Weidenröschen

Nicht nur fremde Tierarten wie der asiatische Marienkäfer, der biberartige Nutria oder die lautstarke Nilgans haben sich längst bei uns breitgemacht. Jedes Jahr finden auch fremde Pflanzen ihren Weg zu uns. Manche werden eingeführt, andere unabsichtlich eingeschleppt – wie das Kurzfrüchtige Weidenröschen. Wissenschaftler der Senckenberg-Gesellschaft haben die unscheinbare Pflanze im Visier, denn sie breitet sich rasant aus.

Besonders sauberes Mineralwasser

Auf einer wilden Wiese im Süden von Frankfurt, direkt am Waldrand nahe der Autobahn, schwanken hohe Gräser im Wind. Dazwischen blitzen weiße, gelbe und violette Blüten, an denen Bienen und Schmetterlinge naschen. Dr. Indra Starke-Ottich hat schon viele Arbeitstage hier verbracht. Die Botanikerin der Senckenberg-Gesellschaft interessiert sich vor allem für eine Pflanze, die so unscheinbar ist, dass man sie auf den ersten Blick fast übersieht: Das "Kurzfrüchtige Weidenröschen", ein filigranes Gewächs mit hüfthohen, rötlichen Stängeln und millimeterkleinen, zartrosa Blüten. "Es ist eine invasive Pflanze, die ursprünglich aus Nordamerika stammt und hier eingeschleppt wurde. Sie ist 1994 das erste Mal in Deutschland aufgetreten und hat sich schon nach kurzer Zeit massenhaft ausgebreitet", erklärt die Forscherin. "Es kommen jedes Jahr neue Pflanzen hierher – oft verschwinden sie auch wieder – aber eine Pflanze, die in sehr kurzer Zeit solche Massenbestände bilden kann, ist wissenschaftlich sehr spannend."  

Erfolgsgarant: flugfähige Samen

Hier – auf einer ehemaligen Brachfläche, groß wie zehn Fußballfelder – legt das Kurzfrüchtige Weidenröschen einen rosa Schleier über die wilde Grünfläche. Die Wissenschaftler der Senckenberg-Gesellschaft interessiert vor allem eins: Was macht die fremde Pflanze mit der heimischen Natur? Sie beobachten und erfassen die biologische Vielfalt im Raum Frankfurt schon seit über 30 Jahren – und damit auch die Veränderungen, die durch fremde Arten ausgelöst werden. "Das Kurzfrüchtige Weidenröschen hat tausende flugfähige Samen und kann so brachliegende Standorte erreichen, die ganz neu entstanden sind", so Starke-Ottich. "Die Pflanze kann sogar Schnee und Überstauung mit Wasser problemlos vertragen und hat dann die Flächen schon besetzt, wenn im Frühjahr andere Pflanzen keimen wollen." So hat das Kurzfrüchtige Weidenröschen unzählige ungenutzte Brachflächen und Bahndämme erobert – nicht nur im Rhein-Main-Gebiet, sondern bis nach Mittelhessen, Rheinland-Pfalz und Bayern.  

Über den Luftweg eingeschleppt

Im Labor untersuchen Professor Georg Zizka und seine Kollegen die Pflanze genetisch – sie extrahieren etwa die DNA des Weidenröschens und vergleichen sie mit Proben aus anderen Regionen. So konnten die Forscher nachweisen: Die Pflanze stammt ursprünglich aus dem kalten Hochland Nordamerikas. Die Wissenschaftler vermuten, dass sie wahrscheinlich über den Luftweg hierher gelangt ist. "Es war auffällig, dass die ersten Vorkommen in der Nähe von Stützpunkten der US-Armee aufgetreten sind", sagt Georg Zizka. "Das würde ja einleuchten, die Samen müssen ja aus den USA gekommen sein. Vielleicht ist es da über Transporte geschehen; die Samen könnten zum Beispiel in Reifenprofilen gesteckt haben oder an Schuhsohlen."  

Invasive Pflanzen verändern heimische Natur

Das Kurzfrüchtige Weidenröschen ist zäh und widerstandsfähig. Aber: Ist es deshalb eine Gefahr für die biologische Vielfalt? Andere invasive Pflanzen können für die heimische Flora und Fauna gefährlich werden – wie etwa der Japanische Staudenknöterich, der sich vor allem an Bachläufen explosionsartig vermehrt und meterhoch wird. Er wachse bis zu 25 Zentimeter pro Tag, sagt die Botanikerin Indra Starke-Ottich: "Diese Wuchskraft hat keine europäische Art. Deswegen können heimische Pflanzenarten da nicht mithalten. Dort, wo der Staudenknöterich wächst, fehlt es ihnen an Platz und Licht – sie werden verdrängt." Andere invasive Pflanzen, wie der Riesenbärenklau oder die Ambrosie, verursachen gesundheitliche Probleme – etwa weil sie Verbrennungen und schwere Allergien auslösen können.  

Seltener Vogel verliert Lebensraum

Das Kurzfrüchtige Weidenröschen bedrohe andere heimische Pflanzen nicht, sagt Indra Starke-Ottich von der Senckenberg-Gesellschaft. Aber: "Normalerweise bleiben Brachflächen mehrere Jahre offen und werden von verschiedenen Tierarten besiedelt, die an karge Flächen angepasst sind. Wir gehen davon aus, dass es für diese Tierarten einen negativen Effekt durch das Kurzfrüchtige Weidenröschen gibt – zum Beispiel für den Flussregenpfeifer."

Der kleine, braun-weiß gemusterte Vogel steht unter strengem Artenschutz. "Der Flussregenpfeifer lebt eigentlich an Kiesbänken, wie sie in natürlichen Flüssen immer wieder entstehen. Das Problem ist, dass es solche Flächen heute praktisch kaum noch gibt", so Starke-Ottich. "Wenn es also eine Brachfläche gibt, wo der Vogel sich wohlfühlt und eine Brut hochziehen kann, dann muss man die für ihn möglichst lange erhalten." Wo das Kurzfrüchtige Weidenröschen diese Brachflächen überwuchert, verliert der Flussregenpfeifer wichtigen Lebensraum. Deshalb versucht das Frankfurter Umweltamt, hier am Gelände eine Fläche extra für den empfindlichen Vogel von den Pflanzen freizuhalten. Ob auch andere Tierarten vom Kurzfrüchtigen Weidenröschen bedroht sind, ist noch unklar. Das müsse dringend weiter erforscht werden, sagen die Forscher der Senckenberg-Gesellschaft.  

Mithelfen und Pflanzen erfassen

Um zu erfassen, wo im Frankfurter Stadtgebiet sich das Kurzfrüchtige Weidenröschen ausbreitet, freuen sich die Senckenberg-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler auch über die Beteiligung von interessierten Bürgern. "Wir betreiben dazu eine Webseite – www.flora-frankfurt.de – auf der wir Frankfurter Pflanzenarten mit Bildern und Verbreitungskarten vorstellen", erläutert Indra Starke-Ottich. "Wenn man eine Pflanze gefunden hat, kann man ein Fundmeldeformular ausfüllen und uns schicken, dann wird der Fundort erfasst."

Sendung: "alles wissen", hr-fernsehen, 30. August 2017, 21 Uhr