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Ein Auge in Nahaufnahme

"Ein Blick sagt mehr als 1000 Worte“ und auch "Liebe auf den ersten Blick" veranschaulichen es gut: Der Sehsinn ist der wichtigste Sinn des Menschen. Er liefert bis zu 80 Prozent aller Informationen über unsere Außenwelt.

Gut ein Viertel unseres Hirns ist damit beschäftigt zu verarbeiten, was unsere Augen sehen. In erster Linie dient das Sehen zwar zum Sammeln von Informationen, aber unser Sehsinn kann noch mehr: er sendet durch unsere Augen auch Informationen zurück.

Der Anstarr-Test

Wenn sich Blicke treffen, ist das der Beginn eines Gesprächs, das ganz ohne ein Wort auskommt. Aber auch diese Sprache hat sehr genaue Regeln. Nur welche?

Zwei Schauspieler sollen das herausfinden: ausgestattet mit versteckten Kameras im Knopfloch und in der Brille haben wir sie in ein Frankfurter Einkaufzentrum geschickt.

Die erste Aufgabe: wildfremde Menschen ansehen. Schauen Sie zurück? Was bedeutet es, wenn wir zwar jemanden ansehen, derjenige aber überhaupt nicht reagiert? Nach Ansicht der versteckt gedrehten Bilder meint die Psychologin. Dr. Ute-Regina Roeder: "Wenn es keinen Anlass gibt, dass mich jemand direkt anguckt, wenn ich den, der mich anschaut auch nicht kenne, dann habe ich das „Anblicken“ wahrscheinlich gar nicht besonders mitbekommen."

Der Anstarr-Test - verschärft!

Der Schauspieler sollte sehr direkt auf sich aufmerksam machen, in dem er sich gegenüber den Besuchern eines Cafés setzt und diese direkt anschaut. Dr. Ute-Regina Roeder weiß, dass man so ein Verhalten als sehr unangenehm empfindet, weil man sich keinen Reim drauf machen kann, was die andere, fremde Person interessieren könnte. In unserem Test reagierte allerdings eine Dame anders, als gedacht. Sie freut sich über die Aufmerksamt des jungen Mannes und beginnt ein Gespräch. Ein ungewöhnlich offener Mensch. Die meisten Menschen sind aber nicht so offen und mögen es gar nicht, angestarrt zu werden, empfinden es als sehr unangenehm, fühlen sich beobachtet. In solchen Momenten finden sogenannte Selbstaufmerksamkeitsprozesse statt, man wird verunsichert. Deswegen ist vor allem in engen Räumen „Wegschauen“ angesagt.

Der Fahrstuhl-Blick

Im Fahrstuhl blicken wir die Mitfahrer nicht an. Der Hintergrund ist einfach, sagt Dr. Roeder: “In einem Fahrstuhl sind wir sehr eng aufeinander und wenn wir uns angucken würden, dann würde das einer Intimität entsprechen, die wir mit einer fremden Person ja überhaupt nicht haben.“ Weggucken im Fahrstuhl ist also eine ganz natürliche Verhaltensweise bei uns.

Wohin schauen wir?

Aber wohin gehen unsere Blicke zuerst, wenn wir andere Menschen ansehen?

Die Psychologin demonstriert es in einem Versuch mit der Blickbewegungskamera. Eine Testperson soll 5 Sekunden lang ein Bild von zwei anderen Menschen betrachten. Im Durchschnitt sucht sich das Auge dabei 3mal in der Sekunde einen Fixpunkt. Die Blickbewegungskamera markiert mit farbigen Linien, wo genau hingeschaut wird. Suchen Männer einen anderen Blickkontakt, als Frauen?

Nein, stellt Frau Dr. Roeder fest. „Männer und Frauen haben einerseits ein gleiches Blickverhalten, nämlich dass sie vor allem auf die Gesichter der Menschen fokussieren und dass beide Geschlechter vor allem auf die Gesichter von Frauen gucken. Gleichzeitig konnten wir aber dabei sehen, dass Frauen darüber hinaus viel mehr Kontextinformationen aufnehmen.

Wegsehen - wenn der Blickkontakt abbricht

In unserem Test gehen wir jetzt einen Schritt weiter: die Schauspieler fragen nach dem Weg, sollen während der Erklärung aber wegschauen. Die Angesprochenen reagieren verunsichert und ziehen sich schnell vor dem Fragenden zurück, der sich ja vermeintlich nicht für die Informationen interessiert. Das „Wegsehen“ irritiert also – ein Gespräch kommt so nicht in Gang. Woran das liegt, weiß die Psychologin der Uni Münster: "Üblich ist ja, wenn zwei Menschen miteinander sprechen, dass derjenige der spricht, relativ häufig wegsieht, aber derjenige der zuhört, der hört den Sprechenden ja üblicherweise zu. Wenn der das nicht macht, dann irritiert das den Sprecher unglaublich. Zumindest in unserer westlichen Gesellschaft."

Schau hin- schau weg: Blick auf andere Kulturen

In Japan zeigt man seine Ehrerbietung oder seine Hochachtung dadurch, dass man anderen Menchen im Gespräch nicht direkt in die Augen schaut, sondern das man eher nach unten schaut. In vielen arabischen Ländern wiederum ist es üblich, das man sich, wie wir sagen "unverwandt ansieht", also mit eher starren Blick den Gesprächspartner ansieht.

Der interessiert Blick

Wie soll man aber hier bei uns einen Blickkontakt erwidern? Dr. Ute-Regina Roeder bringt das auf eine einfache Formel: „Eine Sekunde ist sehr kurz, das signalisiert noch kein Interesse, 3 Sekunden wird als optimal angesehen, das signalisiert schon Interesse, bis etwa 5 Sekunden. Alles was länger als 5 Sekunden am Stück ist, das empfinden wir als absolut unangenehm.“ Also: wer seine Mitmenschen nicht verunsichern will: nicht zu kurz, aber auch nicht zu lang schauen.

Autorin: Sabine Guth

Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 25.07.2019, 20:15 Uhr