Die Sprengung des Frankfurter AfE-Turm im Jahr 2014
Auch an der Sprengung des Frankfurter AfE-Turms war Reisch beteiligt. Bild © picture-alliance/dpa

Wenn es kompliziert wird, wenn Präzision gefragt ist, ist Eduard Reisch in seinem Element. Der 55-Jährige ist Sprengmeister. Diesen Berufswunsch hatte er schon im Alter von fünf Jahren.

"Weil Sprengen, haben für mich nicht nur den Charakter gehabt, dass es kracht und vielleicht auch stinkt und Pulverdampf in der Luft liegt, sondern Ursache und Wirkung haben mich sehr früh beschäftigt", sagt er. Tausende Sprengungen hat er schon verantwortet, unschätzbare Erfahrungen gesammelt. Und doch ist jede Sprengung anders, jeder Job eine neue Herausforderung. Hochhäuser, Türme, Brücken – kein Gebäude ist wie das andere. Und nicht immer geht es um Gebäude.

Erdreich wird gesprengt

Heute ist Reisch an der Autobahn 3 beschäftigt. Sie gilt als Staustrecke, wird deshalb verbreitert und zum Teil neu gebaut. Im bayerischen Rohrbrunn soll ein Abschnitt nach Süden verlegt werden – für einen weicheren Kurvenverlauf. Nahe einer bereits fertiggestellten Autobahnbrücke muss dafür der Erdboden um 10 Meter abgeflacht werden.

Das Erdreich besteht aus hartem Bundsandstein. Deshalb soll es gesprengt werden, 17 Mal insgesamt. Tonnenweise Sprengstoff braucht Eduard Reisch dafür. Ein heikles Unterfangen, denn die Brücke muss intakt bleiben. "Sie darf bei den Sprengarbeiten weder durch Steinflug noch durch Erschütterungen beschädigt werden", sagt Reisch.

Vor der Sprengung steht aber erst einmal die Vorbereitung. Ein Spezialbohrer treibt über 100 Sprenglöcher bis zu 10 Meter Tiefe in den Buntsandstein. Reisch und sein Team füllen die Bohrlöcher mit Sprengstoff. Ganz unten rein kommt die Sprengpatrone, ein plastikumhüllter, knetmasseartiger Sprengstoff mit Zünder.

"Der Zünder detoniert in der Patrone", erklärt Reisch. "Die Detonation wird übertragen auf die Sprengstoffpatrone, die Sprengstoffpatrone initiiert letztendlich den Andex-Sprengstoff.“ Der Andex-Sprengstoff ist ein Pulver, das sich speziell zum Sprengen von Gestein eignet. Rund 15 Kilogramm kommen in jedes Loch.

Unvorstellbare Kräfte

Bei der Explosion erzeugt der Sprengstoff Gase – 15 000 Liter in jedem Sprengloch. Unvorstellbare Kräfte wirken so schlagartig auf das Gestein, drücken es auseinander und schieben es aus dem bisherigen Verbund heraus. Soweit der Plan.

Vor der Sprengung müssen die Sprengladungen miteinander verkabelt werden – denn Reisch will eine Kettenreaktion auslösen. Das letzte Kabel wird bis zur Zündspule verlegt. Dann ist es soweit. Das Sprengsignal ertönt. Eduard Reisch betätigt den Zünder.

Innerhalb von Millisekunden explodiert eine Sprengladung nach der anderen. Durch diese Verzögerungstechnik löst sich das Gestein am besten aus dem Verbund. Beim anschließenden Kontrollgang ist der Sprengmeister zufrieden: "Ok, man sieht hier wirklich, das hat’s ordentlich weggedrückt, das Material. Also ordentliches Ergebnis." Alles ist gut gegangen. Und der Abtransport des Gesteins kann beginnen.

Der Frankfurter Uni-Turm

Die größte Herausforderung bisher für Eduard Reisch: Der Frankfurter Uni-Turm. Februar 2014, das alte Hochhaus soll weichen. 50.000 Tonnen Stahl und Beton. Ein so hohes Gebäude mitten in einer Stadt hat in Europa zuvor noch niemand gesprengt.

Sprengung AFE-Turm
Dass der Turm gerade in sich zusammenfällt ist eine große Herausforderung. Bild © hr

Der alte Uni Turm steht inmitten vieler Gebäude, das nächstgelegene nur 30 Meter entfernt. Viele Unigebäude, das denkmalgeschützte Naturkundemuseum und das Marriott-Hotel in nächster Nähe. Und gerade einmal 47 Meter entfernt verläuft die U-Bahn.

In rund 1400 Bohrlöchern steckt eine knappe Tonne Sprengstoff. Vier Kilometer Zündschläuche sind verlegt. Alles ist bis ins kleinste Detail berechnet. "Das hier ist Mathematik mit Erfahrung", sagt Eduard Reisch. "Über entsprechende Abmessungen kann  ich berechnen, wie viel Beton und Stahlbeton es hier gibt." Anhand dieser Masse entscheidet er, wie viel Sprengstoff benötigt wird, um einen Gebäudeteil zu zertrümmern.

Die meisten Sprengladungen befinden sich in den beiden Kellergeschossen. Mit diesen Ladungen sollen alle tragenden Säulen zum Einsturz gebracht werden. Um sicherzugehen, dass diese Säulen im kompletten Gebäude fallen, werden auch in anderen Geschossen Sprengladungen angebracht. Das zusammen soll zum Skelettkollaps führen.

Ein kühler Kopf ist Pflicht

Aus dem Gebäudekern werden im 5ten und im 14ten Stock keilförmige Stücke gesprengt. Das soll den Kern unten leicht in Nord- und oben leicht in Südrichtung kippen lassen – eine sogenannte Kernfaltung.

Sprengmeister Reisch muss bei all dem einen kühlen Kopf bewahren. "Zu große Emotion ist fehl am Platz“, sagt er. "Angst ist in Ordnung, Vorsicht ist angebracht. Man hantiert hier mit Sprengstoff und Zündmittel." Um niemanden zu gefährden, wird rund um den Uni-Turm ein Sicherheitsbereich abgesperrt. Und endlich ist alles bereit zur Sprengung.

Der Countdown beginnt, von 10 abwärts. Reisch und ein Kollege lösen gemeinsam die Zündung aus. Sekundenlang herrscht gespannte Stille. Dann ein ohrenbetäubender Knall. Der Uni-Turm fällt in sich zusammen – wie geplant zunächst die Gebäudehülle, unmittelbar darauf der Kern. Der Spreng-Experte ist erleichtert: "Bilderbuchsprengung, absolut planmäßig, also besser geht’s nicht."

Der Uni-Turm ist nur mehr ein Haufen Schutt. Kurze Zeit später beginnen die Aufräum- und Reinigungsarbeiten. Eduard Reisch hat mit dieser Sprengung das Meisterstück seiner bisherigen Karriere abgeliefert.

Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 07.03.2019, 20:15 Uhr