Kischen essen

Video

zum Video Mundraub und essbare Städte

Obst und Gemüse direkt von den Sträuchern sammeln und mitnehmen, das ist regional, saisonal und super frisch. Doch was darf man ernten, und was nicht? Denn einfach pflücken ist nicht erlaubt, "Mundraub" ist auch Diebstahl – und kann geahndet werden.

Obst pflücken direkt vom Baum

Die Internet-Plattform "mundraub.org" zeigt, wo man in Deutschland und Europa kostenlos ernten kann und darf. Jeder, der sich registriert, darf Fundorte eintragen. Allein für Hessen gibt es bereits 3500 Einträge, 3000 davon in Frankfurt. Bundesweit sind es sogar mehr als 45.000. Obst und Gemüse direkt in der Stadt ernten, dass liegt total im Trend.

Gegründet wurde die Organisation, um wieder mehr Bewusstsein für die Natur zu schaffen. Viele Früchte an den Bäumen verfaulen, während Menschen in den Supermarkt gehen, um sie dort zu kaufen.

Mehr Naturbewusstsein für Menschen in der Stadt

Um den Städtern Natur näher zu bringen, bietet die Organisation in Berlin so genannte "Mundraub- Touren" an. Hier können die Teilnehmer essbare Pflanzen und deren Standorte in der Stadt kennen lernen. Und davon gibt es jede Menge. Maulbeeren, Steinklee, Pflaumkirschen. Vieles ist unter Städtern längst vergessen, oder wird gar nicht als essbar wahrgenommen. Die Teilnehmer lernen auch, essbare Pflanzen von ähnliche aussehenden, aber giftigen Sorten zu unterscheiden.

Mundraub kann auch Diebstahl sein

Jedoch müssen dabei einige Regeln beachtet werden. Denn die Früchte, die am Baum hängen, gehören immer dem, auf dessen Grund und Boden die Bäume stehen. Auch, wenn sie über den Zaun hängen. Bevor man erntet, muss man den Eigentümer um Erlaubnis fragen. Das gilt auch, bevor man eine Pflanze auf der digitalen Karte der Organisation Mundraub einträgt.

Nicht immer ist genau ersichtlich, wer der Besitzer ist. Auch öffentlich zugängliches Gelände, wie etwas Parkplätze vor Wohnblöcken, gehört jemanden. Um kein Risiko einzugehen, sollte man vorher im Internet recherchieren, und im Zweifel bei der Gemeinde anrufen. Erntet man, ohne zu fragen, kann man mit einer Geldbuße bis hin zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren bestraft werden.

Handstraußregel

Grundsätzlich gilt aber, dass Bäume und andere Pflanzen auf öffentlichem Gelände der Allgemeinheit gehören. Sie dürfen von jedermann geerntet werden. Mitnehmen darf man eine "geringe Menge" oder so viel, wie für den Eigenbedarf benötigt wird. Ganz klar definiert ist die Menge damit nicht, aber im Naturschutzgesetz ist die Rede von der so genannten "Handstraußregel", das ist ungefähr so viel, wie in zwei Hände passt.

Ist Stadtobst gesund?

Mit dieser Frage hat sich Stadtökologin Ina Säumel auseinander gesetzt. Gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlern der TU Berlin hat sie 200 Sorten Obst und Gemüse an verschiedenen Standorten in Berlin entnommen, und auf giftige Schwermetalle untersucht. Ihre Proben hat sie mit Gemüse aus dem Supermarkt verglichen. Bei der Untersuchung hat sie  sich auf Blei und Cadmium konzentriert, da es für diese Schwermetalle klar definierte Grenzwerte gibt.

Vorsicht bei Gemüse, Entwarnung bei Obst

Das Ergebnis: 52 Prozent der Gemüse-Proben überschreiten die EU- Grenzwerte. Im Umkreis von stark befahrenen Straßen ist die Schadstoffbelastung besonders hoch. Ursächlich dafür sind die Boden verbliebenen Altlasten aus der Zeit, wo Autos noch mit bleihaltigem Benzin fuhren, und Lacke und Farben Blei enthielten.

Denn Schadstoffe, wie zum Beispiel Blei oder Cadmium, gelangen über die Wurzeln in die Pflanze. Dort ist die Konzentration auch am Höchsten. Wurzelgemüse wie Möhren oder Meerrettich ist also am Stärksten belastet.

Schadstoffe werden auch über die Blätter aufgenommen. Regen, aber auch der Verkehr an viel befahrenen Straßen wirbelt verseuchte Erde auf. Die landet dann zusammen mit dem Feinstaub auf den Blättern. Durch kleinste Verletzungen gelangen die Schadstoffe in die Pflanze. Besonders betroffen sind bodennah wachsende Gemüse und Salate.

Abstand zur Strasse verringert das Risiko

Je weiter entfernt man von der Strasse pflanzt, desto geringer das Risiko auf Bleibelastung. Als Faustregel gilt: mindestens zehn Meter von einer mittelstark befahrenen Strasse. Von stark befahrenen Strassen sollte man 20 Meter Abstand halten. Von einer stark befahrenen Strasse spricht man bei 50.000 Autos pro Tag.

Boden auf ehemalige Industriebrachen ist ebenfalls stark belastet. Im Zweifel sollten Gärtner sich die Historie ihres Boden ansehen und auf Kübelpflanzen setzen.

Obst ist gesünder

Und zwar selbst, wenn es direkt an einer viel befahrenen Strasse wächst. Der Weg bis zu den hoch hängenden Früchten ist lang und führt durch mehrere schützende Membrane. Deshalb kommt nur ein kleiner Teil der Schadstoffe in der Frucht an.

In den Untersuchungen schnitt Obst sogar deutlich besser ab als Proben aus dem Supermarkt. Die Wissenschaftlerin begründet das mit billigem und verunreinigtem Substrat, welches manche Bauern offenbar verwenden.

Gesund und für Jedermann

Achtet man auf ein paar Grundregeln, kann man auch gesunde Früchte mitten in der Stadt anbauen. Im rheinland-pfälzischen Andernach gibt es bereits seit 2010 das Projekt "essbare Stadt". Um den Schlossgraben herum wachsen statt grünem Rasen Salat, Kohl, Trauben, Stachelbeeren, Kräuter. Und das beste:

Statt "betreten verboten" heißt es hier "pflücken erlaubt". Jeder darf ernten was er will, und so viel er will. Angebaut und gepflegt wird der Garten von der Stadt, mit Früchten je nach Saison.

Hintergrund ist, mehr für Biodiversität zu tun, und den Bezug vom Städter zur Natur zu fördern. Und ein soziales Projekt zu kreieren, dass nicht auf Verboten und Geboten basiert. Deswegen gibt es auch keine maximalen Mengen, die jemand pflücken darf. Trotz anfänglicher Zweifel und Bedenken, ob sich Einige nicht zu viel nehmen werden, oder was zerstören, funktioniert das Projekt inzwischen schon seit beinahe einem Jahrzehnt. In Andernach setzt man auf soziale Kontrolle.

Andernach: Vorbild für Andere

Die EU hat das Potential erkannt, und fördert europäische Projekte nach dem Vorbild von Andernach mit ingesamt 12 Millionen Euro. Ziel ist es, mehr nachhaltige und gesunde Städte zu schaffen, sie miteinander zu vernetzen und lokale Initiativen zu unterstützen, die für mehr essbares Grün in der Stadt sorgen. Denn dadurch würden nicht nur mehr grüne Unternehmen entstehen oder neue Arbeitsplätze, sondern auch sozialer Zusammenhalt generiert.


Bericht: Aleksandra van de Pol
Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 18.07.2019, 20:15 Uhr