raueis

Vor allem im Bergland steht ein winterliches Wochenende bevor. Inzwischen sind die Schneedecken angewachsen und erreichen auf den höchsten Gipfeln um 30 Zentimeter, örtlich mehr. Neben dem Schnee gibt es noch andere Arten von festem Niederschlag.

Fester Niederschlag, der aus den Wolken heraus zum Boden fällt, kann Schnee, Graupel oder Hagel sein. Unser Thema heute ist jedoch nicht der fallende Niederschlag, sondern fester Niederschlag, der sich direkt am Boden oder Gegenständen anlagert. Hierbei unterscheidet man zwischen Reif, Raureif und Raueis.

Reif entsteht bevorzugt in klaren Winternächten. Ohne eine schützende Wolkendecke entweicht Wärme über die langwellige Ausstrahlung des Bodens in den Weltraum. Dadurch kühlt sich die Erdoberfläche ab und daran die Luft. Kalte Luft kann weniger Wasserdampf aufnehmen als wärmere, so dass dieser abgeschieden wird. Bei Temperaturen über Null Grad entsteht Tau, bei Frost Reif. Der Wasserdampf geht dabei direkt von der gasförmigen in die feste Phase über, was man Resublimation nennt. Es entstehen kristalline Strukturen.

Raureif wächst ebenfalls in Form von Kristallen durch Resublimation. Entscheidend für die Entstehung ist ein leichter Wind. Außerdem muss die Luft mindestens -8 Grad kalt und recht feucht sein. Am besten funktioniert es bei leichtem Nebel. Durch den Wind wird die Feuchtigkeit zu Gegenständen hin transportiert. Die Kristalle wachsen dabei dem Wind entgegen, da die Luft bei ihrem Eintreffen an einem Gegenstand noch mehr Wasserdampf enthält als kurz danach beim Überstreichen der vom Wind abgewandten Seite. Eine Besonderheit von Eiskristallen ist die, dass sie auch bei Luftfeuchten von unter 100 Prozent weiter wachsen, sofern sie erst einmal entstanden sind. Durch Raureif können Bäume, Büsche und andere Gegenstände mit nadelförmigen Eiskristallen in Form sechsstrahliger Dendriten geschmückt werden. Der Wind darf nicht zu stark sein, damit die filigranen Strukturen nicht gleich wieder zerstört werden.

Das wesentlich häufigere Raueis entsteht bei Nebel und höheren Windgeschwindigkeiten, typischerweise, wenn sich die Gipfel von Gebirgen bei windigem Tiefdruckwetter tagelang in dichten Wolken befinden. Es wächst durch Anlagerung von Nebeltröpfchen als nicht-kristalline weißliche Schicht dem Wind entgegen. Durch Raueis können Bäume und Gegenstände vollständig in eine poröse Eisschicht eingepackt werden, wodurch mitunter eine erhebliche Belastung durch das zusätzliche Gewicht entsteht.

Das Teilbild in unserer Abbildung oben links zeigt ein Holzgeländer auf dem Karwendel bei Mittenwald im Januar 1995 mit etwa 30 Zentimeter mächtigem Raueis. Es entstand während einer drei Tage andauernden Nordstaulage. In der Abbildung oben rechts sieht man Schnee und Raueis im Nordschwarzwald. Diese Winterpracht sammelte sich bei einer mehrtägigen Tiefdrucklage im Februar 1996 an. Bäume erscheinen vollständig in Weiß, wie es eine Schneedecke alleine nicht schaffen würde. Ähnlich sieht es auch auf dem Bild unten links aus. Raueis im Nordschwarzwald packte im Dezember 2012 sogar Schilder ein. Eine Besonderheit stellte die Situationen im Teilbild unten rechts dar, welches im Dezember 2014 im Taunus entstanden ist. Im Gegensatz zu den anderen geschilderten Situationen wurde jegliches Weiß durch Raueis gebildet, es hatte keine Flocke geschneit. Bei einer tagelang andauernden Hochdrucklange befanden sich die Gipfel des Taunus permanent in einer Hochnebeldecke. Durch leichten Wind lagerte sich das Raueis so mächtig an, dass viele Bäume in sich zusammen brachen.

Freitag, 8. Januar 2021

Dr. Ingo Bertram

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 08.01.2021 19:15 Uhr