Eine Frau schreibt am 18.09.2012 in München (Bayern) einen Brief mit einem Füllfederhalter.

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Die eigene Handschrift ist einmalig – Briefe und Dokumente bekommen durch sie einen persönlichen, unverwechselbaren Charakter. Deshalb werden auch Verträge, Testamente und Vollmachten häufig handschriftlich verfasst.

Doch können wir uns im Computerzeitalter noch darauf verlassen, dass die Handschrift nicht eine perfekte Fälschung ist? Unsere Auttorin Anja Galonska will das genauer wissen und rede mit Experten für künstliche Intelligenz in Deutschland und England:

Der Informatiker Dr. Tom Fincham Haines arbeitet an der britischen Universität in Bath. Er behauptet, dass er meine Handschrift mit Hilfe von künstlicher Intelligenz so imitieren kann, dass keiner den Unterschied bemerken wird. Das glaube ich ihm erst einmal nicht, denn ich habe eine wirklich spezielle Handschrift. Doch Dr. Fincham Haines meint, dass das jeder von seiner Handschrift sagen würde… Ich bin gespannt, was er sagt, wenn er meine Handschrift sieht! Denn er benötigt eine Schreibprobe von mir, um meine Schrift imitieren zu können. Idealerweise eine, in der alle Buchstaben mehrfach vorkommen. Daher gibt er mir einen vorgefertigten Text, den ich abschreiben muss und er scannt ihn ein.

Künstliche Intelligenz: Nützlich oder gefährlich?

Das Programm aus England ist nur eines von vielen selbstlernenden Systemen, die prinzipiell für gute, aber auch für kriminelle Zwecke eingesetzt werden können. Ich frage nach im Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern. Prof. Andreas Dengel, der Standortleiter, hält eine ethische Prüfung solcher intelligenten Systeme für nötig und zwar bevor sie entwickelt werden, bzw. bevor sie zum Einsatz kommen. Denn, so Prof. Dengel: "Auf unsere Sinne können wir uns tatsächlich nicht mehr verlassen. Insbesondere, weil die Darstellungsqualität heute so gut ist, dass wir nicht mehr unterscheiden können, ob das real ist oder ob das gefakt ist."

Denn die heutigen Systeme haben nichts mehr von der Schwerfälligkeit der früheren Anwendungen. Computer lernen inzwischen –ähnlich wie das menschliche Gehirn – durch Beispiele. Sie müssen nicht mehr im herkömmlichen Sinne programmiert werden. Es gibt bereits intelligente Programme, die Stimmen täuschend echt nachahmen und damit jeden Satz mit einer beliebigen Stimme sprechen können. Prof. Dengel erläutert: "Solche intelligenten Systeme kann man trainieren, indem man Beispiele von einer bestimmten Stimme in das System gibt. Das System kann diese Stimme imitieren und damit eben fälschen. Im Sinne dann verwendet werden, um Menschen zu manipulieren, um Dinge vorzumachen, die es so nicht gibt. Und damit beispielsweise Systeme überlisten, die eine Authentifizierung über die Stimme brauchen."

Und es gibt noch weitere Beispiele für die perfekte Fälschung, so Prof. Dengel: "Es gibt zudem die Möglichkeiten, dass man in bestehenden Videosequenzen andere Gesichter einbaut oder vermeintlich Mimik und Sprache in einem Gesicht reflektiert, die es so gar nicht gegeben hat und dann ein neues Video entsteht, das eine Situation vormacht, die so nicht existiert."

Wie funktioniert das "Lernen" von Computern?

Die Beispiele sind erschreckend und können computeraffinen Kriminellen Tür und Tor öffnen. Doch ich interessiere mich erst einmal dafür, wie das mit dem intelligenten Lernen eines Systems überhaupt funktioniert. Sebastian Palacio arbeitet  am Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern an solchen Systemen. Zur Demonstration hat er ein einfaches Beispiel vorbereitet. Ein intelligentes Programm soll drei Tierarten erkennen – unabhängig davon, wie unterschiedlich sie aussehen.

Dem System werden sehr unterschiedliche Bilder von Hunden, Katzen und Fröschen gezeigt – insgesamt 100.000 Ansichten. Bei jedem Bild entscheidet sich das System im Bruchteil einer Sekunde für eine Tierart und bekommt sofort die Rückmeldung, ob es richtig oder falsch lag. Die 100.000 Bilder werden mehrfach gezeigt, so lernt das System.

Zur Optimierung sucht es eigenständig nach typischen Mustern, die sich in den einzelnen Tiergruppen wiederholen, z.B. wie Farben, Formen oder Kontraste. Nach wenigen Minuten kann es dann erkennen: Die Dogge ist ein Hund, der Yorkshire Terrier und der Pudel auch. Die Trefferquote steigt bei Hund, Katze und Frosch innerhalb kürzester Zeit auf über 90 Prozent.

Und die Handschrift?

Zurück in England, bei Tom Fincham Haines. Sein Programm hat inzwischen gelernt, wie meine Buchstaben aussehen. Allerdings hat das nur zum Teil mit der automatischen Erkennung funktioniert. Per Mausklick muss er jetzt an den Stellen, an denen der Computer Schwierigkeiten hatte, nachhelfen. Wir sind inzwischen beim "Du" und er muss zugeben: "Es ist eine schwierige Handschrift. Du hast ein ungewöhnliches a, ein ungewöhnliches o und ein sehr dekoratives F. Und einige Buchstaben dehnst Du aus und sie überlappen andere. Das ist nicht einfach für mein System."

Aber es nützt mir nichts, denn die Erkennung meiner Buchstaben hat trotzdem geklappt. Tom zeigt mir am Beispiel einiger Buchstaben das Prinzip seines Programms. Es sucht sich selbständig die Buchstaben aus meinem geschriebenen Text, die am besten zueinander passen, justiert sie im richtigen Abstand und sucht nach harmonischen Verbindungen zwischen ihnen.

Das ist ein wichtiger Punkt beim Fälschen: Denn eine Handschrift unterscheidet sich von anderen nicht nur durch die individuellen Buchstaben, so Tom: „Beim Schreiben eines Textes gibt es einen Schreibfluss. Den muss mein Programm nachahmen, so dass es aussieht, als ob jemand in einer schönen kontinuierlichen Schrift geschrieben hat.“

Jetzt kommt der große Moment: Das System soll eigenständig einen ganzen Satz in meiner Handschrift schreiben. Ich bin zwar nicht mehr so ganz davon überzeugt, dass es das nicht schafft, lasse mir aber nichts anmerken und diktiere Tom folgenden Satz: "I’m pretty sure, that your program can’t write in my handwriting", also  "Ich bin mir wirklich sicher, dass Dein Programm nicht in meiner Handschrift schreiben kann." Tom tippt den Satz ein und ich schreibe ihn auf ein Blatt Papier.

Echt und gefälscht – wie ist das Ergebnis?

Und tatsächlich, der Vergleich zeigt: Auch wenn in der Kürze der Zeit noch nicht alles perfekt geworden ist: Das sieht meiner Handschrift schon ziemlich ähnlich. Einerseits faszinierend zu sehen, was möglich ist. Andererseits aber auch beängstigend, denn wirklich wichtige Dokumente sind nicht mehr fälschungssicher. Eine Bankvollmacht in meiner Handschrift? Mit dem System ist das kein Problem.

Tom ist das durchaus klar: „Man kann dieses System natürlich auch dazu missbrauchen, eine Handschrift mit krimineller Absicht zu fälschen. Z.B. bei einem  Testament oder einer Vollmacht. Es gibt aber bei jeder Technologie immer eine schlechte Art, sie zu verwenden. Aus diesem Grund haben wir unser System auch nicht bis zum Ende entwickelt. Ein Dokumentenprüfer kann den Betrug noch leicht erkennen.“

Tom möchte mit seinem Programm vor allem helfen. So könnten Menschen, die durch einen Unfall oder eine Krankheit gelähmt sind, trotzdem weiterhin Briefe in ihrer Handschrift verfassen lassen.

Trotzdem frage ich mich, wie wir mit intelligenten Systemen umgehen sollen, die so gut fälschen und täuschen können. Dr. Tom Fincham Haines setzt auf Information: „Bei jeder Technologie, egal ob sie für gute oder schlechte Zwecke eingesetzt werden soll, entscheidet letztendlich die Gesellschaft, ob sie sie haben will. Aber die Gesellschaft muss wissen, dass diese Technologie existiert und was sie bewirken kann. Dann kann die Gesellschaft bestimmen, dass sie eine bestimmte Anwendung nicht haben möchte.“

Information ist gut. Aber ich bin nicht so optimistisch, dass diese gesellschaftliche Kontrolle funktioniert, zu viel ist inzwischen möglich.  Zurück in Deutschland habe ich aber noch eine kleine Überraschung für Tom. Einen Blumenstrauß als Dank und eine Grußkarte - mit seinem Programm geschrieben. "Danke, lieber Tom für’s Fälschen meiner Handschrift!" Aber kann er sicher sein, dass die Karte wirklich von mir ist?

Autorin: Anja Galonska

Sendung: hr-fernsehen, "Alles Wissen", 04.10.2018, 20:15 Uhr