wallcloud
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In den kommenden Tagen gibt es in einigen Regionen Gewitter. Vor allem heftige Gewitter stellen für Fotografen interessante Motive dar. Dabei kann es vorkommen, dass sich eine sogenannte Wallcloud ausbildet. Was ist das?

Die deutsche Bezeichnung für dieses Phänomen ist „Mauerwolke“. Allerdings wird auch hierzulande meist der englische Begriff „Wallcloud“ verwendet. Wallclouds entstehen unter dem oft niederschlagsarmen Aufwindbereich einer Gewitterwolke und das vornehmlich bei sogenannten Superzellen. Letztere sind langlebige Gewitter mit rotierenden und besonders starken Aufwinden (roter Pfeil in unserer Abbildung). Meist rotieren die Aufwinde einer Superzelle auf der Nordhalbkugel gegen den Uhrzeigersinn. Die Wallcloud ist eine etwa ein bis acht Kilometer breite Absenkung der Wolkenbasis. Sie ragt gegenüber den umliegenden Wolken nach unten, weil das Kondensationsniveau in ihrem Bereich herabgesetzt ist. Ein Grund hierfür ist, dass häufig feuchte Luft aus dem benachbarten Niederschlagsbereich in den Aufwindbereich einbezogen wird. Bereiche mit Niederschlag sind in unserer Abbildung durch blaue Pfeile gekennzeichnet. Beim Aufsteigen kondensiert der Wasserdampf im Bereich der Wallcloud dann wegen der erhöhten Luftfeuchte früher aus als in ihrer Umgebung. Doch es gibt noch einen zweiten Grund für die Absenkung der Wolkenbasis. Durch den starken Aufwind oberhalb der Wallcloud strömt die Luft rascher nach oben weg, als sie von unten her nachströmen kann. Es bildet sich ein kleinräumiges Tiefdruckgebiet aus, die sogenannte Mesozyklone. Die Erniedrigung des Luftdrucks führt zugleich zu einem Rückgang der Temperatur. Kühlere Luft kann weniger Wasserdampf aufnehmen als warme Luft. Damit setzt die Kondensation im Bereich der Mesozyklone früher ein als in der Umgebung. Im Extremfall kann sich aus einer rotierenden Wallcloud ein Tornado entwickeln. Der Tornado selbst ist praktisch eine extreme Absenkung. Durch den sehr niedrigen Luftdruck im Innern eines Tornados kondensiert der Wasserdampf in vielen Fällen bis zum Boden hin aus. Es entsteht der bekannte Wolkenschlauch.

Mauerwolken können sehr interessant, ja fast schön aussehen. Sie sind für den Stormchaser mit ein Grund, die Mühen einer Gewitterjagd auf sich zu nehmen. Dennoch stellen sie einen Hinweis auf mögliche Gefahren dar. Eine gut ausgeprägte Wallcloud steht meistens im Zusammenhang mit einem Superzellengewitter, welches mitunter zu Tornados führt, fast immer jedoch mit großem Hagel verbunden ist. Sehr schadensträchtig war die Superzelle des 10. Juni 2019, welche in Teilen Oberbayerns, vor allem im Münchener Nordwesten, für große Hagelschäden sorgte. Meistens fällt der größte Hagel wenige Kilometer nordwestlich einer Wallcloud. Wenn man eine solche sieht, zieht der Hagel mit etwas Glück nördlich an einem vorbei, oft wird man aber auch voll getroffen. Dann hat man noch wenige Minuten Zeit zum Treffen eiliger Schutzmaßnahmen, und wenn es nur darum geht, das Auto noch schnell unterzustellen.

Dienstag, 18. Juni 2019

Dr. Ingo Bertram

hr-Wetterredaktion

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 18.06.2019 19:15 Uhr