Rote Beete und Pastinaken.

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zum Video Alte Gemüsesorten neu entdeckt

Ob Hightech-Tomaten ohne Geschmack oder pestizidbelastete Paprika – viele Verbraucher verlieren immer mehr das Vertrauen in die moderne Agrarindustrie und suchen nach Alternativen. Der Wunsch, Produkte aus der Region zu kaufen, wächst.

Selbst in vielen Supermärkten gibt es inzwischen ganze Verkaufsflächen mit Waren, die in der näheren Umgebung hergestellt wurden. Vielen Verbrauchern aber reicht das noch nicht, sie bauen ihr Gemüse sogar wieder selbst an. Und machen dabei Bekanntschaft mit Sorten, die sie noch gar nicht kannten.

Vergessenes Gemüse

Auf Gut Frankenhausen, dem Lehr- und Versuchsbetrieb der Universität Kassel wächst vieles, was wir in jedem Supermarkt finden können: Fenchel, Wirsing, Rotkohl oder Kartoffeln. Manches suchen wir aber vergeblich: Paprika zum Beispiel. Dafür finden wir Gemüsesorten wie Steckrübe, Pastinake, Schwarzwurzeln, Rote Bete oder Mangold – alles alte Sorten, die fast in Vergessenheit geraten sind.

Betreuter Anbau

Die Idee, alte Sorten wieder anzubauen und damit die Vielfalt von alten Kulturpflanzen zu erhalten, hatten Agrarökologen der Kasseler Uni. Was mit einem Forschungsprojekt begann, ist heute fester Bestandteil des Hofguts und als Idee mittlerweile in ganz Deutschland verbreitet. Auch Hobbygärtner können hier auf etwa 85 qm großen Parzellen ihr eigenes Gemüse anbauen. Vorwiegend alte Gemüsesorten, denn die sind pflegeleicht und robust. Dabei werden sie von Experten wie Katharina Mittelstraß betreut. Die Diplom-Ingenieurin ist für die Direktvermarktung, den Hofladen und die Selbsternte-Gärten in der Region Kassel zuständig. Sie gibt den Hobbygärtnern Tipps beim Anpflanzen und hat auch immer eine leckere Rezeptidee für die Freizeitlandwirte parat. Denn aller Anfang ist schwer. Das weiß auch Sabine Kühn. Sie baut die alten Sorten selbst an. Gemeinsam mit ihrem Mann, Tochter Annika und ihren Eltern hat sie vor zwei Jahren auf Gut Frankenhausen eine Parzelle gepachtet. Zu Beginn wunderte Sie sich über die vielen alten Gemüsesorten. Mangold etwa kannte sie gar nicht. Und über Steckrüben hatte Sie bis dato nur schaurige Nachkriegsgeschichten von ihrer Mutter gehört.

Alte Sorten in Bioqualität

Auf Gut Frankenhausen werden die Selbstversorger deshalb betreut, lernen auf ihren Parzellen bis zu 25 unterschiedliche Gemüsesorten kennen, von denen fast alle zu den alten Sorten gehören. Katharina Mittelstraß kümmert sich nicht nur um Fragen und Nöte der Hobbygärtner, sondern achtet auch auf die Qualität des angepflanzten Gemüses. Denn das unterliegt strengen Richtlinien des Ökolandbaus. Deshalb sät die Uni das Gemüse selbst und setzt eigene Jungpflanzen. Die Selbstversorger müssen die Pflanzen nur noch pflegen und ernten. "Wenn ihnen das nicht reicht, können sie auch noch zusätzlich Pflänzchen setzen. Allerdings nur Bioqualität, also Pflanzen aus ökologischem Saatgut, die nicht mit chemisch-synthetischen Pestiziden behandelt wurden“, erklärt Katharina Mittelstraß. "Und deswegen biete ich für alle Leute, die selber noch etwas säen oder nachpflanzen wollen, regelmäßig Saatgut und Jungpflanzen an. Nur so ist die Bioqualität gewährleistet."

Robust, regional, gesund und lecker!

Dass immer mehr Hobbygärtner ausgerechnet alte Gemüsesorten anbauen, fördert nicht nur die Vielfalt der Kulturpflanzen auf dem Acker. Alte Gemüsesorten sind auch optimal an unsere klimatischen Bedingungen angepasst. Ihnen macht heißes, trockenes Wetter genauso wenig aus wie längere Regenphasen. Sie sind robuster als das Hochleistungsgemüse aus dem Supermarkt. Und sie sind pflegeleichter und deshalb gerade für Anfänger unter den Freizeitlandwirten ideal. Hinzu kommt, dass alte Gemüsesorten viele wichtige Inhaltsstoffe besitzen, die uns gerade im Winter fit halten. Rote Bete besitzt viel Folsäure. Die brauchen wir für die Zellbildung und die Bildung roter Blutkörperchen. In Pastinaken stecken viele ätherische Öle. Die sind gut für unsere Verdauung. Mangold wiederum hat viele Mineralstoffe wie etwa Kalzium, das ist gut für unsere Knochen. Und der hohe Betacarotin-Gehalt ist im Sommer ein zusätzlicher Lichtschutz für unsere Haut.

Pures Geschmackserlebnis: Altes Gemüse neu interpretiert

Familie Kühn kennt mittlerweile viele alte Sorten. Nur bei der Zubereitung hapert's manchmal noch. Besonders Sabine Kühn hatte am Anfang Schwierigkeiten, die vielen verschiedenen Gemüsesorten richtig zuzubereiten. Ganz anders Rainer Holzhauer. Der Gastronom und Koch ist von den alten Gemüsesorten begeistert. So wie er entdecken immer mehr Köche diese Sorten für sich. "Gerade die alten Gemüsesorten schmecken – neu interpretiert – richtig gut und bereichern unseren Speiseplan."  Davon will er auch Familie Kühn überzeugen und lädt sie in sein Restaurant ein, um dort drei raffinierte Gerichte mit alten Gemüsesorten zu kreieren: Rote-Bete-Carpaccio mit Zander, Bunten Mangold mit Pute und Pastinakenstampf an Rinderfilet.

Und tatsächlich: Die Testesser sind begeistert.

Unser Fazit

Die alten Gemüsesorten entsprechen nicht nur dem Wunsch nach regionaler Gemüsevielfalt, sondern bieten auch noch jede Menge gesunden Genuss. Was will man mehr?

Rezepte aus der Sendung:

Bericht: Lena Schulz

Sendung: hr-fernsehen, "Alles Wissen", 16.05.2019, 20:15 Uhr