Hygiene in der Bahn
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Wer mit den Zügen der Bahn oder des Nahverkehrs unterwegs ist, kann es kaum übersehen: an Türgriffen, auf Sitz- und Abstellflächen oder an Mülleimern – überall, wo Menschen anfassen oder ihre Reste hinterlassen, ist es um die Sauberkeit nicht unbedingt gut bestellt. Ist das einfach nur eklig, oder können wir uns hier mit Krankheitserregern anstecken? "alles wissen" hat den Hygienetest gemacht.

Die These

Fast täglich ist sie mit dem Zug, der U- oder S-Bahn unterwegs: Clara Dolny ist auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Doch immer öfter ekelt sie sich und meint: "Intuitiv versuche ich manche Sachen nicht zu berühren, weil man weiß ja, dass viele Menschen das schon angefasst haben." Doch ist das nur Claras persönliche Macke mit der Sauberkeit oder empfinden andere Reisende genauso? Finden sie es in Bahnhöfen und Zügen so dreckig, dass sie nichts anfassen möchten? Wir haben uns umgehört am Bahnhof in Kassel und auch andere Reisende meinten: "Ich versuche möglichst nur einen Finger vielleicht zu nehmen und ich auch nicht direkt mit meiner Handfläche irgendwo festzuhalten." Ein Mann sagte uns: "Ab und zu ist es schon in den Toiletten arg verschmutzt."

Und eine Vielfahrerin erklärt: "In der heutigen Zeit kann man ja auch einiges vermeiden anzufassen und ich wasche mir auch immer die Hände mit Seife nach einer Bahnfahrt."

Der Test

Doch stimmt ihre Vermutung, sind Türöffner, WC’s oder Griffe und Handläufe in der Bahn wirklich dreckig und damit eine Gefahr für die Gesundheit? Wir wollen es genau wissen und machen einen Hygienetest mit Vielfahrerin Clara Dolny. Doch zuvor trifft sie am Lehrstuhl für Medizinische Krankenhaushygiene der Universität Marburg auf Prof. Dr. Frank Günther. Er weist sie genau ein. Wie testet sie korrekt und auf was muss sie achten. Denn bei der Testung mit den sogenannten Abklatschtest darf Clara nicht sprechen und darf die Testflächen nicht berühren, da all dies zur Kontamination der Probe führen kann und somit zu einem falschen Ergebnis.

Regionalexpress 50 von Frankfurt nach Hanau

Versorgt mit den Abklatschtests zieht Clara los. Ihr erstes Testobjekt: der Regionalexpress 50 von Frankfurt nach Fulda. Wir begleiten sie mit versteckter Kamera und dokumentieren alles. Clara schaut sich um und stellt fest: Sauber sieht anders aus. "Also an manchen Stellen sieht man den Dreck, die sehen ekelhaft aus, da weiß man es eigentlich schon, dass die krank machen."

Doch bedeutet dreckig aussehen auch, dass uns der Kontakt damit krank machen kann? Testerin Clara beginnt mit den Proben direkt da, wo es am ekligsten aussieht: am Türgriff. Die helle Fläche des Abklatschtests ist für die Gesamtzahl aller Keime und die dunkle speziell für Darmkeime. Insgesamt nehmen wir fünf Proben in dem Regionalexpress - von einem Sitz, von einem Tisch, von einer der vielen Haltestangen und schlussendlich auch vom Deckel eines Mülleimers.

Touchscreen

An der nächsten Station steigt Clara aus und geht sich erst einmal ein neues Ticket kaufen. Eine echte Herausforderung für die 27-Jährige, für die sie eine besondere Taktik entwickelt hat: "Kleiner Finger drauf und durch. Ich finde das ziemlich eklig. Das fasst einfach jeder an und ich weiß nicht, wo die Hände vorher waren." Wir aber wollen genau wissen, sieht das nur eklig aus oder kann diese Schmiere auf dem Display auch unserer Gesundheit gefährlich werden? Also nimmt Clara Probe Nummer sechs.

IC 2024 Richtung Kiel

Dann fährt Clara noch einmal: IC 2024 Richtung Kiel. Eventuell achtet man ja hier eher auf Sauberkeit als im Regionalexpress. Auch hier sichert Clara fünf Proben. Wir dokumentieren wieder mit der versteckten Kamera. Auch der Außengriff der Bordtoilette ist dabei.

Im Anschluss bringt Clara alle ihre Proben ins Labor nach Marburg. Mikrobiologe und Hygieniker Prof. Frank Günther erklärt, wonach sie nun suchen werden: "In der einen Abklatschoberfläche würden wir die Gesamtkeimzahl bestimmen, also wie viel Mikroorganismen insgesamt sich auf dieser definierten Oberfläche befinden und mit der anderen Seite würden wir dann definiert nach potentiell krankheitsauslösenden Mikroorganismen suchen, insbesondere Darmkeime."

Unsere Proben kommen nun 24 Stunden in einen Brutschrank, wo sich die anhaftenden Mikroorganismen in "Kolonien" vermehren werden. Prof. Günther hat aber noch eine andere Testidee, denn er weiß, dass sich Bakterien nicht nur draußen, sondern auch in unseren Wohnungen wohlfühlen. Er bittet Clara daher auch in ihrer Wohnung ein paar Proben zu ziehen.

Die Privatwohnung

Gesagt getan, Clara nimmt zu Hause drei weitere Proben. Eine von ihrer Computertastatur, eine weitere von ihrem Handy und die letzte von ihrer Küchenarbeitsplatte. Alles scheint auf den ersten Blick blitzblank. Davon ist Clara überzeugt: "Die Mischung wird auf jeden Fall explosiver sein im öffentlichen Raum als bei mir zu Hause."

Das Ergebnis aus der Bahn

Ob das stimmt? Fünf Tage später. Inzwischen wurden alle Proben aus der Bahn ausgebrütet. Doch ist das, was so eklig aussieht, auch wirklich krankmachend? Prof. Günther gibt zunächst Entwarnung. Denn obwohl diverse Darmkeime, Schimmelpilze und allerlei Bakterien bei unseren Stichproben gefunden wurden, ist ihre Anzahl nicht besorgniserregend. Eine Ausnahme gibt es allerdings: "Wenig überraschend die höchste Keimzahl wurde auf dem Griff eines Mülleimers in der Regionalbahn nachgewiesen. Hier mit insgesamt 200 Kolonien. Allem voran Entorococcus Spezies, das wären quasi Darmkeime, was unter Umständen vielleicht dadurch bedingt sein könnte, dass jemand eine Windel entsorgt hat oder ähnliches."

Und wie sieht es mit dem Touchscreen aus, vor dem sich Clara so ekelt? Prof. Günther ist erstaunt, das hier nichts gefunden wurde, kann sich aber vorstellen, das hier eventuell vorher geputzt wurde oder aber die Oberfläche behandelt ist und somit antibakterielle Wirkung hat. Ebenso erstaunen ihn die sauberen Haltegriffe- und Stangen in der Bahn, aber auch hier kann es sein, das bestimmte Metalle eine keimtötende Wirkung haben.

Das Ergebnis aus der Wohnung

Und wie beurteilt er die Lage in Claras Zuhause? Die Küchenarbeitsplatte ist nämlich tatsächlich nicht so sauber wie sie dachte. Prof. Dr. Frank Günther: "Hier auch wieder eine breite Palette Entrobactokloake, auch ein Vertreter aus der Gruppe der Darmkeime und verschiedene Umweltkeime, das kann zum Beispiel dadurch bedingt sein, dass Gemüse auf dieser Oberfläche, nicht gewaschenes Gemüse verarbeitet wird oder zum Beispiel auch Geflügelfleisch." Aber auch die Anzahl dieser Keime ist wieder völlig normal und kein Grund zur Besorgnis. Für alle Fälle hat der Experte noch einen Tipp.

Der Tipp des Experten

"Einfaches Händewachen mit Seife, das führt schon zu einer immensen Reduktion, wir können davon ausgehen, dass wir dadurch schon die Keimzahl von mehreren 100.000 Keimen auf wenige hundert oder tausend Keime reduzieren können", so Prof. Dr. Frank Günther. Ein einfacher Ratschlag und für Vielfahrerin Clara ein guter Ratschlag und insgesamt ein beruhigendes Ergebnis, denn jetzt weiß sie: Was dreckig aussieht, macht sie noch lange nicht krank.

Autorin: Stephanie Krüger

Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 21.03.2019, 20:15 Uhr