sonnengaenge

Sonnenauf- und Untergänge sind etwas im wahrsten Sinne des Wortes Alltägliches. Trotzdem können sie sehr unterschiedlich ablaufen, mal völlig unspektakulär hinter Wolken, mal mit intensiven Rot- und Gelbtönen. Doch wann wird der Himmel am rötesten?

Die Farbe des Himmels wird im Wesentlichen durch die Streuung des Sonnenlichts bestimmt. Unter Streuung versteht man den Effekt, dass die Sonnenstrahlen aus ihrer ursprünglichen Einfallsrichtung abgelenkt werden. Wenn diese an den Luftmolekülen stattfindet, welche klein gegenüber der Wellenlänge des Sonnenlichts sind, spricht man von der „Rayleighstreuung“. Ihre Besonderheit ist die, dass unterschiedliche Wellenlängen unterschiedlich stark gestreut werden. Von den sichtbaren Farben wird das blaue Licht am stärksten gestreut. Es erreicht den Beobachter daher aus allen möglichen Richtungen und der Himmel erscheint blau. Je tiefer die Sonne steht, desto länger war der Weg ihrer Strahlen durch die Atmosphäre und desto weniger Blau befindet sich noch im direkten Sonnenlicht. Deshalb erscheint die Sonne umso röter, je tiefer sie steht.

Aber auch die Streuung an den Staubteilchen in der Luft spielt eine Rolle. Bei sehr klarer Luft ist die Sonne selbst beim Sonnenuntergang noch so hell, dass man bis zuletzt kaum hineinschauen kann. Bei stärkerer Trübung ist die Sonne beim Untergang weniger grell. Dann erscheinen nicht nur die von der Sonne angestrahlten Gegenstände im Abendlicht rot, sondern auch die Sonnenscheibe selbst. Mitunter ist aber soviel Staub in der Luft, dass die Sonne bereits im Dunst verschwindet, ehe sie den Horizont erreicht hat. In diesem Fall bleibt auch das rote Farbenspiel aus.

Nicht nur die Sonne kann sich beim Auf- oder Untergang in leuchtendem Rot präsentieren. Wolken können einen entscheidenden Beitrag leisten, sofern sie sich an der richtigen Stelle befinden. Die günstigste Situation ist gegeben, wenn der Horizont wolkenfrei ist, sich zugleich aber Wolken in der Nähe des Beobachters befinden. Dann werden diese von unten her rot angestrahlt, was in vielen Fällen noch beeindruckender ist, als eine rote Sonnenscheibe. Unsere Abbildung beinhaltet einige Beispiele hierfür. Die Fotos sind in den vergangenen 12 Monaten bei Sonnenauf- und Untergängen im Südwesten Deutschlands entstanden. Ein Morgenrot mit bunten Wolken ergibt sich, wenn ein Tiefausläufer aus Westen heranzieht und der Osthorizont noch wolkenfrei ist. Ein solches Morgenrot ist dann ein Schlechtwetterbot. Abends hingegen bedeutet ein wolkenfreier Westhorizont und rot ausgeleuchtete Wolken über dem Beobachter meistens eine Wetterbesserung. Da sich die Bewölkungsverhältnisse vorhersagen lassen, ist es für Fotografen mit ausreichender Erfahrung auch möglich, rechtzeitig vor Rotfärbung des Himmels fotogene Aussichtspunkte aufzusuchen und dafür im Falle des Morgenrots auch mal den Wecker zu stellen.

Die Länge eines Sonnenuntergangs hängt von der geografischen Breite ab. Während die Sonne am Äquator senkrecht nach unten und daher sehr schnell versinkt, wandert sie am Pol parallel zum Horizont. Dort dauert ein Sonnenuntergang einige Tage, dafür findet er aber nur einmal im Jahr statt. Wenn die Sonne 12 Grad unter dem Horizont steht, ist es für den „Normalbürger“ dunkel. Vorher spricht man von der nautischen Dämmerung. Sie dauert in Deutschland etwa 1h 30min, am Äquator 45min und am Pol einen Monat.

Freitag, 13. November 2020

Dr. Ingo Bertram

hr-Wetterredaktion

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 13.11.2020 19:15 Uhr