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zum Video Einwanderer in der Nordsee

Eine Riesenauster an einem Nordseestrand.

Invasive Arten werden vom Menschen absichtlich oder unabsichtlich in fremde Ökosysteme verschleppt. Sie können sich rasend schnell ausbreiten und ganze Ökosysteme in wenigen Jahren verändern. Im Ökosystem Meer bekommt man das oft gar nicht richtig mit. Dabei ist gerade das niedersächsische Wattenmeer in ständigem Wandel.

Wissenschaftler des Senckenberg-Instituts gehen davon aus, dass am Ende dieses Jahrhunderts etwa 60 Prozent aller dort am Meeresboden lebenden Arten dort verschwunden sein werden. Denn der Klimawandel erhöht die Wassertemperatur in der Nordsee, so dass sich gebietsfremde Arten in Zukunft noch besser ansiedeln können.

Senckenberg-Forscher untersuchen schon lange die Invasions-Ereignisse

Seit über 15 Jahren erforscht der Meeresbiologe Dr. Achim Wehrmann Pflanzen und Tiere, die aus anderen Weltgegenden in die Nordsee gelangen. Hier, irgendwo zwischen Borkum und der Festlandküste, kann man sehr deutlich sehen was Bioinvasion bedeutet. Achim Wehrmann stoppt das Schlauchboot und klettert über Bord, während sein Kollege zurück in tieferes Gewässer fährt. Die letzten 200 Meter bis zur Austernbank geht’s zu Fuß durchs kniehohe Wasser. Die gummierte Wathose endet in dicken Stiefeln, die sind ein notwendiger Schutz, nicht nur um trocken zu bleiben:

"Barfuß laufen ist hier mit Sicherheit keine gute Idee," erzählt Dr. Wehrmann, "die Austern haben einen extrem scharfkantigen Rand, was zu ganz schlimmen Verletzungen führen kann, wenn man hier im Watt umherwandert."

Die Austernbank, die hier regelmäßig aus der Flut auftaucht, ist riesig. Hunderte Meter lang und ebenso breit. Jeder Schritt knirscht, weil man über die scharfkantige Spitzen tritt. Dicht an dicht ragen die Schalentiere in den Himmel. Zum Glück schadet es den Austern kaum, wenn man auf ihnen herumläuft.

Noch Anfang der Neunziger Jahre gab es nicht eine einzige pazifische Auster in der Nordsee – heute schätzt man das Vorkommen an pazifischen Austern im Wattenmeer auf insgesamt 200.000 Tonnen, verteilt auf etwa 100 Austernbänken.

"Das Wattenmeer ist ein ganz junger Lebensraum, weniger als 6000 Jahre alt und mit der pazifischen Auster ist zum ersten Mal eine gebietsfremde Art reingekommen, die hier zu ganz massiven Systemveränderungen geführt hat. Da, wo wir früher Miesmuschelbänke hatten, haben wir heute Austernriffe und zwar im kompletten Wattenmeer. Das hat nichts mehr mit dem zu tun, wie es hier noch vor 20 Jahren aussah."

Die Pazifische Auster besiedelt seit 1996 das Wattenmeer

"Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie invasive Arten in die Nordsee gelangen," erklärt Achim Wehrmanns Kollege Hanno Seebens, der über 500 Kilometer entfernt, in Frankfurt am Main, vor Bildschirmen Seekarten und Tabellen studiert. Der Senckenberg-Forscher hat am Computer ein Modell erstellt, das weltweit die Verbreitungswege invasiver Arten zeigt. Die Pazifische Auster sei per Aquakultur in die Nordsee gelangt. Das heißt sie wurde zur kommerziellen Nutzung angebaut und habe sich dann wild verbreitet. Ein typischer Weg: "Die können sich irgendwann selbst halten und verbreiten sich dann eben unkontrolliert. Ein anderer Weg ist über die internationale Schifffahrt. Also große Frachtschiffe, da sind sehr viele in der Nordsee unterwegs und die bringen eben nicht nur Güter sondern auch fremde Arten mit."

Artenverschleppung in Ballastwassertanks

Seepocken, Muscheln und kleine Krebse können sich direkt an den Schiffsrumpf anheften. Doch das größte Problem sind die Ballastwassertanks. Tausende Arten werden in ihnen unfreiwillig in fremde Gewässer verschleppt. Ballastwassertanks hat jedes Schiff – auch Binnenschiffe, die durch die Flüsse fahren tragen deshalb zur Verbreitung gebietsfremder Arten bei. Die Tanks werden mit Seewasser befüllt, wenn das Schiff nicht genügend Tiefgang hat. Wird in einem weit entfernten Hafen dann Ladung an Bord genommen wird das Ballastwasser mit allen darin enthaltenen Algen-, Fisch-, Quallen- oder Krebslarven in den fremden Hafen gepumpt.

Schlimmste invasive Art in Europa ist eine Giftalge im Mittelmeer

Die in Europa schlimmste, bekannte Arteninvasion nahm jedoch einen anderen Weg: Die giftige Grünalge caulerpa taxifolia breitet sich seit 1984 wie ein Krebsgeschwür im Mittelmeer aus. Sie überwuchert dort die Seegraswiesen, die als Kinderstube für das maritime Leben gelten. Die Alge stammt ursprünglich aus dem Stuttgarter Zoo Wilhelma, von wo sie ins Ozeanografische Institut nach Monaco geliefert wurde. Vermutlich mit dem Aquarienabwasser gelangte sie von dort ins Meer. Jeder Versuch sie wieder loszuwerden ist bislang gescheitert. Dabei sind 99 Prozent aller eingeschleppten Arten harmlos. Nur wenige Arten erklärt Hanno Seebens, machen solche Probleme: "Die können dann andere Arten überwuchern, verdrängen und deren Lebensräume neu umformen. Wie eben die pazifische Auster."

Austern bereiten den Weg für weitere invasive Arten

Die wirtschaftlichen Schäden können gewaltig sein, etwa wenn die Fischbestände einbrechen. Die Invasion der pazifischen Auster ist noch vergleichsweise glimpflich verlaufen. Aber sie führte dazu, dass die Miesmuschelfischer ihre Saatmuscheln für die Zucht nicht mehr wie früher von den wilden Miesmuschelbänken gewinnen können. Doch die Austern bereiteten den Weg für andere, neue Arten.

Im Wattenmeer lockert Achim Wehrmann gerade ein paar Austern und fischt geschickt eine kleine Krabbe darunter hervor, die mit ihrem quadratischen Panzer ganz anders aussieht, als die hier sonst heimische Strandkrabbe. Die ist runder und größer.

"Wir können feststellen, dass seitdem die eingeschleppte Krabbenart da ist, die Strandkrabbe im Austernriff sehr stark zurückgeht. Und zwar in dem Maße wie die eingeschleppte Art zunimmt," erklärt Dr. Wehrmann. Die Asiatische Felsenkrabbe, stammt aus dem Westpazifik um China, Korea und Japan. Seit 2006 breitet sie sich auf den Austernriffen im Wattenmeer aus. Zum Glück wird die hier heimische Strandkrabbe fast nur auf den Austernriffen verdrängt. Die Strandkrabbe selbst, als eigentlich typische Nordseebewohnerin  ist mittlerweile ebenfalls weltweit verbreitet  und als Eindringling gefürchtet. Etwa an den Küsten der USA.

Es ist kein Zufall, dass Auster, Krabbe und Beerentang alle aus Asien stammen

Keine Probleme macht hingegen ein weiterer Neubürger im Wattenmeer, eine Alge, die Achim Wehrmann kurze Zeit später präsentiert. Der Japanische Beerentang. Zumindest im Wattenmeer verdrängt der Japanische Beerentang der ebenfalls aus Asien stammt, keine heimischen Arten. Ihn findet man hier seit 2011. Es scheint kein Zufall zu sein, dass all diese Arten aus Asien stammen. Achim Wehrmann: "Nein, das ist kein Zufall, der Wegbereiter war definitiv die Auster, die hier das Austernriff geschaffen hat und hat es ermöglicht, dass sowohl Beerentang als auch Krabbe sich ansiedeln, die normalerweise in so einem Lebensraum sich nicht ansiedeln würden."

Das Beispiel zeigt, wie sich durch die Artenwanderung Ökosysteme weltweit immer mehr angleichen, denn auch Nordsee-Arten besiedeln die asiatische Küste. Im Wattenmeer kommt es bislang nicht wie befürchtet zu einer kompletten Verdrängung. Auch die Miesmuscheln findet man hier noch. Achim Wehrmann: "Zwischen den Austern sitzen jetzt einzelne Miesmuscheln. Zu Beginn der Einwanderung dieser gebietsfremden Art, der pazifischen Auster, dachte man erst, sie würde die Miesmuscheln verdrängen. Mittlerweile können wir aber sagen, dass Miesmuscheln und pazifische Austern in Koexistenz hier leben."

Die vom Menschen verursachten Probleme, Klimawandel und Artenverschleppung werden das Ökosystem Nordsee auch in Zukunft verändern. Schon jetzt ist jede siebte Art im niedersächsischen Wattenmeer eine eingeschleppte Art, haben Senckenberg-Forscher bereits vor zwei Jahren ermittelt. Tendenz steigend.

Verrückt: In China nun rare Auster wird aus der Nordsee rückimportiert

Ein permanenter Wandel, mit dem man wohl oder übel leben muss. Allerdings kann der Artentaustausch auch groteske Formen annehmen, wie Hanno Seebens vom Senckenberg Biodiversität und Klima-Forschugnszentrum in Frankfurt erzählt. "Die pazifische Auster ist in China eine Delikatesse und wird dort sehr gerne in Restaurants angeboten, was dazu führte, dass sie sehr intensiv genutzt und gesammelt wurde und dort am Rand der Ausrottung steht. Mittlerweile wird sie deshalb aus der Nordsee wieder zurück nach China importiert. Das ist eine recht skurrile Form der Globalisierung."

Hoffnung durch internationale Ballastwasser-Regelung

Doch es gibt Hoffnung, dass sich in unsere globalisierten Welt die Mobilität der Arten ein wenig bremsen lässt. Im September 2017 trat ein internationales Ballastwasser-Abkommen in Kraft. Das Ballastwasser der Schiffe darf dann kaum noch lebendige Organismen enthalten. Aufwändige Umrüstungen mit Filtern und der Einsatz umweltverträglicher Chemie sollen das ermöglichen. Die Hoffnungen sind groß, dass Arteninvasionen dadurch künftig abnehmen werden.


Autor:  Wolfgang Zündel
Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 04.04.2019, 20:15 Uhr