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zum Video Antibiotika: Gefährlicher als gedacht

Stellen Sie sich vor, Sie nehmen wegen eines Infekts ein Antibiotikum. Gut verträglich, sagt Ihnen der Arzt. Kurze Zeit später haben Sie überall Schmerzen, Sie können kaum noch gehen, haben Angstzustände. Ärzte wissen sich keinen Rat, Sie sind organisch gesund. Ihnen wird empfohlen, zum Psychiater zu gehen. Stoff für einen Horrorfilm? Keineswegs. Viel mehr Patienten als bisher bekannt sind betroffen.

Denn eine Wirkstoffgruppe aus der Klasse der Antibiotika kann Auslöser für diese und viele andere Beschwerden sein. Es sind also tatsächlich Nebenwirkungen, unter denen die Patienten leiden. Die Rede ist von den sogenannten "Fluorchinolon-Antibiotika“.

Verlässliche Zahlen, wie viele Patienten betroffen sind, gab es bislang nicht. Auf unsere Anfrage hin hat das Wissenschaftliche Institut der AOK in Zusammenarbeit mit Spezialisten des Universitätsklinikums Freiburg die Anzahl der Betroffenen für das Jahr 2018 errechnet.

Demnach ist von mindestens 40 000 Fällen schwerer Nebenwirkungen auszugehen und bis zu 140 Todesfällen, die beim Einsatz anderer Antibiotika nicht aufgetreten wären.

Eine Leidensgeschichte unter vielen

Dr. Sven Forstmann war 39 Jahre alt und gerade frisch verheiratet. Ein aktiver und glücklicher Mann. Doch dann ging er wegen eines Harnweginfektes zum Arzt. Er bekam ein Antibiotikum verschrieben: Levofloxacin.

Seine Leidensgeschichte begann: „Nachdem ich die erste Tablette genommen habe, habe ich im Internet recherchiert und festgestellt, dass es aufgrund schwerer Nebenwirkungen einen Warnhinweis gab. Es hätte also nicht verordnet werden dürfen als 1. Wahl. Ich wollte daraufhin ein harmloseres Antibiotikum. Da hat man mir dann Ciprofloxacin als Ersatz gegeben, weil da kein Warnhinweis vorlag und ich nicht ahnte, dass es die gleiche Wirkstoffgruppe mit fast identischen Nebenwirkungen ist.“

Nach nur drei Tabletten Fluorchinolon-Antibiotika entwickelte Sven Forstmann schwere Nebenwirkungen. Zuerst bekam er einen Schwächeanfall, Herzrhythmusstörungen, Tinnitus. Einen Monat später eskalierte sein gesundheitlicher Zustand: "Ich konnte kaum aus dem Bett raus, ich konnte kaum Zähne putzen, kaum die Haare föhnen. Weiterhin hat sich eine Muskelschwäche entwickelt, ich konnte kaum laufen. Ich bin überall an Krücken gelaufen, mit größten Schmerzen."

Das war vor 3 Jahren. Heute kann er fast gar nicht mehr gehen, leidet am chronischen Erschöpfungssyndrom, ist auf den Rollstuhl angewiesen. Seine Nieren sind irreversibel geschädigt.

Nebenwirkungen sind bekannt

In den Beipackzetteln der Fluorchinolon-Antibiotika werden diese oben genannten und viele weitere Nebenwirkungen aufgezählt. Die meisten allerdings als "seltene" oder "sehr seltene" Erscheinungen. Nichtsdestotrotz hat die Problematik der Nebenwirkungen dazu geführt, dass seit den 1990er Jahren elf  Fluorchinolone vom Markt genommen wurden.

Fünf Fluorchinolon-Antibiotika sind noch auf dem Markt, mit den Wirkstoffen:

  • Ciprofloxacin
  • Levofloxacin
  • Moxifloxacin
  • Norfloxacin
  • Ofloxacin

Doch auch für diese Fluorchinolone gab es Warnhinweise durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, sogenannte "Rote-Hand-Briefe", die durch die pharmazeutischen Unternehmen an alle Ärzte verschickt werden müssen.

Arzt mit Patientin
Oft verschreiben Ärzte Fluorchinolone obwohl es andere Behandlungsmöglichkeiten gibt. Bild © Colourbox

Auch in den einschlägigen Fachjournalen für Ärzte und Apotheker gab es regelmäßig Artikel, die auf die Problematik hingewiesen haben. Spätestens, seit es 2008 in den USA deutliche Einschränkungen bei den Indikationen gab und auch die Patienten informiert wurden, hätte man in Deutschland zumindest gleich ziehen können.

Zudem zählen die Fluorchinolon-Antibiotika zu den zu sogenannten Reserveantibiotika, sollen also nur dann eingesetzt werden, wenn andere Antibiotika nicht helfen. Und das ist eher selten der Fall. Denn für fast alle Indikationen stehen wirkungsvolle Alternativen zur Verfügung.

Doch all das wurde bei Sven Forstmann nicht beachtet und nicht eingehalten. Und nicht nur bei ihm. Im gleichen Jahr, also 2016, bekamen 4,2 Millionen weitere Patienten Fluorchinolone verordnet und das keineswegs nur bei schwerwiegenden Erkrankungen oder wenn andere Antibiotika wirkungslos blieben. Viele Patienten berichten, dass sie Fluorchinolone als erstes Medikament bei harmlosen Infekten der Harnwege oder der Atemwege verschrieben bekommen haben.

Ausmaß der Nebenwirkungen

Der einzige Experte in Deutschland für Schäden durch Fluorchinolone ist der Allgemeinmediziner Dr. Stefan Pieper aus Konstanz.

Er hat inzwischen täglich mit Patienten wie Sven Forstmann zu tun. Jeder einzelne Fall ist komplex und nimmt viel Zeit in Anspruch. Denn es gibt keine Forschung, keine anerkannten Therapien. Das Leid seiner Patienten lässt Stefan Pieper nicht los, denn: "Es hat solche starken Auswirkungen auf den Patienten, gerade auch deswegen, weil diese Beschwerden langwierig sind, teilweise irreversibel. Die kann man möglicherweise gar nicht mehr komplett in Ordnung bringen. Das macht aus einem normalen gesunden Leben das Leben eines Invaliden."

Fluorchinolone sind sehr effektive Antibiotika mit einem breiten Wirkspektrum. Der Arzt kann sich bei diesem Medikament darauf verlassen, dass die Infektion des Patienten wirkungsvoll bekämpft wird. Der Mechanismus, wie Fluorchinolone das Wachstum von krankmachenden Bakterien hemmen und sie abtöten, unterscheidet sich von dem anderer Antibiotika. Gleichzeitig kann dieser Wirkmechanismus aber auch dazu führen, dass gesundes Gewebe geschädigt und wichtige Prozesse im Körper gestört werden.

Verschiedene Tabletten in ihrer Verpackung
Fluorchinolone schädigen oft das Bindegewebe. Bild © picture-alliance/dpa

Eine der häufigsten Nebenwirkungen sind Bindegewebsschäden, die durch den Abbau von Kollagen entstehen. Dadurch entzünden sich Sehnen oder reißen. Vor allem die Achillessehnen sind betroffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Schädigung entsteht, liegt bei zwei der Wirkstoffen zwischen 1:104 und 1:227. Das heißt, jeder 104. Patient, bzw. jeder 227. Patient ist von solchen Schädigungen betroffen. Ältere Patienten sind besonders gefährdet.

Es können sich aber auch andere Sehnen, Muskeln und Gelenke entzünden, häufig verbunden mit starken Schmerzen. Lebensgefährlich wird es, wenn auch in Gefäßwänden Kollagen abgebaut wird. Dadurch können Aneurismen entstehen, also Aussackungen der Aorta. Das kann zum Platzen des großen Blutgefäßes führen. Schwere innere Blutungen sind die Folge.

Dr. Stefan Pieper erlebt als die quälenste Nebenwirkung bei seinen Patienten das "Chronic Fatique Syndrome": "Vielleicht sogar als Schlimmstes ist die Erschöpfung zu nennen. Eine Nebenwirkung, die sich auf die Mitochondrien, also auf die Kraftwerke der Zelle auswirkt. Die Energieproduktion in der Zelle ist nicht mehr ausreichend und die Patienten sind teilweise so erschöpft, das sie den größten Teil des Tages im Bett liegen müssen. Darüber hinaus gibt es psychische Nebenwirkungen, da ein System von Neurobotenstoffe gestört wird. Das führt zu Agitiertheit, Nervosität, zu Angst, Panikreaktionen bis hin zu Selbstmorden, die beschrieben sind. Dann ist das Mittel extrem nervenschädigend. Das heißt. da werden kleinere Nervenfasern betroffen, die brennende Schmerzen verursachen."

Pro Jahr mindestens 40 000 Fälle von schweren Nebenwirkungen, bis zu 140 Todesfälle, die Dunkelziffer ist erheblich

Verlässliche Zahlen, wie viele Patienten betroffen sind, gab es bislang nicht. Auf unsere Anfrage hin hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) mit Unterstützung von Prof. Dr. Winfried Kern vom Zentrum Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Freiburg die Anzahl der Betroffenen für das Jahr 2018 errechnet.

Das Ergebnis ist erschreckend. Und es gibt nicht einmal zu allen Nebenwirkungen Studien, sondern nur zu den häufigsten, wie der stellvertretende Geschäftsführer des WIdO, Helmut Schröder, erläutert: "Wir  kommen bei den vier größeren Gruppen von Nebenwirkungen, wie beispielsweise Aneurismen, dass die Hauptschlagader platzt, Sehnenrisse, ZNS Erkrankungen wie Depressionen bis hin zu Selbstmordabsichten zu einer Größenordnung von 40 000 zusätzlichen Patienten im Jahre 2018. Todesfälle sind es ungefähr 140, die nicht passiert wären, wenn entsprechend andere Antibiotika zum Einsatz gekommen wären. Das ist eine konservative Schätzung, die Dunkelziffer wird deutlich darüber liegen."

Diese Dunkelziffer hat Dr. Stefan Pieper abzuschätzen versucht. Grundlage sind US-Amerikanische Zahlen, da die fluorchinolon-bedingten Erkrankungen dort besser untersucht sind. Danach kommt er auf jährlich 380 000 Patienten mit Nebenwirkungen und 5 000 Todesfälle pro Jahr in Deutschland.

Das bedeutet, je nachdem, welche Zahlen man zu Grunde legt, mehrere Hunderttausend bis Millionen Geschädigte innerhalb der letzten 10 Jahre.

Wie kann es sein, dass hier nicht schon früher reagiert wurde?

Ein Erklärungsansatz ist, dass die Nebenwirkungen nicht nur kurz nach der Einnahme, sondern viele Wochen oder sogar Monate verzögert auftreten können. Außerdem, so Dr. Stefan Pieper: "Die Crux bei den Fluorchinolonen ist, dass der Arzt, der das Mittel verschreibt, zum Beispiel für einen banalen Harnwegsinfekt, in der Regel nicht der gleiche Arzt ist, der die Nebenwirkungen einer Achillessehnenruptur oder auch einer psychischen Störung oder auch der schlimmen Erschöpfung mitbekommt, weil der Patient für dieses Krankheitsbild einen ganz anderen Arzt aufsucht. Also der geht dann zum Psychiater, der geht dann zum Orthopäden, der geht dann zum Hausarzt und nicht mehr zurück zum HNO-Arzt oder zum Urologen, der ihm ursprünglich das Medikament verschrieben hat."

Allerdings gab es Erkenntnisse aus anderen Ländern und Warnhinweise. Warum haben dann die Behörden in Deutschland nicht schneller reagiert? Inzwischen ist zwar ein erneuter "Rote-Hand-Brief" an alle Ärzte versendet worden. Aber warum erst jetzt? In dem Schreiben vom 8.4.2019 sind erstmalig die besonders schweren, möglicherweise irreversiblen Nebenwirkungen beschrieben und es gibt Einschränkungen der Indikationen. So dürfen Fluorchinolone beispielsweise nicht mehr zur Behandlung von einfachen Infekten der Harnwege oder Atemwege verordnet werden.

Der aktuelle Rote-Hand-Brief ist das Resultat einer Neubewertung durch die europäische Arzneimittelbehörde, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 2017 angestoßen hat. Helmut Schröder vom WIdO findet das Procedere fragwürdig: "Wir wissen seit über 10 Jahren, zum Beispiel. aus den Vereinigten Staaten, aus Frankreich, dass es diese gravierenden Nebenwirkungen bei den Fluorchinolonen gibt. Da kann man sich die Frage stellen: Ist das Risikobewertungsverfahren 2017 erst viel zu spät initiiert worden? Wieso aber dieses Risikobewertungsverfahren noch weitere zwei Jahre benötigt, um zu bestätigen, was in anderen Ländern schon bekannt ist, erschließt sich uns an dieser Stelle nicht."

Problem "Rote-Hand-Briefe"

Rote-Hand-Briefe informieren alle Ärzte (und Apotheker) in Deutschland über Gefährdungen durch Arzneimittel. Sie werden von den pharmazeutischen Unternehmen in Zusammenarbeit mit den Kontrollbehörden verschickt. Sie haben sowohl auf dem Briefumschlag, als auch auf der Mitteilung eine auffällige rote Hand.

Die Ärzte sind gehalten, die Informationen aus diesen Briefen in der ärztlichen Praxis umzusetzen. Allerdings gibt es keine Kontrollen, ob das auch so geschieht.

2018 wurden über 40 "Rote-Hand-Briefe" an deutsche Ärzte verschickt. Helmut Schröder vermutet daher: „Die Wahrscheinlichkeit, dass dem einzelnen, verordnenden Arzt ein Rote-Hand-Brief durchrutscht, er das schlichtweg nicht wahrnimmt, ist relativ groß.“

In den USA dagegen werden seit über 10 Jahren nicht nur Ärzte, sondern auch Patienten besser informiert. Direkt auf der ersten Seite des Beipackzettels muss eine deutlich sichtbare, schwarz umrandete Warnung abgedruckt sein ("Black Box Warning"). Zudem gab es eine große Informationskampagne für die amerikanische Bevölkerung durch die Medien.

Sven Forstmann hatte sich durch das Risikobewertungsverfahren eine vergleichbare Warnung auch in Deutschland erhofft. Doch das lehnen die Behörden ab. In zwei Onlinepetitionen fordert er nun unter anderem eine solche Kennzeichnung - als Mindestwarnung für die Patienten - am besten außen auf der Packung.

Weiterhin keine Hilfe für die geschädigten Patienten

Der früher als Informatiker tätige Sven Forstmann hatte noch weitergehende Erwartungen an die Risikobewertung geknüpft. Denn viele der stark betroffenen Patienten sind berufsunfähig wie er und stehen finanziell am Rande des Abgrundes: „Wir hatten uns als Betroffene erhofft, dass wir Hilfe erfahren, dass wir Anlaufstellen bekommen, die kompetent sind, uns weiterhelfen können, dass wir finanzielle Unterstützung bekommen. Beispielsweise bei Contergan gab es ja eine Conterganrente. Da ist jetzt bei den Fluorchinolonen überhaupt nichts davon zu sehen. Und wir hatten uns einen Diagnoseschlüssel erhofft, dass Fluorchinolon-Nebenwirkungen als Krankheitsbild anerkannt werden.“

Denn ohne Anerkennung werden viele Therapien nicht von den Krankenkassen bezahlt. In den USA gibt es diese Anerkennung, die Erkrankung wird als Fluoroquinolone-Associated Disability ("FQAD") bezeichnet.

Trotz seiner schweren gesundheitlichen Einschränkungen gibt Sven Forstmann nicht auf. Er versucht bei den zuständigen Behörden zu erreichen, dass Patienten künftig  besser geschützt werden und hilft anderen Geschädigten. Er will noch so lange für sich und die anderen Betroffenen kämpfen, wie seine Kraft reicht.

Weitere Informationen

Links

  • https://www.wido.de/forschung-projekte/arzneimittel/arzneimittelverbrauch/
  • https://fluorchinolone-forum.de/
  • https://ciprohilfe.wordpress.com/
  • https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2019/rhb-fluorchinolone.pdf?__blob=publicationFile&v=3
  • https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2018/rhb-fluorchinolone.pdf?__blob=publicationFile&v=4
  • https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RV_STP/a-f/fluorchinolone-bewegungsapparat.html
  • https://www.akdae.de/Arzneimitteltherapie/AVP/Ausgaben/Langfassungen/Fluorchinolone.pdf
  • https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2018/10/10/wie-entstehen-ciprofloxacin-nebenwirkungen/chapter:1
  • https://www.omundernaehrung.com/pathogenese-und-therapie-der-fluoroquinolone-associated-disability-fqad.html
  • https://www.test.de/Antibiotika-Achtung-schwere-Nebenwirkungen-5157210-0/
  • https://epetitionen.bundestag.de/content/petitionen/_2016/_11/_12/Petition_68479.html
  • https://weact.campact.de/petitions/warnung-und-eingeschrankter-einsatz-fur-chinolone-antibiotika
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Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 23.05.2019, 20:15 Uhr