Ein Frau hält sich den Bauch, während sie ein Glas Milch in der Hand hält.

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zum Video Lebensmittel-Unverträglichkeiten - nicht jeder ist wirklich betroffen

Lactose, Gluten, Fruktose - immer mehr Menschen verzichten darauf, weil sie glauben, dass diese Stoffe sie krank machen. Vertragen wir unser Essen wirklich immer schlechter? Oder ist der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel nur ein angesagter Trend und ein gutes Geschäft für Lebensmittelproduzenten?

Kurz vor 12.00 Uhr, Klappe auf für einen Food Truck der besonderen Art, denn das, was es hier gibt, ist kein Standard-Mittagessen. Ob herzhaft oder süß – alles hier ist frisch, handgemacht und – das ist das Besondere – auch für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten geeignet. Die Rede ist von "der intoleranten Isi" einem speziellen Essenkonzept auf vier Rädern. So steht zum Beispiel heute auf der Speisekarte, wie Besitzerin und Köchin Isabella Hener erklärt: "Wir haben heute Buchweizenwaffeln mit verschiedenen Toppings, die sind glutenfrei und vegan. Und klassisch haben wir heute ein Chilli con Carne mit Quinoa als Beilage und laktosefreier Sauercreme."

Die Idee für den Food Truck

Die studierte Mediendesignerin leidet selbst unter Laktoseunverträglichkeit und weiß genau, wie schwierig es für Betroffene ist, unterwegs etwas zu Essen zu finden. Deshalb tourt sie seit fünf Jahren mit ihrem ganz speziellen Foodtruck durch die Stadt.

Ihre Kundschaft ist einfach nur froh das es sie gibt, so erklärt uns ein Kunde: "Ich hatte ein bisschen Probleme mit dem Magen. Aber dann habe ich einmal hier das Essen ausprobiert und seither schmeckt es. Mit dem Kollegen kommen wir immer wieder her. Es ist einfach besser." Und ein anderer Kunde sagt: "Ich hab’s selber gemerkt mit der Laktose, also früher konnte ich Kakao trinken morgens und das ging dann irgendwann nicht mehr, mir wurde es einfach schlecht im Magen und dann setzt man sich damit auseinander und so kommt man dann auf die verschiedenen Sachen."

Die Expertin

Immer mehr Menschen vermuten, selbst auch unter einer Lebensmittelunverträglichkeit zu leiden. Ernährungswissenschaftlerin Dr. Imke Reese aus München sieht eine Erklärung dafür im wachsenden Angebot des Lebensmittelhandels: "Erst einmal gibt es in den Geschäften inzwischen so viele ‚frei von-Produkte‘, also Produkte, die kein Gluten enthalten, keine Laktose enthalten, dass man auch als unbedarfter Laie irgendwann auf die Idee kommt, okay, vielleicht bin ich davon ja auch betroffen."

Der Markt

Viele glauben, ihrer Gesundheit mit solchen Produkten etwas Gutes zu tun. Der Umsatz mit glutenfreien Produkten stieg 2018 um 22 Prozent, der mit laktosefreien um ca. 15 Prozent. Und das trotz der Preise. Ein no-name-Jogurt zum Beispiel kostet 45 Cent, dieselbe Menge laktosefrei 1,15 Euro. Ähnlich sieht es bei Nudeln aus, die glutenfreien kosten 6,73 Euro das Kilo, die normalen Nudeln nur 3 Euro 18.

Dr. Imke Reese meint dazu: "Die Ersatzprodukte sind halt für Menschen da, die in dem Bereich Probleme haben, und für diese Menschen sind sie sinnvoll. Bei den anderen muss man fragen, ich nehme ja auch keine Kopfschmerztablette, wenn ich keine Kopfschmerzen habe."

Die Unverträglichkeit und die Diagnose

Eine Diagnose stellt Dr. Reese erst nach ausführlichem Gespräch mit ihren Patienten über Ernährung und Verdauung. Auch Atem- oder Bluttests beim Arzt können genau feststellen, ob der Körper bestimmte Stoffe richtig verstoffwechselt.

Denn Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie zum Beispiel die Laktoseintoleranz zeigen sich, wenn das Lebensmittel den Darm erreicht. Bei einem gesunden Menschen wird hier die Laktose von dem Enzym Laktase gespalten, doch bei einer Unverträglichkeit fehlt dieses Enzym und die Laktose wandert unverarbeitet in den Dickdarm weiter. Erst dort wird sie dann von Bakterien zerlegt. Die Folge: Blähungen, Krämpfe, Durchfälle aber auch Verstopfung.

Die Betroffene

Auch Isabella Hener kennt all diese Symptome. Als bei ihr ein Arzt die Laktoseintoleranz feststellte, fühlte sie sich mit der Diagnose ziemlich allein gelassen. "Ich bin dann von einem Arzt entlassen worden. Dann müsse ich jetzt eben jetzt auf Milchprodukte verzichten [...] ein bisschen mehr Info hätte ich mir gewünscht", sagt sie.

Die Produkte

Denn bei den "ohne-Produkten" muss man schon genau hin schauen. Viele Milchersatzprodukte enthalten kein  Calcium. Glutenfreie Lebensmittel bestehen mitunter aus nichts als Stärke und Zucker. Es fehlen sättigende Ballaststoffe. Die Folge: Man isst deutlich mehr. Und manchmal wie bei diesem Schinken handelt es sich bei dem Hinweis "ohne" ohnehin eher um einen Werbegag. Dr. Imke Reese: "Das ist natürlich nett, dass die glutenfrei und laktosefrei ausloben, weil man sich fragt, was hat das mit Schinken zu tun. Man kann Laktose benutzen, um die Farbe zu erhalten, das ist aber unwahrscheinlich, dass der Laktoseintolerante das überhaupt merken würde, weil das ganz kleine Mengen sind. Also hier wird etwas ausgelobt, was Käuferschichten anzieht, die im Zweifel schlecht aufgeklärt sind."

Doch nicht nur der Markt für die Ersatzprodukte floriert auch Tests zur Selbstdiagnose von Lebensmittelunverträglichkeiten verkaufen sich immer besser. Die Preise dafür gehen von 20 bis über 200 Euro. Für die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Imke Reese sind sie einfach nur, so Reese: "Die meisten dieser Tests sind wissenschaftlich wirklich als unseriös klassifiziert. Kosten viel Geld und schaffen eine gefühlte Sicherheit, die natürlich keine ist oder einen gefühlten Befund, der dann vielleicht Panik auslöst und ich habe keine therapeutische Betreuung, das richtig einzuordnen."

Leben mit der Diagnose

Isabella Hener hat sich seit ihrer Diagnose intensiv mit Lebensmitteln und ihren Inhaltsstoffen auseinandergesetzt. So sind ihre Gerichte nicht nur lecker, sondern enthalten alles, was der Körper braucht. "Man muss natürlich wissen, in welchen Lebensmittel welche Nährstoffe drin sind, es hilft nix, einfach nur die Sachen wegzulassen, sondern man muss einfach wissen, was sind da für Nährstoffe enthalten, wie ersetze ich die tatsächlich. Denn sonst kann über kurz oder lang passieren, dass man gewissen Nährstoffmängel hat."

Zusammenfassung

Wer vermutet von einer Nahrungsmittelunverträglichkeit betroffen zu sein, der sollte unbedingt einen Arzt oder Ernährungsexperten aufsuchen - denn nur Wissen schafft am Ende auch Gesundheit.

Weitere Informationen

Seiten im Netz mit mehr Information:

  • https://www.daab.de/
  • https://www.dge.de/
  • https://www.dzg-online.de
  • https://www.bmel.de
  • https://www.bzfe.de
  • https://www.tk.de
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Autorin: Stephanie Krüger

Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 25.04.2019, 20:15 Uhr