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Am heutigen 1. März beginnt der meteorologische Frühling. Das ist eine Gelegenheit, den vergangenen Winter nochmals näher unter die Lupe zu nehmen. Wie ist er einzustufen und wie passt die Februar-Kältewelle zum Klimawandel?

Vielleicht hat es sich bereits herumgesprochen, der Winter 2020/21 war im Flächenmittel für Deutschland mit einer Temperatur von 1,8 Grad der zehnte zu milde Winter in Folge. Zu diesem Ergebnis kommt man bei Verwendung der Referenzperiode 1961 bis 1990. Bezüglich des Mittels der Jahre 1991 bis 2020 waren sieben der letzten 10 Winter überdurchschnittlich temperiert, so auch der jüngste. Die Niederschlagssumme des vergangenen Winters zeigte sich recht normal und der Sonnenschein leicht überdurchschnittlich. Diese Mittelwerte verschweigen mehr als in den meisten anderen Fällen das, was den jüngsten Winter ausmachte. Er hatte ein paar Kuriositäten zu bieten.

Im Dezember sorgten Tiefdruckgebiete für viele Wolken, die Niederschläge konzentrierten sich jedoch auf die westlichen Landesteile, sonst war der Dezember zu trocken. Die Monatsmitte war ungewöhnlich mild, die Ränder des Monats zum Teil nasskalt. Und so ging es dann auch im Januar weiter. Immer wieder lag die Schneefallgrenze bei 200 oder 300 Metern. Im Bergland lag bald schon ausreichend Schnee, wobei die Mengen im höheren Bergland völlig normal waren. Im Verhältnis viel Schnee fand sich in einigen mittleren Lagen. Winterfans in den Niederungen sahen zwar immer wieder mal Flocken, ab und zu war es auch für ein paar Stunden weiß, doch richtig Winter wurde es dort nicht. Vorstöße sehr milder Luft gab es um den 20. Januar herum und gegen Ende des Monats. Letzterer ging im Schwarzwald mit ergiebigem Regen und starkem Tauwetter einher, gefolgt von einem Rheinhochwasser Ende Januar und Anfang Februar. Zugleich übte das Wetter Ende Januar schon einmal eine Grenzwetterlage, also das dichte Nebeneinander von einem kalten Norden und einem milden Süden Deutschlands. Und diese wurde am 7. Und 8. Februar perfektioniert. Vom Münsterland über Nordhessen nach Thüringen schneite es 20 bis 50 Zentimeter und Winterfans kamen dort nach jahrelangem Warten voll auf ihre Kosten. Südlich dieses Streifens, im Übergangsbereich zur milden Luft, überzog gefrierender Regen die Landschaft mit einer 2 Zentimeter dicken Eisschicht. Am 10. Februar überdeckte ein schwächeres Schneefallgebiet den Süden Deutschlands. Dazwischen gab es einen Streifen von Rheinland-Pfalz ins Rhein-Maingebiet, der zur Enttäuschung einiger Winterfans von beiden Ereignissen nahezu ausgenommen blieb. Vor allem in den dick verschneiten Regionen folgten ein paar extrem Kalte Tage mit Tiefstwerten unter -20 Grad. Der tiefste Werte von -26,7 Grad stammte aus Mühlhausen unweit Erfurt. Doch dann verfiel das Wetter innerhalb von nur einer Woche ins andere Extrem. Luft aus Nordafrika bescherte uns vielfach Höchstwerte um 20 Grad. Bei Offenburg stoppte das Quecksilber am 25. Februar erst bei 22,0 Grad.

Wie sind die Kapriolen des Februars einzustufen? Ursache für die ergiebigen Schneefälle war das Aufeinandertreffen von polarer Kaltluft aus Nordosteuropa und feuchter Mittelmeerluft. Solche Wetterlagen sind in Deutschland selten, in Teilen der USA gehören sie zum Winteralltag. Polarluft erreicht uns meistens aus Nordwesten über die Nordsee, wodurch sie deutlich abgemildert wird. Außerdem fehlen in Europa Hochgebirge mit Nord-Süd Erstreckung. Solche würden das Aufeinandertreffen extremer Luftmassen begünstigen. Weil diese Wetterlage bei uns also so selten ist, führte sie an einzelnen Flachlandstationen zu Rekordschneehöhen. Winterliebhaber in den ausgesparten Regionen müssen nun möglicherweise mehrere Jahrzehnte auf eine ähnlich Lage warten. An einigen Wetterstationen in Nordhessen und Thüringen gab es Kälterekorde für Februar oder sogar den gesamten Winter. Meist handelte es sich hierbei um jüngere Stationen mit Messbeginn nach dem Jahr 2000, ein paar wenige lange Klimareihen waren aber auch dabei. Von der Temperatur her ungewöhnlicher zeigte sich die anschließende Wärmeperiode. Vom 20. bis 25. Februar, also sechs Tage in Folge, gab es irgendwo in Deutschland Werte über 20 Grad. Die bisher längste solche Serie, beobachtet im Februar 1958 und 1990, betrug 3 Tage. Reihenweise fielen die Monatsrekorde auch an alten Wetterstationen, im Südwesten Deutschlands blieb der 24.2.1990 aber meistens ungeschlagen.

Der rasche Wechsel vom Winter in den Frühling war markant. Vielfach lagen die höchsten Temperaturen des Februars um 30 bis 35 Grad über den niedrigsten (Hamburg Fuhlsbüttel -14 und +19; Frankfurt Flughafen -11 und +19; Mannheim -14 und +20; München Stadt -11 und +20). Solche Monatsamplituden sind auffällig, sie kommen jedoch immer wieder mal vor. Extrem hingegen war, was man in Thüringen und in angrenzenden Regionen erleben konnte. Die Temperaturspanne reichte im thüringischen Mühlhausen von -26,7 bis +18,9 Grad. Das macht eine Monatsamplitude von 45,6 Grad. Rekord ist auch das allerdings nicht. In Altheim an der oberen Donau sankt das Quecksilber am 1. März 2005 auf -28,1 Grad, während es dort am 18. März 2005 stolze 19,8 Grad warm wurde. Somit resultierte damals eine Monatsamplitude von 47,9 Grad. Bei der Betrachtung eines Wochenzeitraums findet sich jedoch ein neuer Rekord: Während in Göttingen am 14. Februar noch ein Tiefstwert von minus 23,8 Grad gemessen wurde, betrug der Höchstwert am 21. Februar bereits 18,1 Grad, also ein Anstieg um 41,9 Grad in sieben Tagen. Im Zusammenhang mit Temperatursprüngen sei noch die Jahrhundertwarmfront erwähnt. Vom Morgen des 14. Januar bis zum Nachmittag des 15. Januar 1968 erwärmte es sich in weiten teilen Deutschlands um 20 bis 30 Grad, in Berchtesgaden von -21,2 Grad auf +15,1 Grad. Das sind 36 Grad in 36 Stunden! Wenn man sich von den nüchternen Zahlen loslöst und das erlebte Wetter mit einbezieht, hat man in Thüringen zuletzt sicher ein in den vergangenen hundert Jahren einmaliges Erlebnis gehabt, tiefster Winter mit einem halben Meter Schnee und Rekordfrühling in kurzem Abstand. In Rheinland-Pfalz und Südhessen hingegen hatte jeder halbwegs ernst zu nehmende Winter mehr zu bieten als der jüngste.

Während der Kältewelle stellten einige Leute in den sozialen Medien den Klimawandel in Frage. Wieso kann es auch jetzt noch derart kalt werden? In diesem Zusammenhang kann nur immer wieder darauf hingewiesen werden, dass einzelne Wetterereignisse keine Aussage über das Klima zulassen. In den vergangenen hundert Jahren hat sich die langjährige Mitteltemperatur in Deutschland von 7,8 auf 9,3 Grad erhöht. Das ist was zählt, und nicht eine kalte Woche nach sieben in den Niederungen weitgehend ausgefallenen Wintern. Gäbe es noch einmal einen Winter wie 1829/30 oder 1941/42 auf zwei Grad höherem Niveau, so würden auch jetzt noch reihenweise die Kälterekorde purzeln. Theoretisch kann das schon im nächsten Jahr passieren. Dann würden wir viel mehr Winterkälte erleben als jetzt; in Frankfurt am Main beispielsweise statt einer einzigen Nacht mit -11 Grad und lediglich 5 Eistagen (Höchsttemperatur unter 0 Grad) etwa 40 Eistage und Frost bis zu -26 Grad. Einzelne Wärmerekorde sind natürlich ebenfalls kein Indiz für einen Klimawandel. Ihr stark gehäuftes Auftreten in den vergangenen 20 Jahren hingegen ist sehr auffällig.

Montag, 1. März 2021

Dr. Ingo Bertram

hr-Wetterredaktion

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 01.03.2021 19:15 Uhr