Honig
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Honig gilt als natürlich süß und gesund, mit antibakteriellen, wundheilenden und entzündungshemmenden Inhaltsstoffen. Doch immer wieder wurden in Honigproben auch potenziell schädliche Inhaltsstoffe nachgewiesen: etwa Rückstände von Pestiziden. Doch wie gefährlich sind die Pflanzenschutzmittel im Honig und für die Bienen?

Deutschland gilt als Spitzenreiter in Sachen Honig-Konsum: Rund ein Kilo isst jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr. Vor einigen Jahren aber gerät der Honig plötzlich in negative Schlagzeilen: Verschiedene unabhängige Analysen zeigen, dass drei von vier Honigen mit Pestiziden belastet sind. Sie enthalten Rückstände von einem oder sogar mehreren Pflanzenschutzmitteln, zum Beispiel gegen Pilze oder Schädlingsinsekten.

Wir wollen deshalb eine aktuelle Stichprobe machen – und verschiedene Honige analysieren lassen: Honig aus konventioneller Herstellung im Ausland und aus Deutschland – vom Supermarkt und Discounter, Biohonig vom Reformhaus und vom Supermarkt sowie einen Honig vom Stadtimker um die Ecke.

Tödliche Gefahr für Bienen: Neonicotinoide

Die Untersuchung der Honige führt Dr. Klaus Wallner durch. Er ist Spezialist für Rückstandsanalysen in Bienenprodukten an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Wallner kennt die vielzitierten Untersuchungen der vergangenen Jahre, die unter anderem vom BUND und von der Universität Neuchâtel in der Schweiz veröffentlicht wurden.

Vor allem eine Wirkstoffklasse wurde darin immer wieder nachgewiesen: sogenannte Neonicotinoide, die als Nervengift auf Insekten wirken. Doch auch für Bienen können die Wirkstoffe tödlich sein: In Deutschland ereignete sich der schlimmste Vergiftungsfall im Jahr 2008. Damals wurden im Rheingraben mehr als 11.000 Bienenvölker vergiftet – ein massenhaftes Bienensterben folgte.

"Damals wollte man gebeizten Mais aussäen, der mit dem Insektizid umhüllt war", erinnert sich Dr. Wallner, "die Saat hatte aber schlechte Beizqualitäten. Das heißt, es kam zum Abplatzen von Teilen der Beizhüllen und es ist Beizfeinstaub in die Luft ausgeblasen worden. Der ist dann auf Blüten von Raps und Obstbäumen gelangt." Mit verheerenden Folgen: Tausende Bienen sammelten den pestizidbelasteten Pollen und Nektar ein, wurden vergiftet.

Studien haben gezeigt: Neonicotinoide sind nicht nur für Schädlingsinsekten hochgiftig – sondern auch für Bienen. Sie stören deren Geschmackssinn, Fruchtbarkeit und Orientierungssinn. Sie sollen mitverantwortlich sein für das große Bienensterben der letzten Jahre.

Drei für Bienen besonders gefährliche Neonicotinoide wurden von der EU-Kommission im Jahr 2018 dauerhaft verboten. Viele andere Pestizide, auch gegen Insekten, gelten als bienen-ungefährlich und sind nach wie vor zugelassen.

Vorschriftsmäßige Anwendung entscheidend

Während viele Imker Pestiziden sehr kritisch gegenüberstehen, sieht er Pflanzenschutzmittel differenziert: Jürgen Parg ist Bio-Imker und Bienensachverständiger in Südhessen. Er sagt, die Mittel an sich seien meist nicht das Problem,  sondern wenn sie falsch angewendet werden.

"Entscheidend ist, dass die Mittel wirklich nach Vorschrift eingesetzt werden. Zum Beispiel dürfen die Wirkstoffe nicht abdriften. Aber wenn ich dann durchs Feld fahre, wundere ich mich schon gelegentlich: zum Beispiel, wenn starker Wind ist und man sehen kann, wie sich die Pestizidwolke von der Zielfläche entfernt und nebendran landet."

Jürgen Parg setzt viel daran, dass seine Bienen mit Pestiziden möglichst gar nicht in direkten Kontakt kommen. Weil vor allem Rapsfelder fast immer gespritzt werden, nicht einfach. "Wir reden viel mit Landwirten, dass sie die Sommerblütenspritzung beim Raps weglassen – bei der die Wirkstoffe normalerweise auf den Blüten landen. Wir kompensieren das durch unsere Bienen, indem wir eine sehr intensive Bestäubung gewährleisten. Die Landwirte haben dadurch denselben oder mehr Ertrag und wir haben Honig ohne schädliche Rückstände."

In diesem Jahr hat der Imker für seine 250 Bienenvölker rund 20 Hektar unbehandelte Ackerfläche zur Verfügung – garantiert ohne Chemie: optimal für seine Bienen und auch für seine Kunden, findet er.

Deutsche Honige weisen Pestizidrückstände auf

Aber wie sauber sind die Honige, den wir zur Untersuchung ins Labor gegeben haben? "Wir haben tatsächlich geringe Pestizidrückstände finden können – leider hauptsächlich in unseren einheimischen Honigen. Das ist aber auch naheliegend, weil diese Honige rapsgeprägt sind – wogegen die getesteten Auslandshonige aus Wildblüten und Urwäldern kommen.

Die einmalige Sommerblütenspritzung beim Raps schlägt sich dann in diesen Rapshonigen nieder", erklärt Dr. Klaus Wallner. "Die Werte, die wir gefunden haben, sind glücklicherweise sehr niedrig, weit entfernt von den zulässigen Höchstgrenzen und das heißt für den Verbraucher vollkommen unbedenklich."

Laut Bundesinstitut für Risikobewertung ist es unwahrscheinlich, dass von Honig mit geringen Rückständen – unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte – ein gesundheitliches Risiko für den Menschen ausgeht. 

Alternative Methoden zur Rapsspritzung

Doch auch Dr. Klaus Wallner wünscht sich von Landwirten mehr Bewusstsein für mögliche Risiken von Pflanzenschutzmitteln. Denn, so sagt er: die Dosis mache das Gift – die richtige Anwendung sei entscheidend. Er will Landwirten neue Möglichkeiten aufzeigen – zum Beispiel indem er Rapsbauern überzeugt, beim Spritzen eine spezielle Düsentechnik einzusetzen.

"Wir haben für die Rapsblütenspritzung eine Technik entwickelt, mit der die Blüten nicht mehr von oben gespritzt werden, sondern bei der die sogenannten Dropleg-Düsen unterhalb der Blüten die Wirkstoffe freisetzen. Dadurch haben wir den großen Vorteil, dass die Bienen, die sammeln, nicht mehr direkt getroffen werden. Und das Nektar und Pollen wesentlich weniger belastet sind mit Pestiziden." Noch müssen Landwirte diese Technologie selbst finanzieren.

Beide Bienenexperten sehen als größte Gefahr für Bienen und Insekten, dass sie ihren natürlichen Lebensraum verlieren: Es gibt kaum noch vielfältig blühende Flächen, die Landschaft ist ausgeräumt. Dafür sind vor allem intensive Landwirtschaft und der tonnenweise Einsatz von Pestiziden verantwortlich. Solange der Mensch Pestizide in die Natur bringt, werden sich Anwendungsfehler und ihre Folgen nie ganz vermeiden lassen.


Autorin: Kim Horbach
Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 11.07.2019, 20:15 Uhr