was_ist_nur_los_mit_dem_winter

Bisher kommt einem die aktuelle Wintersaison nicht vor wie ein Winter. Ist sie auch nicht, lagen die Durchschnittstemperaturen des Dezembers doch 2,9 Grad über dem Schnitt (verglichen mit der Referenzperiode 1961-1990). Schnee ist sogar in den Alpen Mangelware. Auch der Januar macht dort weiter wo der Dezember aufgehört hat und gleicht in den nächsten Tagen vom Temperaturniveau her eher einem März. Doch nicht nur in Deutschland suchen wir den Winter vergeblich, sondern auch in weiten Teilen Europas, etwa in Skandinavien und in Osteuropa, wie man anhand der obigen Karte sehen kann.

Sie zeigt die zu erwartenden Abweichungen der Temperatur in 2 Meter Höhe vom langjährigen Durchschnitt gemittelt über die nächste Woche. Unschwer lässt sich erkennen, dass der Großteil Europas von positiven Temperaturanomalien, also von zu warmen Werten dominiert wird. Am stärksten betroffen davon sind Schweden und Finnland sowie Nordwest-Russland, wo die Temperaturen in der nächsten Woche gebietsweise mehr als 10 Grad über dem klimatologischen Schnitt liegen. Die Abweichungen sind teilweise sogar so groß, dass die in Skandinavien aktuell gemessenen Tagestiefstwerte noch über den zu in dieser Jahreszeit zu erwartenden Tageshöchstwerten liegen. Aber auch in Mitteleuropa und dem Alpenraum ist es mit 3-7 Grad immer noch deutlich zu warm. Negative Abweichungen zwischen -4 bis -8 Grad finden sich lediglich im Nordatlantik, auf Island und dank einer besonderen Wetterlage auch im östlichen Mittelmeer. Was ist nur los mit diesem Winter...?

Die momentan vorherrschenden Temperaturverhältnisse in Europa nur auf die globale Erwärmung zurückzuführen wäre aber zu einfach. Tatsächlich sorgt eine äußerst stabile Druckkonstellation für das milde Wetter: Zwischen einem beständigen Hoch über Südeuropa und kräftigen Tiefs über dem Nordatlantik wird permanent milde Luft nach Europa transportiert (Westwindwetterlage). Die Beständigkeit dieser Anordnung von Hochs und Tiefs hat auch seine Gründe:

Für unser Winterwetter ist die Stabilität, Position und Form des Polarwirbels von großer Bedeutung. Der Polarwirbel ist ein großes Gebiet tieferen Luftdrucks und kalter Luft, der sich an beiden Polen der Erden befindet. Er ist besonders stark in den Wintermonaten ausgeprägt und vor allem in der oberen Troposphäre und in der unteren Stratosphäre sichtbar. Ein stabiler Polarwirbel sorgt im Allgemeinen für eine starke Westwindzirkulation (wie wir sie ja schließlich auch haben). Zudem ist sein Zentrum in diesem Jahr etwas Richtung Grönland/ Nordkanada verschoben, sodass die kühle Luft noch ein Stückchen weiter von uns wegrückt.

Bedingung für anhaltendes Winterwetter ist ein unbeständiger oder gespaltener Polarwirbel. In solchen Konstellationen wird die Westwindzirkulation gestört und Kaltluftvorstöße aus der Arktis samt Schnee und Kälte sind am wahrscheinlichsten. Ein gesplitteter Polarwirbel kündigt sich oft durch eine starke Erwärmung des Polarwirbels in der Stratosphäre an. Tritt diese ein, so führt dies in den folgenden Wochen nicht selten zu Wintereinbrüchen. Eine stratosphärische Erwärmung ist jedoch nicht in Sicht. In Island hat eine Radiosonde sogar -96 Grad in der Stratosphäre (25,5 km Höhe) gemessen, ein Wert den man dort seit mehr als 40 Jahren nicht beobachten konnte. Dies ist ein Beleg für die aktuelle Intensität des Polarwirbels und macht den Winterfans hierzulande kaum Hoffnung für die kommenden 2 Wochen.

ARD – Wetterredaktion

Konstantin Krüger

Sendung: "alle wetter!", hr-fernsehen, 07.01.2020 19:15 Uhr