westlagen

Seit dem 26. Januar dominierte eine Westwetterlage unser Wettergeschehen, der erst jetzt die Puste ausgeht. Die Persistenz dieser Wetterlage war schon auffällig und es stellt sich die Frage, inwieweit so viel Westwetter normal ist.

Unsere Grafik zeigt die relative Häufigkeit der Wetterlage „West zyklonal“, klassifiziert nach Hess und Brezovsky. Die Kurve ist mit einem fünf Jahre übergreifenden Filter geglättet.

Das Wetter wiederholt sich niemals exakt, aber trotzdem gibt es immer wieder ähnliche Muster im Ablauf des Wettergeschehens und in der Druckverteilung. Deshalb ist es sinnvoll, Tage mit ähnlicher Druckverteilung zusammenzufassen. Im Laufe der Zeit wurden für verschiedene Länder unterschiedliche Klassifikationen entwickelt. Für Mitteleuropa und somit auch für Deutschland ist die Einteilung nach Hess und Brezowsky sinnvoll. Deren erster Katalog der Großwetterlagen Europas kam im Jahre 1952 heraus. Diese Einteilung erfolgt nach der Lage der steuernden Hochs und Tiefs und berücksichtigt dabei, ob in Mitteleuropa der Hochdruck- oder der Tiefdruckeinfluss überwiegt. Unterschieden werden hierbei 29 Großwetterlagen. Das Wetter selbst kann während einer Großwetterlage wechseln, der Charakter der jeweiligen Witterung bleibt aber erhalten. Die Wetterlagen dauern typischerweise 3 Tage bis mehrere Wochen an.

Von den 29 verschiedenen Lagen ist die Lage „West zyklonal“ mit Abstand unsere häufigste Wetterlage, im langjährigen Mittel erleben wir sie an 16 Prozent aller Tage. Über Nordeuropa liegt tiefer Druck, über dem Mittelmeer hoher. Dazwischen ziehen immer wieder atlantische Tiefs mit ihren Ausläufern von West nach Ost über Deutschland. Das Wetter gestaltet sich in so einem Falle sehr wechselhaft. Wenn man alle verwandten Wetterlagen hinzuzählt ist das Ergebnis, dass die Luft an 40 Prozent aller Tage aus den Richtungen Südwest bis Nordwest nach Deutschland strömt.

Die jüngste jetzt zu Ende gehende zyklonale Westlage war also recht typisch für unser Klima. Sie ist deshalb besonders aufgefallen, weil es seit knapp 10 Jahren ungewöhnlich wenig zyklonale Westwetterlagen gab. Zwischen 1880 und 2010 schwankte ihre Häufigkeit relativ stabil um 16 Prozent, mit einem etwas größeren Ausschlag Ende der 1950er nach unten und einem Maximum Anfang der 1990er Jahre. Doch in den letzten Jahren lag ihre Häufigkeit oft deutlich unter 10 Prozent mit einem Minimum im Jahre 2014. In diesem Zusammenhang ist es schwer zu beantworten, ob es ein Zufall war, oder eine bestimmte Ursache hat. Unbestritten waren die letzten 10 Jahre global betrachtet extrem warm. Höhere Temperaturen sorgen in der Polarregion für einen Rückgang der Eisbedeckung. Damit wird weniger Sonnenstrahlung reflektiert, die Arktis erwärmt wich also durch eine positive Rückkopplung überproportional. Damit verringern sich die Temperaturunterschiede zwischen den hohen und niedrigen Breiten. Genau diese treiben aber die Tiefdrucktätigkeit an. Somit gibt es zumindest eine mögliche Erklärung dafür, warum die Westwetterlagen abgenommen haben. Sollte diese zutreffend sein, müssten die Westwetterlagen allerdings, gleichbleibend hohe oder weiter steigende Temperaturen vorausgesetzt, auch in den kommenden Jahrzehnten seltener bleiben als früher.

Freitag, 13. März 2020

Dr. Ingo Bertram

ARD-Wetterredaktion

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 13.03.2020 19:15 Uhr