gewirisi

Gewitter sind mit die auffälligste Wettererscheinung, die es gibt. Wird man richtig getroffen, kann es sehr heftig sein mit Regen, Hagel, Sturm und Blitzschlag. Oft bleibt es wenige Kilometer daneben völlig ruhig. Was erwartet uns in den nächsten Tagen?

Leider lässt sich oftmals erst sehr kurzfristig vorhersagen, welcher Ort genau von einem Gewitter getroffen wird. Die Vorwarnzeit liegt meistens unter einer Stunde. Liegt das erwartete Ereignis weiter in der Zukunft, lassen sich nur Regionen eingrenzen, in denen es krachen kann. Es kann lediglich eine Wahrscheinlichkeit für Gewitter angegeben werden. Das Gewitterrisiko für Mittwoch und Donnerstag ist in der Abbildung dargestellt. Über den nordöstlichen Landesteilen liegt an beiden Tagen eine relativ trockene Luft mit Herkunft aus Nordosteuropa. Im Bereich dieser Luftmasse ist das Gewitterrisiko gering. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bleibt es sehr sicher an den beiden Tagen ruhig. Über den gelb und rot markierten Bereichen Deutschlands liegt eine energiegeladene Luftmasse. Dort stellt sich die Frage, ob Gewitter ausgelöst werden.

Gewitterlagen unterscheiden sich in ihren Auslösemechanismen. Bis vor einigen Jahren gab es im Zusammenhang mit kräftigen Tiefdruckgebieten häufiger sogenannte dynamische Gewitterlagen. Die Gewitter entstehen dabei durch Antriebe aus höheren Luftschichten. Eine detailliertere Erklärung würde zu weit führen. Jedenfalls sind es diese dynamischen Gewitterlagen, welche für verbreitete Unwetter sorgen können, wie beispielsweise am 2.6.1999 oder am 29.7.2005. Es besteht die Gefahr von großem Hagel und Orkanböen. Diese Lagen liefern auch einen wesentlichen Bestandteil der Blitzstatistik. Seit einigen Jahren fehlen die kräftigen Tiefdruckgebiete und somit die großen Gewitterlagen weitgehend. In den vergangenen zwölf Jahren verzeichnete der Blitzinformationsdienst von Siemens einen kontinuierlichen und deutlichen Rückgang der Gewitteraktivität. Während im Jahre 2007 bundesweit noch über eine Millionen Erdblitze geortet wurden, waren es 2019 nur noch knapp über 300.000 Blitze. Und das Jahr 2020 war bisher, von Südbayern abgesehen, rekordverdächtig ruhig.

Das Gegenteil einer dynamischen Gewitterlage ist eine sogenannte Sumpflage, wie wir sie aktuell haben und wie sie seit ein paar Jahren an Gewittertagen sehr häufig vorliegt. Eine energiegeladene Luftmasse ist vorhanden, es gibt kaum Luftströmungen und es fehlen damit nennenswerte Mechanismen zur Auslöse. Somit entscheiden Winzigkeiten darüber, ob etwas passiert. Diese Zünglein an der Waage werden dann oftmals von jedem Vorhersagemodell anders bewertet oder sie sind im Vorfeld gar nicht zu erkennen. Selbst die Angabe einer Gewitterwahrscheinlichkeit ist also erschwert. Trotz bestehenden Gewitterpotentials kann es passieren, dass im Umkreis von hundert Kilometern kein einziges Gewitter ausgelöst wird. Die Qualität der Gewittervorhersage ist dementsprechend geringer als bei einer dynamischen Lage. Am Mittwoch und Donnerstag kommen für die Auslöse der Gewitter die Mittelgebirge und eine schwache Windkonvergenz in Frage. Diese Konvergenz liegt am Mittwoch über den südwestlichen Landesteilen und am Donnerstag diagonal über der Mitte. Daraus ergeben sich die Regionen mit erhöhtem Gewitterrisiko. Doch auch in den Regionen mit mittlerem Risiko kann es Gewitter geben. Sind einmal Gewitter entstanden, beeinflussen diese wiederum die weitere Entwicklung. So können im Umfeld bestehender Gewitter durch herauslaufende Windböen neue Zellen getriggert werden. Andererseits behindern Restwolken alter Gewitter, oft vom Vortag, die Sonneneinstrahlung und die Entstehung neuer Gewitter. Dort, wo es auslöst, besteht die Gefahr von Unwettern durch große Regenmengen. Mangels Dynamik ziehen die Gewitter langsam und laden viel Wasser an einer Stelle ab. Die Mehrheit aller Leute im Bereich des mittleren Risikos wird jedoch kein Gewitter erleben.

Dienstag, 11. August 2020

Dr. Ingo Bertram

hr-Wetterredaktion

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 11.08.2020 19:15 Uhr