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Kurzfristige Wettervorhersagen umfassen die nächsten drei Tage. Sie sind recht zuverlässig und werden üblicherweise in den Medien verbreitet. Doch welche Aussagen sind für den mittelfristigen Bereich des vierten bis zehnten Folgetags möglich?

Unsere Abbildung zeigt die prognostizierte Wetterlage für den siebten Folgetag. Die Rechnungen stammen von vier verschiedenen Wettermodellen, nämlich vom Modell aus Europa (ECMWF), aus den USA (GFS), aus Kanada (GEM) und aus Australien (BOM).

Leicht vorhersagbar sind sogenannte lineare Systeme. Bei ihnen ist die Wirkung proportional zur Ursache. Wenn ein idealisiertes Auto mit konstanter Geschwindigkeit von A nach B fährt, kann man seine Position zu jeder Zeit exakt vorhersagen. Wird es durch eine konstante Kraft beschleunigt, nimmt seine Geschwindigkeit zwar zu, aber auch das ist exakt vorhersagebar. Und bei einer Verdopplung der Krafteinwirkung verdoppelt sich auch die Beschleunigung des Autos.

Die Atmosphäre stellt hingegen ein nichtlineares, chaotisches System dar. Solche Systeme reagieren empfindlich auf die Anfangsbedingungen. Das bedeutet, dass sich das Wetter selbst dann sehr unterschiedlich weiter entwickelt, wenn man zwei praktisch fast identische Wetterlagen betrachtet. Die Chaostheorie besagt nicht, dass identische Anfangsbedingungen zu verschiedenen Ergebnissen führen. Sobald es jedoch nur den geringsten Unterschied darin gibt, entwickelt sich das Wetter ab irgendeinem Zeitpunkt grundverschieden. Ganz leicht verschiedene Wiederholungen eines Experimentes „Wetter“ führen im Langzeitverhalten zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Und diese Unterschiede in den Anfangsbedingungen ergeben sich zwangsläufig. Es gibt den realen Anfangszustand, das Wetter zu einem bestimmten Zeitpunkt, und das, was davon über Messwerte in die Wettermodelle einfließt. Da es ausgeschlossen ist, die Atmosphäre vollständig und exakt zu vermessen, weicht der Anfangszustand im Modell immer von der Realität ab. Alleine aus diesem Grund sind die Möglichkeiten der Wettervorhersage begrenzt. Recht zuverlässig sind kurzfristige Vorhersagen für einen Zeitraum von bis zu drei Tagen, aber auch für den mittelfristigen Zeitraum zwischen vier und zehn Tagen sind meistens noch sinnvolle Aussagen möglich. Man schätzt, dass die Grenze der Wettervorhersage selbst mit den besten Rechnern der Zukunft bei 2 Wochen liegt. Doch was verraten uns die aktuellen mittelfristigen Vorhersagen über den weiteren Verlauf dieses Novembers?

Wenn man verschiedene Vorhersagemodelle eine Woche in die Zukunft rechnen lässt, wie in unserer Abbildung dargestellt, ergeben sich in groben Zügen noch ähnliche, im Detail aber doch unterschiedliche Wetterlagen. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sich am kommenden Donnerstag ein kräftiges Hochdruckgebiet von Osteuropa bis nach Russland erstrecken. Dieses Hoch existiert aktuell schon und es ist so stabil, dass es auch in der Mittelfristvorhersage noch zuverlässige Aussagen ermöglicht. Ein weiteres Hoch wird in einer Woche irgendwo vor Südwesteuropa auf dem Atlantik liegen. Ebenfalls gesichert scheint die Tiefdrucktätigkeit auf dem Nordatlantik, inwieweit sie bis Deutschland reicht, ist aber unklar. Entweder es setzt sich in der kommenden Woche mehr und mehr eine westliche Strömung durch, in der atlantische Tiefausläufer das Wetter wechselhaft gestalten, oder es ist relativ ruhig mit der bekannten Nebelproblematik. Für Schnee reicht es vielleicht mal im höheren Bergland. Unter Umständen dreht die Strömung zum Ende der nächste Woche hin mehr auf Nordwest, dann könnte es auch mal in mitterlen Lagen schneien. Im Zeitraum der mittelfristigen Vorhersage für den vierten bis zehnten Folgetag ist jedoch keine nördliche oder nordöstliche Strömung mit der Zufuhr echter Kaltluft zu erwarten. Ein Wintereinbruch bis ins Flachland steht nicht in Aussicht. Der bisher deutlich zu milde November wird auch in einer abschließenden Bilanz sicher als sehr milder Herbstmonat in die Wettergeschichte eingehen.

Donnerstag, 12. November 2020

Dr. Ingo Bertram

hr-Wetterredaktion

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 12.11.2020 19:15 Uhr