trajektorien
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Beim Wetter ist immer wieder für Abwechslung gesorgt, so auch jetzt. Im Kernwinter war es wochenlang mild und es regnete immer wieder. Jetzt zum Ende des Winters kommt selbiger doch noch. Wie ist sowas möglich?

Unsere Grafik zeigt die Herkunft der Luftmassen seit 1. Dezember 2017, bestimmt anhand von Wetterkarten und mit Berechnungen zu den Luftströmungen (72-stündige Rückwärtstrajektorien verschiedener Orte Deutschlands für 850 hPa; wetter3.de). Die Darstellung ist stark vereinfacht. Tage mit nur schwacher Luftbewegung blieben unberücksichtigt.

Entscheidend für das Wettergeschehen ist die Tatsache, dass Luftmassen bestimmte Eigenschaften annehmen, wenn sie eine Zeit lang über einem bestimmten Gebiet lagern. Über der Polarregion und über schneebedeckten Landmassen kühlt Luft ab, in südlichen Breiten erwärmt sie sich und über dem Meer nimmt sie Feuchtigkeit auf. Das ganze geschieht nur allmählich. Wenn nun der Wind Luftmassen aus anderen Klimaregionen zu uns führt, kommt diese mit den dafür typischen Eigenschaften bei uns an. Besonders im Winter ist der Unterschied zwischen Meeresluft und Festlandsluft extrem groß. Das Wasser gibt die gespeicherte Wärme in Winter nur langsam ab, während sich die Luft über den weniger trägen Landmassen stark abkühlen kann. In kontinentalen Klimaten wie in Russland und Kanada liegen die Wintertemperaturen auf der Breitenlage von Deutschland im Mittel zwischen -15 und -20 Grad. Tiefstwerte von unter -40 Grad kommen dort auch im Flachland regelmäßig vor. Selbst die extremsten Kältewellen verursachen vor allem in Westdeutschland praktisch nie die Temperaturen, die bei einer anderen Verteilung von Landmassen und Ozeanen der Durchschnitt sein könnten. In Deutschland wirkt meistens die Heizung durch die umliegenden Meere, wie man anhand der letzten Wochen gut zeigen kann.

Der meteorologische Winter umfasst 90 Tage (1. Dezember bis 28. Februar). An 43 Tagen erreichte uns in diesem Winter Luft aus westlichen Richtungen, also vom 8 bis 15 Grad warmen Atlantik (grüner, oranger und roter Pfeil). Dabei war es bei der südlichsten Variante (roter Pfeil) Anfang und Ende Januar sehr mild. Diese Atlantikluft war auch mit reichlich Feuchtigkeit beladen, so dass es immer wieder regnete und besonders im Südwesten Deutschlands mehrmals Hochwasser gab. Der Rhein war davon Anfang- und Ende Januar betroffen. Nur wenig niedriger lag das Temperaturniveau Ende Dezember (oranger Pfeil). In beiden Fällen handelte es sich um Atlantikluft subtropischen Ursprungs. Etwas kälter waren die durch den grünen Pfeil dargestellten Witterungsabschnitte. Diese Luft stammte aus Kanada, wo sie oftmals mit Temperaturwerten von unter -20 Grad startete. Gäbe es den Atlantik nicht, würde kanadische Kaltluft bei uns im Winter unvermindert kalt ankommen. So sorgt sie im deutschen Flachland typischerweise für wenig winterliche Höchstwerte um +5 Grad.

Daneben gab besonders im Dezember Perioden, in denen uns grönländische Polarluft überflutete. Auch diese ist in ihrem Ursprungsgebiet hochwinterlich kalt, doch ehe sie Deutschland erreicht, muss sie den Weg über das etwa 8 Grad warme Wasser der Nordsee nehmen. Somit ist auch bei Nordwestlagen im deutschen Flachland kaum winterliches Wetter zu erwarten. Mehrmals fiel Schnee, doch nach wenigen Stunden war dieser in der Regel schon wieder getaut. Für Dauerfrost reicht es bei Nordwestlagen nur sehr selten, meist nur für Nachtfrost. Anders sieht es im Bergland aus. Dort herrscht Dauerfrost, und da die Luft über der Nordsee und dem Nordmeer angefeuchtet wird, schneit es viel. In den Mittelgebirgen lag Mitte Dezember bereits ungewöhnlich viel Schnee. Anders als beispielsweise im Winter 1969/70 kam im weiteren Verlauf allerdings nicht mehr viel hinzu. Hierfür hätte die Strömung auf Nordwest bleiben müssen.

Richtiges Winterwetter mit Dauerfrost gibt es in den Niederungen Deutschlands bei Nord- bis Ostlagen, wenn uns Kaltluft über den Landweg erreicht. Da wir aber in einer Zone mit vorherrschenden Westwinden leben, ist das immer eine Ausnahme. Echte Flachlandwinter sind in unserem Klima eigentlich kaum vorgesehen. Wenn uns dann doch, wie jetzt, arktische Kaltluft aus Nordosten erreicht, fällt das als etwas Besonderes auf. In den letzen Tagen des Februars wird eine Luftmasse aus dem Norden Russlands unser Wetter bestimmen. Sie stammt aus der Region zwischen Archangelsk und Workuta, wo es derzeit tags um -20 Grad kalt ist. Bei uns wird es nicht so kalt, zu Wochenbeginn ist mit Höchstwerte zwischen 0 und -10 Grad zu rechnen. Abmildernd wirkt die schon kräftige Sonne und die Tatsche, dass vielerorts kein Schnee liegt. Hätte sich diese Wetterlage Ende Dezember 2010 eingestellt, als ganz Deutschland tief verschneit war und die Sonne ihren tiefsten Stand des Jahres hatte, wäre es wirklich außerordentlich kalt geworden.

Freitag, 23. Februar 2018

Dr. Ingo Bertram

hr-Wetterredaktion

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 23.02.2018 19:15 Uhr