chaos
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Was hat der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien mit der Entstehung eines Tornados in Texas zu tun?

Als Edward N. Lorenz im Winter 1961 am renommierten Massachusetts Institute of Technology in Cambridge bei Boston Studien zur langfristigen Wettervorhersage betrieb, stieß er eher zufällig auf Eigenschaften seines vereinfachten Wettermodells, die den Grundstein für ein ganz neues Teilgebiet der Physik legen sollten: die Chaosforschung.

Er simulierte am Computer eine dünne flüssige Schicht, quasi die Atmosphäre, die eingeschlossen zwischen zwei Platten von unten beheizt werden kann. Damit lassen sich sogenannte konvektive Vorgänge studieren, die unter anderem auch für kräftige Schauer und Gewitter verantwortlich sind. Die notwendige Mathematik besteht aus drei gekoppelten Differentialgleichungen, welche die zeitliche Entwicklung des Systems beschreiben. Deren Form ist eigentlich recht überschaubar und für jeden Anfangszustand lassen sich Lösungen für beliebig weit in der Zukunft liegende Zeitpunkte eindeutig bestimmen.

Doch als Lorenz, um damals noch teure Rechenzeit zu sparen, Zwischenergebnisse heranzog um identische Berechnungen erneut, jedoch für längere Zeitspannen durchzuführen, wich das neue Ergebnis überraschender Weise stark vom vorherigen ab. Die verwendeten Startwerte lagen als Ausdruck mit einer Genauigkeit von nur drei Nachkommastellen vor, das Computerprogramm rechnete jedoch mit sechs Nachkommastellen. Die neuen Startwerte unterschieden sich somit, wenn auch nur um 0,1 Promille von den ursprünglichen, was aber ausreichte eine stark abweichende Lösung zu erzeugen.

Lorenz erforschte daraufhin sein System ausgiebig und erkannte, dass diese Empfindlichkeit gegenüber den Anfangsbedingungen eine allgemeine Eigenschaft bestimmter nichtlinearer dynamischer Systeme darstellt. Er postulierte, dass der Wettervorhersage prinzipielle Grenzen gesetzt sind, da man den Anfangszustand der Atmosphäre nicht beliebig genau und nicht an beliebig vielen Punkten messen kann. Zudem können sich kleine Ursachen zu großen Wirkungen aufschaukeln, was er mit einem Schmetterling verglich, dessen Flügelschlag in Brasilien, im übertragenen Sinne, einen Tornado in Texas auslösen könne.

Abschätzungen haben ergeben, dass sich mit den Daten aus 1000 weltweit gleichmäßig verteilten Messstationen das Wetter für etwa vier Tage in die Zukunft prognostizieren lässt. Für 11 Tage bräuchte man aber bereits etwa 100 Millionen Stationen und wollte man das Wetter für einen Monat im Voraus berechnen, müsste man eine Station pro fünf Quadratmillimeter Erdoberfläche aufstellen.

Wenn man beispielsweise die Temperaturentwicklung mit demselben Computermodell, aber mit leicht unterschiedlichen Anfangswerten mehrfach berechnet, so weichen die Entwicklungen nach einigen Tagen deutlich voneinander ab. Anhand solcher sogenannten Ensemble-Vorhersagen lässt die Vorhersagehorizont abschätzen, der bei komplizierten Wetterlagen nur wenige Tage, bei ruhigem Hochdruckwetter unter Umständen bis über eine Woche in die Zukunft reicht. Weiter lässt sich die Natur nicht in die Karten schauen und verbirgt die fernere Zukunft hinter dem Schleier des Chaos. Somit ist es wenig verwunderlich, dass die Spannbreite der prognostizierten Höchsttemperatur für den 30. November zwischen 13,5 und minus 3,7 Grad liegt.

Mittwoch, 21. November 2018

Tim Staeger

hr-Wetterredaktion

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 21.11.2018 19:15 Uhr