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zum Video "Eines der größten Gesundheitsrisiken unserer Zeit" – Arzt warnt vor Antibiotika in der Tiermast

Hühner in einer großen Mastanlage

In unseren hessischen Gewässern befinden sich multiresistente Keime. Hr-Redaktionen haben elf hessische Gewässer untersuchen lassen – mit erschreckendem Ergebnis.

Fast die Hälfte der Proben war mit multiresistenten Keimen belastet. In fünf Flüssen und einem kleinen Bach ließen sich Bakterien nachweisen, bei denen auch Reserveantibiotika nicht mehr helfen. Wir haben uns bereits in "defacto" und "mex" die Fragen gestellt, warum ist das so? Eines der größten Probleme ist der Antibiotika-Einsatz in der Tiermast!

Massentierhaltung

Ställe für 40.000 Tiere sind keine Seltenheit mehr. Wir sind im Landkreis Oldenburg, eine der Tiermasthochburgen in Deutschland.

Was in der Massentierhaltung  passiert, ist eines der größten Gesundheitsrisiken unserer Zeit, sagt der Arzt Gerd Ludwig Meyer: "Ich sehe einen direkt proportionalen Zusammenhang. Nach der Jahrtausendwende ist es geradezu in meinem Landkreis Oldenburg explodiert, von einer Million Masthähnchen auf über zehn Millionen, mit entsprechender Gabe von Antibiotika. Und zeitlich verzögert um ein, zwei Jahre haben wir die Resistenzen gespürt auf unserer Intensivstation - eindeutiger Zusammenhang und eindeutige Todesfälle in diesem Zusammenhang. Das ist mein Vorwurf!"

Dr. Gerd Ludwig Meyer ist Nierenspezialist in Nienburg. Zu ihm kommen schwer kranke Menschen. In den 70iger Jahren war er selbst Landwirt und hat seinen Schweinen Antibiotika verabreicht. Wie es in den Ställen zugeht, weiß er aus eigener Erfahrung: "Die Haltungsbedingen egal ob Schweine Hühner, Puten diktieren den Antibiotika-Verbrauch. Die Haltungsbedingungen sind aber der Kostenfaktor: Je mehr ich auf dem Quadratmeter habe, desto günstiger kann ich produzieren, und Antibiotika sind günstig. Also hat das alles was mit Profit zu tun."

Aber warum können Mastställe eine Brutstätte für resistente Keime sein?

Krankmachende Bakterien lassen sich normalerweise mit Antibiotika abtöten. Resistente Keime dagegen sind damit nicht mehr zu bekämpfen. In der Massentierhaltung haben die Tiere in der Regel wenig Platz, deshalb können sich Keime besonders stark vermehren, auch resistente. Über die Ausscheidungen der Tiere gelangen sie in die Umwelt, zum Beispiel über die Abluft der Ställe, aber auch durch Gülle auf dem Feld oder durch die Abwässer der Mastbetriebe. Über die Kanalisation gelangen sie in Kläranlagen und von dort in unsere Gewässer.

Gewässer-Untersuchung des Hessischen Rundfunks

Wie weit verbreitet resistente Erreger in der Umwelt bereits sind, zeigt eine Untersuchung der hr-Magazine "alles wissen", "defacto" und "mex". Nahe vier Mastbetrieben im Schwalm Eder Kreis in Nordhessen haben wir Proben aus kleinen Bächen genommen. Aber auch unmittelbar hinter verschiedenen Kläranlagen. Dafür sind wir extra geschult worden. Das ist wichtig, denn die Proben dürfen nicht verunreinigt werden.

Wissenschaftler am Karlsruher Institut für Technologie haben sie untersucht. Nach sechs Wochen das Ergebnis: In allen Proben sind Antibiotika-resistente Bakterien. In einem Fall wurden sogar MRSA-Erreger gefunden, die eine Resistenz gegen das Reserveantibiotikum Methicillin aufwiesen. Bekannt aus Krankenhäusern, aber auch aus der Tiermast.

Prof. Schwartz, Leiter der Mikro-und Molekularbiologie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT): "Es wurde schon in verschiedenen Studien nachgewiesen auch in der Abluft von diesen Tierzuchtbetrieben oder auch bei den Landwirten, auf die diese Bakterien dann übertragen werden vom Tier zum Mensch."

Bei MRSA handelt es sich um Staphylokokken, eigentlich harmlose Hautkeime, die durch Resistenzen gefährlich geworden sind. Resistente Keime können zum Beispiel von kontaminierten Stalltieren auf Landwirte oder deren Mitarbeiter übergehen, aber auch von Mensch zu Mensch. Möglich ist auch eine Übertragung durch belastetes Fleisch, über die Luft durch Staubteilchen aus der Tierhaltung oder über kontaminiertes Wasser zum Beispiel in Flüssen oder Seen.

Wir nehmen weitere Proben aus größeren Flüssen in Hessen, hinter Kläranlagen an Gersprenz, Lahn, Nidda, Main, Fulda, Diemelsee und der Alten Wehre bei Eschwege. Das Ergebnis: Besorgniserregend. Wir finden auch in der Gesprenz, in der Lahn, im Main, der Fulda und der Alten Wehre Resistenzen gegen Reserveantibiotika

In der Lahn und der Alten Wehre bei Eschwege sogar gegen Colistin! Colistin ist das letzte Antibiotikum überhaupt, das gegeben wird, wenn nichts mehr hilft! Es wird in der Humanmedizin wegen der starken Nebenwirkungen nur sehr selten eingesetzt, häufiger dagegen in der Tiermast – vor allem bei Geflügelkrankheiten.

Reserveantibiotika in der Tiermast

Für den Nephrologen Dr. Gerd-Ludwig Meyer und andere Experten gehören Colistin und weitere Reserveantibiotika in der Tiermast verboten: "Diese Medikamente sind die wichtigsten Medikamente, die wir in der Humanmedizin haben um Menschenleben zu retten, die haben in der Massentierhaltung, überhaupt in der Tierhaltung, nichts zu suchen. Dass man die dort anwendet, nenne ich ein Verbrechen an den Menschen."

Ist ein Tier krank werden Antibiotika oft dem ganzen Bestand verabreicht und nicht wie in der Humanmedizin nur dem einzelnen Individuum. Die Gesamtmenge der in der Tiermedizin abgegebenen Antibiotika ist von 1706 Tonnen im Jahr 2011 auf 722 Tonnen gesunken. Eigentlich ein Erfolg, aber die Colistin-Menge ist seit 2016 von 69 Tonnen im Jahr auf 74 Tonnen wieder gestiegen.

Warum ist das so? Wir  fragen Norbert Klapp, Vertreter des Hessischen Bauernverbands: "Es gibt halt im Geflügelbereich ein, zwei Krankheiten, wo es sehr gut wirkt, wo ich mit anderen Antibiotika mit wesentlich höheren Mengen in die Behandlung einsteigen müsste." Vielleicht auch ein Grund, warum die Gesamtmenge an Antibiotika in der Tiermast gesunken ist.

Maßnahmen, um den Antibiotika-Einsatz in der Tiermast zu reduzieren

Dennoch: Es gibt ein Umdenken, zum Beispiel ist derAntibiotika-Einsatz zur Förderung des Fleischwachstums seit 2006 verboten, zudem wird jeder Betrieb mittlerweile streng kontrolliert, sagt Norbert Klapp vom Hessischen Bauernverband. Er züchtet selbst Schweine: "Also hier im Betrieb gibt's keine Behandlung mehr ohne vorherige Beprobung. Wir haben vorher schon zweimal im Jahr beprobt, um die relevanten Keime und Stämme zu isolieren und zu gucken, gegen was behandeln wir denn nun? Und das hat sich jetzt nochmal verschärft. Und wir selber im Betrieb experimentieren hier jetzt seit drei Jahren mit verschiedensten Maßnahmen: Futterzusatzstoffen, positiv wirkenden Bakterien, um den Antibiotika-Einsatz zurückzudrängen."

Weniger Antibiotika in der Tiermast, das kann auch über bessere Hygiene und vor allem mehr Platz für die Tiere gelingen. Geflügelmäster Axel Römer in Naumburg hat vor sieben Jahren seinen Bestand von 38.000 Tieren auf 25.000 verkleinert. Seitdem hat er kaum noch Antibiotika einsetzten müssen, seit zwei Jahren sogar gar nicht mehr.

Axel Römer: "Ich denke, durch die weniger Tiere im Stall, durch das mehr an Platzangebot werden auch irgendwelche Keime, Krankheiten nicht so schnell von Tier zu Tier übertragen oder durch mehr Vitalität, durch ein höheres Platzangebot werden erst weniger Krankheiten entstehen."

39 Kilo Lebendgewicht pro Quadratmeter sind erlaubt. Bei Axel Römer sind es 29 Kilo, wenn die Tiere ausgewachsen sind. Er kann das nur so machen, weil er über die Tierwohlinitiative mehr Geld für sein Fleisch bekommt.

Axel Römer, Geflügelmäster: "Ich denke mal, viele Landwirte würden das auch gerne so mehr machen, aber sie müssen es auch bezahlt bekommen und das muss wiederum der Verbraucher bezahlen."

Über höhere Fleischpreise und weniger Fleischkonsum ließe sich die Massentierhaltung eindämmen. Solange aber vor allem auch Reserveantibiotika in Ställen zum Einsatz kommen werden weiter multiresistente Keime verbreitet.

Die Folgen könnten laut Dr. Gerd-Ludwig Meyer gravierend sein: "Und es wird dazu führen, wenn sich nichts ändert, das wir irgendwann da bin ich fest überzeugt das postantibiotische Zeitalter von denen die WHO schon länger spricht, erreichen werden!" Deshalb fordern mittlerweile Experten und auch einige Politiker Reserveantibiotika in der Tiermast zu verbieten!


Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 29.08.2019, 20:15 Uhr