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zum Video Mit Lebensmittelrettern unterwegs

Jedes Jahr verschwinden in Deutschland über sechs Tonnen Lebensmittel im Müll. Eine unvorstellbar gigantische Verschwendung von Energie und Ressourcen. Pro Person wirft im Schnitt jeder von uns 82 Kilo Lebensmittel weg. Das muss sich ändern, sind heute schon viele Menschen überzeugt. Sie nennen sich Essensretter oder Foodsharer.

"Alles Wissen" zeigt, welchen Beitrag sie zum Retten von Lebensmitteln leisten - und welche guten Ideen es dazu sonst noch gibt.

Samstagnachmittag in einer Kasseler Bäckerei, Ladenschluss. Die Regale sind noch fast voll, alles ist noch frisch, und jetzt: Ab damit in den Müll! Normalerweise. Gäbe es nicht Essensretter, wie Nils Rohark-Schünemann. Er engagiert sich ehrenamtlich bei Foodsharing und nimmt mit, was sonst in die Tonne kommt.

Produzieren für den Müll – Normalzustand in Deutschland

Volle Regale bis zum Ladenschluss – für uns Kunden ganz normal. Deshalb werden allein in dieser Bäckerei jede Woche um die 180 Kilo Backwaren für den Müll gebacken. Lisa Warwel ist ebenfalls bei Foodsharing dabei, die Studentin sagt: "Wenn man sich das mal anguckt, das ist wirklich Wahnsinn, was alles theoretisch weggeworfen werden würde, wenn wir nicht hier sind." Nils kommt nicht nur zu dieser Bäckerei, er kennt auch in anderen Betrieben die Wegwerf-Mengen: "In Supermärkten geht noch mehr, das ist auch saisonell bedingt. Jetzt geht es Richtung Frühling, Sommer. Vergangene Woche habe ich die ersten Erdbeeren gerettet. Und Spargel hatte ich letzte Woche auch schon ein paar Stangen."

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 Lebensmittelverschwendung

In Deutschland landen jährlich elf Millionen Tonnen (!!!) Lebensmittel im Müll. Das entspricht 275.000 voll beladenen Lastwagen. Am häufigsten schmeißen wir frische, für eine gesunde Ernährung wichtige, Produkte weg. Obst und Gemüse machen fast die Hälfte unseres Lebensmittelabfalls aus. Insgesamt gibt statistisch jeder von uns etwa 235,- Euro im Jahr für Lebensmittel aus, die schließlich in der Tonne landen. Dabei wäre vieles davon allein durch richtige Lagerung vermeidbar.

Hier sind einige Tipps:

  • Brot in einer Brotbox oder einem Steinguttopf als ungeschnittener Laib aufbewahren – so bleibt es länger frisch.
  • Käse am Stück kaufen und dann in beschichtetes Papier einschlagen.
  • Kartoffeln und Zwiebeln immer an einem trockenen, dunklen Ort lagern.
  • Äpfel und Tomaten separat lagern – sie strömen Ethylengas aus, das anderes Obst und Gemüse schneller altern lässt.
  • Angebrochene Packungen (z. B. Mehl, Reis oder Nüsse) in dicht schließende Behälter umfüllen - das schützt vor Schädlingsbefall.
  • Mit den Resten kochen - das spart nicht nur Zeit, sondern auch Geld.
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Ressourceneinsatz für Lebensmittel ist enorm

Mehrmals die Woche ist Nils unterwegs. Insgesamt hat er schon 400 Einsätze hinter sich. Und dabei über 8000 Kilo Lebensmittel abgeholt. Heute steht er dabei vor einem logistischen Problem. Denn sein Fahrrad ist so schwer beladen, dass er es kaum noch schieben kann. Nils kennt das schon: "So kann ich nicht mehr fahren. So muss ich in die Bahn, ich hoffe die kommt auch dann." – In der Tat, die Bahn kommt, und mit einiger Hilfe ist sein Fahrrad samt Lebensmitteln auch sicher verladen.

Eigentlich findet Nils es ja schade, dass seine Einsätze so erfolgreich sind. Schließlich verbraucht die Herstellung jedes einzelnen Brotes Energie, Arbeitskraft und belastet die Umwelt. In einem Kilogramm Brot stecken rund 1.000 Liter Wasser. Zudem entsteht so viel CO2 wie bei einer Autofahrt von 5 Kilometern. – Nils und seine Mitstreiterin haben es geschafft: Angekommen an der Uni. Schnell alles auspacken, danach geht‘s zur Markthalle, bevor sie schließt.

Essen retten per App

Essen retten - mittlerweile sind überall in Deutschland Ideen entstanden, die der Verschwendung den Kampf ansagen. Was bei Ladenschluss übrig bleibt, geben Läden und Restaurants günstig ab – an Selbstabholer. Wer in der Nähe mit macht, zeigt die App "To Good To Go". So ein leckeres Menü kostet dann höchstens 3,50 Euro.

Müll vermeiden am Buffet

Auch dieses Hotel will Müll sparen. Alles, was hier im Stuttgarter Maritim Hotel, auf dem Frühstücksbuffet übrig bleibt, wird weg geworfen - aus Hygienegründen. Abfallwirtschafter der Universität Stuttgart haben genau untersucht, was und wie viel das eigentlich ist. Wissenschaftler und Gastronomen haben dann gemeinsam ein Programm entwickelt, das eine bessere Planung ermöglicht. Die Einsparungen für das Hotel sind enorm: rund 80 Prozent bei Aufschnitt und anderen frischen Waren. Und es spart auch noch Kosten für die Entsorgung.

Vernichten tut weh

Viele Vorteile, aber bisher machen nur wenige mit. Allein in dieser Stuttgarter Biogasanlage landen jeden Tag rund 100 Tonnen Lebensmittelreste.  Franz Rupp, Unternehmensleiter Biologische Reststoffverwertung BRV sagt: "Am meisten tut mir weh: Fleisch und Wurst. Weil es in der Produktion einfach aufwändig war. Oder Milchprodukte. Das tut eigentlich schon weh, wenn du weißt, wie viel Arbeit, dahinter steckt."

Essensretter sind keine Konkurrenz zur Tafel

Nur noch wenige Minuten bis zum Feierabend in der Kasseler Markthalle. Nils wird schon erwartet, am Biostand. Die Marktfrau freut sich, gutes Bio-Obst und Gemüse weitergeben zu können, die Kooperation funktioniert zuverlässig: "Wir haben wie immer für euch hier bereit gestellt – was hier steht in den grünen Kisten, das ist für euch." Heute sind unter anderem Mangos und Ochsenherz-Tomaten dabei, auch Schwarzkohl und Feldsalat, zudem diverse Früchte, Pilze und Kartoffeln. Die Qualität ist gut. Kein Wunder, die Lebensmittel stammen direkt aus dem Verkauf, würden nur bis zum nächsten Markttag nicht mehr frisch genug sein. Die Lebensmittelretter holen es gern ab, um die Verschwendung zu begrenzen. Aber stehen sie damit nicht in Konkurrenz zu den Tafeln, die Bedürftige unterstützen? Nils sagt: "Die Tafel hat immer Vorrang. Wir holen zwar teilweise in den gleichen Betrieben ab, aber nur wenn die Tafel nicht will."

Schafskäsecreme und Co. für 150 Euro

In einem Land des Überflusses wie unserem können selbst die Tafeln nicht alles abholen, was übrig bleibt. So bleibt für die Essensretter um Nils mehr als genug zum Abholen.  An Marktstand Nummer 2 sind es heute Olivenpaste, Schafskäsecreme und andere Leckereien. Den Wert der Lebensmittel schätzt die Verkäuferin an diesem Samstag auf etwa 150 Euro. Für Nils und seine Mitstreiter heißt es dann: Schnell alles verladen - und los! Diesmal steht für die diversen Kisten und Tüten zusätzlich ein Lastenfahrrad zur Verfügung. An der Uni wird das gerettete Essen schon erwartet. Zum Abholen kann kommen, wer möchte. Und nicht nur Studenten wissen, wann es hier Leckeres zu holen gibt. Auch andere Menschen aus der Umgebung planen die Lebensmittel von hier fest ein.

Jedes achte gekaufte Lebensmittel landet im Müll

Immer noch landet jedes achte Lebensmittel, das wir kaufen, in der Tonne. Macht für jeden von uns 82 Kilogramm und bundesweit 6,7 Millionen Tonnen pro Jahr. Wie kommt es dazu? Wir kaufen oft viel mehr, als wir brauchen, z.B. Großpackungen. Schmeißen schon weg, wenn das Haltbarkeitsdatum naht. Kochen mehr als wir benötigen und entsorgen die Reste.

Das muss sich ändern. Aktionstag auf einem Biohof in der Nähe von Frankfurt. Hier erleben Menschen direkt, wo ihr Essen her kommt und was es bedeutet, es zu produzieren. Dann erst schätzen viele, was auf ihren Teller kommt. Eine Teilnehmerin sieht es so: "Das finde ich immer ganz traurig, wenn die Kinder nur einmal irgendwo reinbeißen und es dann zur Seite legen oder wenn die Leute den Kühlschrank total voll haben und am Ende der Woche oder irgendwann den ganzen Kram wieder wegwerfen." Hier landet auch im Topf was in Supermärkten unverkäuflich wäre. Zu krumm, zu klein, zu schrumpelig – völlig egal. Daniel Anthes vom Frankfurter Verein ShoutOutLoud hat die Aktion mit organisiert. Ihm geht es um Aufklärung, aber auch um Spaß am Tun: "Den moralischen Finger heben kann jeder, natürlich wollen wir auch aufklären über das Ausmaß, dass es ein riesiges Problem ist. Aber eben dann mit solchen Aktionen zeigen, dass es Spaß macht, Lebensmittel vor der Tonne zu bewahren." Lebensmittelretter: sie setzen Zeichen gegen Verschwendung. Das macht Sinn – und tut gut, dem Mensch und der Umwelt.

App "Zu gut für die Tonne" gibt Koch-Tipps

Übrigens machen die in privaten Haushalten entsorgten Lebensmittel rund 1/3 des Müllbergs aus. Die App "Zu gut für die Tonne" verrät, was Sie aus Resten noch Leckeres kochen können. Kochpaten wie Sarah Wiener, Tim Mälzer oder Daniel Brühl haben Rezepte beigesteuert. Die App vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ist kostenlos, werbefrei und wurde schon über 1 Million Mal heruntergeladen. Und noch ein Tipp, wie Sie ganz ohne App Lebensmittel retten können: Kaufen Sie nur, was Sie wirklich verbrauchen. Dabei hilft der gute alte Einkaufszettel!

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Links und Tipps

  • Aktion "Zu gut für die Tonne": https://www.zugutfuerdietonne.de/
  • App "Zu gut für die Tonne": https://www.zugutfuerdietonne.de/praktische-helfer/app/
  • Bundesweite Initiative Foodsharing: https://foodsharing.de/
  • Verein Shout out loud: http://shoutoutloud.eu/
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Beitrag: Nina Chmielewski

Sendung: hr-fernsehen, "Alles Wissen", 29.03.2018, 20:15 Uhr