehmlichkeiten durch die Umstellung. Wahrscheinlich kennt es jeder, wenn er am Tag der Umstellung auf die Uhr schaut und sich wundert, wie spät es ist. Für einige Menschen ist die Umstellung jedoch nach 3 bis spätestens 7 Tagen erledigt und vergessen. Andere fühlen sich länger beeinträchtigt. Es gibt Meinungen, dass große Teile der Bevölkerung wegen der Zeitumstellung dauerhaft krank seien. Hier muss sich jeder selbst fragen, wie groß die negative Auswirkung der Umstellung auf ihn ist. Darüber hinaus könnten ärztliche Untersuchungen zu Rate gezogen werden. Die Deutschen sind Weltmeister im Verreisen. Ein Flug in die USA bringt beispielsweise 6 bis 9 Stunden Zeitverschiebung mit sich. Vielleicht sollte man vor dem gesundheitlichen Aspekt auch über ein Verbot von Urlaubsflügen in andere Zeitzonen nachdenken. Auf der anderen Seite ist davon auszugehen, dass jeder, der größere Probleme mit der Umstellung hat, ohnehin auf solche Flüge verzichtet.

Immer wieder taucht das Argument auf, dass sich die Nutztiere mit der Umstellung sehr schwer tun. In früheren Jahrhunderten waren 90 Prozent der Bevölkerung Bauern und wären von einer Zeitumstellung damit selbst direkt betroffen gewesen. Aktuell sind es noch knapp 2 Prozent. Trotzdem ist das Mitgefühl der Deutschen mit den Tieren in dieser Angelegenheit lobenswert.

Einigen Menschen ist es auch wichtig, dass die Sonne um exakt 12 Uhr am höchsten steht. Um das zu gewährleisten, müssten wir aber nicht die Sommerzeit abschaffen, sondern die wahre Ortszeit einführen. Diese genauer zu erklären wäre ein eigenes Thema. Sie ist für jeden Ort unterschiedlich und wandelt sich zudem noch im Jahresverlauf. Nur die wahre Ortszeit ist exakt an den Sonnenstand angepasst. Die grüne Kurve in unserer Abbildung zeigt exemplarisch für Frankfurt am Main, wann die Sonne bei ganzjähriger Verwendung der Winterzeit (MEZ) am höchsten steht. Es ist im Mittel um 12:25 Uhr und schwankt im Jahresverlauf (auch ohne Zeitumstellung) um 31 Minuten. Wer sich für den Grund dieser Schwankung interessiert, muss sich zum Thema „Zeitgleichung“ schlau machen. Hier stellt sich die Frage, ob diese Schwankung für besonders sensible Menschen nicht auch schon gesundheitsgefährdend ist und man vielleicht doch die wahre Ortszeit einführen sollte. Nur mit dieser könnte man die nach dem Sonnenstand ausgerichtete innere Uhr in exakten Einklang mit dem Tagesablauf bringen.

Ein Argument gegen die Sommerzeit ist die Tatsache, dass die Winterzeit zuerst existierte, weshalb sie die richtige Zeit sei. In den 4,6 Milliarden Jahren der Evolution gab es gar keine Uhren. Egal welche Zeit man verwendet, es ist eine willkürliche Definition, die insbesondere praktischen Zielen dienen sollte. Wer sich auf einer Weltkarte die Zeitzonen ansieht, wird feststellen, dass diese vielfach Ländergrenzen folgen statt in geografisch korrekten geraden Linien zu verlaufen. Das Land Chile z.B. hat zum 28. Januar 2015 die ganzjährige Sommerzeit eingeführt, was zu einer Angleichung an das benachbarte Argentinien führte, mit dem sich das Land eine mehrere Tausend Kilometer lange gemeinsame Grenze teilt. Argentinien wiederum verwendet die Zeitzone, die eigentlich zu Brasilien gehört. All das hat zur Folge, dass die Sonne in einigen Regionen Chiles erst um 14 Uhr am höchsten steht.

Grund für die Einführung der Sommerzeit war die Annahme, dadurch Energie zu sparen. Die Sommerzeit wurde 1980 dauerhaft eingeführt, in einigen Kriegsjahren hatte es sie schon vorher gegeben. Die Energieeinsparung blieb aber deutlich hinter den Erwartungen zurück. In den Tagen der Zeitumstellung stehen die Unannehmlichkeiten im Vordergrund und Die Sommerzeit bringt nicht einmal den ursprünglich erhofften Nutzen. Deshalb ist es naheliegend, für ihre Abschaffung sein.

Doch ehe man sie abschafft, sollte man wenigstens darüber nachdenken, ob sich nicht andere Vorteile ergeben haben, die ursprünglich nicht Ziel der Einführung waren. Und  man sollte dabei nicht zu sehr auf den unmittelbaren Zeitraum nach der Umstellung fixiert sein, sondern den ganzen Sommer im Auge behalten.

Für den nicht-arbeitenden Teil der Bevölkerung, wie Rentner oder Selbständige mit flexibler Arbeitszeiteinteilung, ist es egal, was die Uhr anzeigt. Die können dem Argument der Sommerzeitgegner, man solle im Sommer einfach eine Stunde eher aufstehen, nachkommen. Für alle Menschen mit fixen Arbeitszeiten ist es aber nicht egal, was die Uhr anzeigt, sie können nicht flexibel darauf reagieren. Unsere Abbildung zeigt den Zeitpunkt des Sonnenauf- und Untergangs für Frankfurt am Main bei ganzjähriger Winterzeit (gelbe Linie) und unter Beibehaltung der Sommerzeit (orange Linie). Für andere Orte Deutschlands sähe es nicht identisch, aber sehr ähnlich aus. Dazu ist der Zeitraum zwischen 7 und 18 Uhr grau hinterlegt. In dieser Zeit kann ein typischer Arbeitnehmer das Sonnenlicht nicht nutzen, weil er im Büro oder in der Fabrik sitzt, pendelt und vielleicht noch etwas frühstückt oder zu Abend isst. Nach einem fix vorgegebenen Feierabend gewinnt der Arbeitnehmer durch die Sommerzeit an jedem Sommerwerktag eine Stunde Sonnenlicht für die Freizeitgestaltung. In unserem Beispiel kommt er über das Jahr summiert auf 382 Stunden Sonnenlicht nach seinen Feierabenden. Nach Abschaffung der Sommerzeit verbleiben noch 240 Stunden. Klar ist das keine Zauberei, der Tag wird durch die Sommerzeit nicht länger. Es geht hier nur um eine Umverteilung des Lichts. Was wir derzeit durch die Sommerzeit abends gewinnen, verlieren wir in den Frühstunden. Nach Abschaffung der Sommerzeit stünde in den Frühstunden mehr Sonnenlicht zur Verfügung und man könnte plötzlich morgens um 4:30 Uhr einen sonnigen Sommerspaziergang vor der Arbeit machen. Und hier bleibt es wieder jedem selbst überlassen zu entscheiden, was er lieber mag. Einen Spaziergang morgens in Vorfreude auf die Arbeit, oder am Abend nach Dienstschluss.

Für die Schüler wäre die Abschaffung der Sommerzeit auch nicht folgenlos. Gemessen am Sonnenstand fände der Unterricht dann eine Stunde später statt, an heißen Sommertagen wäre es in den meist nicht klimatisierten Schulen entsprechend wärmer. Schüler könnten sich nach der Abschaffung deutlich öfter über Hitzefrei freuen.

Zu diesem Thema gibt es viele verschiedene Meinungen, weil jeder anders auf die Umstellung reagiert und weil es nicht jedem wichtig ist, nach Feierabend noch Sonnenlicht zu haben. Deshalb wäre es das beste, wenn es vor der Abschaffung der Sommerzeit eine Volksabstimmung gäbe, mit folgenden Optionen: Es wird nichts geändert; wir verwenden immer die Winterzeit oder es wird eine ganzjährige Sommerzeit eingeführt. Doch höchstwahrscheinlich wird Brüssel über dieses Thema entscheiden.

Donnerstag, 22. Februar 2018

Dr. Ingo Bertram

hr-Wetterredaktion

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 23.03.2018 19:15 Uhr