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zum Video Die Rattenjäger von Frankfurt

Eine Ratte kommt selten allein.

Das Abwassersystem von Frankfurt ist riesig. Gigantische 1700 Kilometer ist das System aus großen und kleinen Kanälen lang. Und dann sind dort unten noch Lebewesen, denen die meisten von uns nicht unbedingt gern begegnen möchten: Ratten.

Sie sind klein, klug – und in Massen vorhanden. Auf jeden Frankfurter Bürger, schätzt man, kommen hier drei Ratten. Und es könnten noch mehr werden. "Das geht schon rasend schnell. Wenn wir nicht permanent bekämpfen würden, würde die Population immens ansteigen", sagt  Ralf Laufs, Fachkraft für Abwassertechnik bei der stadtentwässerung Frankfurt. Und dann könnten die Ratten auf der Suche nach Nahrung, auch in Massen nach oben kommen. Dass das nicht geschieht, dafür sorgen die Mitarbeiter der Stadtentwässerung Frankfurt. 80 Menschen arbeiten hier, ein Dutzend von ihnen ist für die Ratten zuständig.

In die Tiefe nur mit "Brotdose"

Zusammen mit Ralf Laufs und seinem Team machen wir uns auf den Weg in die Kanalisation - direkt unter dem Frankfurter Bahnhofsviertel. Bevor Ralf Laufs einsteigt, hat ein Mitarbeiter den Sauerstoffgehalt im Kanal gemessen. Denn die Luft hier unten kann zum Problem werden. Deshalb trägt jeder Kanalarbeiter eine so genannte "Brotdose" am Körper. Ein Atemgerät für Notsituationen. „Wenn wir hier durch einen Kanal durchgehen, kann es natürlich auch zu Faulprozessen kommen und das heißt, da bildet sich dann Schwefelwasserstoff. Wenn der zu hoch konzentriert ist, nimmt er Sauerstoff weg. Um dem entgegenzuwirken, können wir uns mit dieser Brotdose, unabhängig von der Umgebungsatmosphäre 20 Minuten in der Kanalisation bewegen. Das ist quasi unsere Lebensversicherung", erklärt uns Laufs, der bereits seit 30 Jahren bei der Stadtentwässerung arbeitet. Wir steigen hinab.

Stickig, eng und ungemütlich

Auch wenn der Sauerstoffgehalt hier in Ordnung ist – die stickige, übel riechende Luft setzt einem zu. Und auch die Enge, die in manchen Abwasserkanälen herrscht, ist gewöhnungsbedürftig. Nichts für Menschen mit Platzangst. Die Ratten befindet sich in der Regel in trockenen Abschnitten des Kanalsystems. Durch kleine Kanäle bewegen sich die Nager blitzschnell durch die Unterwelt, auf der Suche nach Essbarem. Und zu Essen gibt es hier unten normalerweise reichlich.

Hoch ins Klo

Wenn der Nachschub doch mal ausbleibt, können Ratten durchaus auch mal durch enge Klo-Rohre in Wohnungen gelangen können, weiß Nager-Experte Laufs: "Man glaubt nicht, wie flexibel die Tiere sind. Wie sie sich an Situationen anpassen können. Also, dann klettert die schon mal so ein Rohr hoch, wenn es eng genug ist." Eine Ratte in der Wohnung will wohl keiner. Denn sie sind auch ein potentielles Gesundheitsrisiko. Sie können etwa 120 Krankheiten übertragen, darunter Ruhr, Cholera oder das Hantavirus. 

Trockene Sommer – viele Ratten

Geschätzte 2-3 Millionen Ratten gibt es in Frankfurt. Und nicht nur hier. Bundesweit ist die Rattenpopulation hoch. In Hamburg etwa sollen sich acht Millionen Ratten aufhalten. Auch Berlin spricht von „etlichen Millionen“. Besonders der trockene Sommer 2018 hat den Ratten geholfen, denn große Teile der Kanalisation waren permanent trocken – ein perfektes Rückzugsgebiet für die Nager. Auch in Frankfurt.

Keine Ratten-Panik, bitte!

Doch wie groß ist die Gefahr für die Frankfurter Bürger, sich oberirdisch mit Erregern anzustecken? Ralf gibt Entwarnung: "Ich sage jetzt mal: Es braucht keiner Panik haben, wenn er eine Ratte sieht, dass er sich da ansteckt. Für uns ist die Gefahr halt schon ein bisschen größer, weil wir in direktem Kontakt mit den Tieren stehen. Und wenn du so ein Tier in die Enge treibst – und es hat Junge – dann geht es dich auch an." Stichwort Junge: Ratten vermehren sich rasend schnell. Eine einzige weibliche Ratte kann im Jahr für bis zu 1000 Nachkommen sorgen. "Und das ist auch das, was viele Leute gar nicht so sehen", sagt Laufs. "Aber ich sage mal: Unsere Haustiere, die wir hier haben, sind ein echtes Problem. Und da ist es auch wichtig, dass uns die Bürger ein wenig unter die Arme greifen, indem sie keine Essensreste in die Kanalisation werfen."

Da hilft nur Gift

Doch daran halten sich leider nicht alle. Deshalb müssen die Frankfurter Rattenjäger den Tieren mit Giftködern zu Leibe rücken. Die Fertigköder enthalten den Wirkstoff Difenacoum. Ein sehr langsam wirkendes Gift. Eine Ratte, die von dem Riegel gefressen hat, stirbt deshalb nicht sofort. Und genau das so ist es so beabsichtigt.  Denn Ratten sind schlau. Würde das ein Tier direkt nach dem Fressen am Köder sterben, wäre die gesamte Sippe gewarnt und würde den Köder meiden Früher wurden die Gift-Köder per Hand wahllos im Kanal verteilt oder an eine Schnur gehängt. Diese Zeiten sind längst vorbei. Ralf Laufs zeigt uns, wie die Köder heute positioniert werden. Von oben werden moderne Hightech-Boxen in den Kanal abgelassen. Die verhindern nicht nur, dass der Köder weggespült wird, sondern sie registrieren dank eines eingebauten Sensors auch jede Bewegung der Ratten, wenn die sich an dem Köder zu schaffen machen. Die Sensor-Daten liefern den Männern Hinweise, ob sich in dem Bereich viele Ratten aufhalten. So lassen sich die schlauen Nager noch gezielter bekämpfen.

Bitte nichts ins Klo!

Dass die Rattenpopulation auf dem jetzigen Niveau gehalten werden kann – das ist für die Frankfurter Kanalexperten durchaus ein Erfolg. Denn komplett aus der Unterwelt bekommt man sie nicht. Zu gut ist noch immer das Nahrungsangebot. An Essensresten, die sich zusammen mit Unmengen von Fettresten ablagern. Ralf Laufs: "Das ist natürlich dann für die Ratten ein El Dorado. Die kriegen keine nassen Füße. Und kommen ans Essen ohne Probleme dran. Was besseres gibt’s eigentlich gar nicht. Also, diese Fettreste kann man natürlich vermeiden mit diesen Ablagerungen. Das ist dann auch so eine kleine Bitte, die ich an die Bürger habe: Dass man, wenn man irgend was brät, wie Schnitzel, bei dem man ja unheimlich viel Fett verwendet, Zewa nimmt und das über den Hausmüll entsorgt."

Denn damit auch so ließe sich das Anwachsen der Rattenpopulation verringern. Und das wäre eine große Entlastung für die Männer bei ihrer Arbeit tief unter der Stadt. Eine Arbeit, die auch ohne Ratten alles andere als locker ist, wie uns Ralf Laufs erklärt: "Die wenigsten kennen unseren Job. und die wenigsten können sich vorstellen, was wir hier unten leisten. Müssen. Damit wir eine einwandfreie Abwasserableitung gewährleisten können." Denn hier unten sorgen sie täglich dafür, dass wir oben nichts von Dreck, Gestank und den Millionen Ratten mitbekommen.

Autor: Stefan Venator

Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 08.08.2019, 20:15 Uhr