In Plastik verpacktes Gemüse

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zum Video Einkaufen ohne Plastik - geht das?

Wir Deutsche sind Europameister, was den Müllberg pro Kopf angeht. Aber können wir im Alltag überhaupt etwas gegen die Plastikflut tun? Was sind die Alternativen? Eine vierköpfige Familie aus Frankfurt hat sich für uns der Herausforderung gestellt. Eine Woche lang will sie komplett auf Plastik verzichten. Doch schon beim ersten Einkauf dämmert es allen: Das wird richtig schwer. Zum Glück bekommen sie unerwartete Hilfe.

Ob Toilettenpapier, Duschgel oder Biogurken – alles ist in Plastik verpackt. Sieht man sich im Supermarkt um, erwartet einen fast überall das gleiche Bild: bunte Plastikverpackungen in unterschiedlichsten Formen. Ein Leben ohne oder weniger Plastik ist für die meisten deswegen unvorstellbar - nicht so für Familie Winkelmann aus Frankfurt am Main. Gaby, Arne und ihre Söhne Julian und Anton stellen sich der Aufgabe und wollen es wissen: Schaffen wir es weniger Plastikmüll zu verursachen?

Eine Woche lang sammeln sie ihren Müll. Und da kommt ganz schön was zusammen. Der ganze Küchentisch ist voll. Doch woher kommt dieser Berg? Vor allem Mutter Gaby ist erschrocken, versucht sie doch eh schon Plastik zu vermeiden. Schnell werden die größten Probleme sichtbar: Jeden Tag wird ein Liter Milch getrunken, das macht also sieben leere Milchkartons. Ein weiteres Problem: Toastbrot aus der Plastiktüte und Süßigkeiten. Außerdem einige leere Cornflakes- und Müsli-Tüten.

Die Familie findet für jedes Plastikteil einen Schuldigen. Schnell ist allen klar: es muss sich was ändern. Sie wollen ihren Müllberg deutlich verkleinern.

Überall nur Plastik

Voller Motivation machen sie sich auf zum samstäglichen Großeinkauf. Obwohl die Familie hauptsächlich im Bio-Supermarkt einkauft, wird schnell deutlich: auch hier ist alles in Plastik gepackt - mit ein paar Ausnahmen. Obst und Gemüse lässt sich leicht verpackungsfrei einkaufen und kommt einfach lose in den Einkaufswagen. Auch Joghurt und Sahne gibt es im Glas. Doch bei Milch wird es schwieriger. Die Kinder mögen die fettreduzierte Milch – doch diese gibt es hier nicht in der Flasche. Somit werden wieder Milchkartons eingepackt, aber immerhin eine Vollmilch in der Flasche schafft es auch in den Wagen.

Auch Tiefkühlpizza und Pommes gibt es nur mit Plastikverpackung. Bodylotion, Flüssigwaschmittel für Feinwäsche – alles nur in Plastik.

Nadine Schubert - die "Leben-ohne-Plastik"-Expertin

Der Frust wächst. Zu Hause angekommen wird klar: Heute musste auf vieles verzichtet werden. Doch zum Glück bekommen die Winkelmanns Hilfe von Nadine Schubert. Sie ist Expertin, wenn es darum geht Plastikmüll zu vermeiden. Seit fünf Jahren lebt sie mit ihrer Familie plastikfrei bzw. sehr plastikreduziert. Inzwischen hat sie ihren Lebensstil zum Beruf gemacht. Sie schreibt Bücher, bloggt und hält Vorträge zum Thema.

Ihr erster Blick auf den Plastikmüll von Familie Winkelmann: Toast, Bonbontüte, Milch und Blumentöpfe.

Plastikreduzierung im Alltag

"Toastbrot beim Bäcker kaufen und dort gleich in Scheiben schneiden lassen. Damit es sich länger hält: einfrieren. Das am besten in einem Stoffbeutel oder direkt in der Bäckerpapiertüte. Morgens können einfach ein paar Scheiben entnommen werden und kommen direkt in den Toaster."

Süßigkeiten gibt es auch bei Nadine Schubert und ihrer Familie – aber nicht mehrmals in Plastik verpackt. Sie gehen lieber mit einem großen leeren Glas in einen Gummibärenladen und füllen es dort auf. Die große Ration hält mehrere Monate, erst dann braucht es Nachschub. Außerdem werden Kekse und Kuchen gebacken. Somit kann man problemlos ganz ohne Plastik naschen.

Bei Milch kenn Nadine Schubert auch eine Lösung. Vollmilch kann gesiebt werden, um Rahmteilchen rauszufiltern. Aber die Expertin ist davon überzeugt, dass Familie Winkelmann bald eine Milch in der Flasche finden wird, die allen schmeckt. „Ihr müsste euch da einfach mal durchprobieren.“

Verpackungsmüll vermeiden - Tipps der Buchautorin

Immer Stoffbeutelchen einstecken und im Auto eine Kiste deponieren. So werden Plastikbehälter und Tüten beim Einkauf überflüssig vor allem für Blumeneinkäufe im Baumarkt. Die Plastiktöpfe in denen Pflanzen den Weg nach Hause finden, lässt Nadine oftmals einfach dort. "Ich kaufe in kleinen Gärtnereien und lass mir meine Pflanzen gleich in Zeitungspapier wickeln oder ich bringe die Plastiktöpfchen wieder zurück, somit können sie erneut verwendet werden."

Ein plastikfreies Leben heißt Plastik vermeiden und reduzieren so gut es geht und das gelingt mit der richtigen Vorbereitung.

Ein Großeinkauf ist nichts spontanes, also ist es leicht sich Stoffbeutel, Gläser und Brotdosen mitzunehmen. Mit diesen Utensilien kann sogar im Supermarkt ein plastikfreier Einkauf gelingen.

Familie Winkelmann hat ihre Brotdosen aus Plastik mitgebracht. Müssen die jetzt auf den Müll? Dazu hat Nadine Schubert eine klare Meinung: "Ich halte nichts davon Plastik wegzuwerfen, was wir eh schon haben. Wenn wir aber über die Gesundheit reden, ist das nicht optimal. Denn da ist Chemie drin, die auch austritt. Deswegen würde ich lieber aufs Glas setzten."

Fast überall können Wurst und Käse an der Frischetheke in die eigene Dose gefüllt werden. "Es braucht etwas Mut, aber man übernimmt da auch ein bisschen ein Vorreiterrolle und andere Kunden machen es dann schnell nach.", weiß die Expertin.

Gemüse kauft Nadine Schubert oft frisch auf dem Markt, aber auch im Supermarkt hat man oft die Wahl zwischen verpackten und unverpackten Produkten. Der Plastikbeutel muss dann aber hängen bleiben. Für Nadine Schubert sind diese Tüten eine große Umweltsünde: "Vor allem wenn ich sehe, dass manche da nur eine Paprika rein machen. Diese Tüten kann man einfach ganz weglassen. Obst und Gemüse lieber lose kaufen oder sich einen eigenen Beutel mitnehmen."

Oftmals versteckt sich Plastik an Stellen an denen man es nicht vermuten würden. Die auf den ersten Blick unverpackten Bananen sind oben am Stil in Plastikfolie gewickelt und auch die Aufkleber mit dem Markennamen oder dem "Bio"-Siegel bestehen oft aus Kunststoff. Sogar Kassenzettel sind häufig mit dem als hormonverändernden eingestuften BPA (Bundesverband privater Anbieter) beschichtet. Diese Sachen gehören deswegen in den Restmüll.

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Mehr zu BPA

www.umweltbundesamt.at/umweltsituation/schadstoff/bpa/

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Oft ist selbstgemacht auch Plastik-frei

Oftmals wird ein plastikreduzierter Lebensstil als zu teuer wahrgenommen. Dem widerspricht Nadine Schubert, denn viele Produkte können sehr leicht selbst hergestellt werden. Vor allem teure Wasch- und Putzmittel können so ersetzt werden. Gaby und Arne Winkelmann lernen hierzu mehrere Rezepte kennen von Nadine Schubert kennen.

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Rezeptideen

FRISCHKÄSE

Zutaten:
Vollmilch-Jogurt, Gewürze
Zubereitung:
Ein Sieb kommt in eine Schüssel. In das Sieb wird ein sauberes feinmaschiges Baumwolltuch gegeben. Hier wird Vollmilch-Joghurt hineingegeben. Das Tuch wird zugeklappt. Alles kommt in den Kühlschrank. Über Nacht tropft nun die Molke ab. Übrig bleibt fertiger Frischkäse. Dieser kann nun noch nach Belieben gewürzt werden, zum Beispiel mit Kräutern, Salz und Pfeffer. In einem Glas mit Schraubverschluss hält er sich mehrere Tage.

Rezeptlink: www.besser-leben-ohne-plastik.de/frisch-frischer-plastikfreier-frischkaese

Die übrig gebliebene Molke wird zum Badreiniger angemischt:

Zutaten: 250 ml Molke, 3 EL Zitronensäure-Pulver, Wasser
Zubereitung: Alles in eine leere Sprühflasche geben und schütteln.

FEINWASCHMITTEL FÜR DIE HANDWÄSCHE

Zutaten: 1 Handvoll Seifenflocken, 2 l warmes Wasser
Zubereitung: Kernseife wird mit einer Käsereibe in Flocken geraspelt. Dazu kommt Wasser. Das Ganze wird verrührt. Fertig ist das Feinwaschmittel. Alternativ können die Seifenflocken mit etwas Wasser auch im Mixer verrührt werden. Aber Vorsicht: nicht zu viel hineingeben und den Deckel gut festhalten, sonst kann das Ganze auslaufen. 

VOLLWASCHMITTEL

Zutaten: 50 g Seifenflocken, 4 l Wasser, 8 EL Waschsoda
Zubereitung: Alles gut vermischen. Zu dem Feinwaschmittel kann Waschsoda hinzugegeben werden.

WASCHMITTEL AUS HEIMISCHEN KASTANIEN
(Von indischen Waschnüssen rät die Expertin ab)

Zutaten: 6 bis 8 Kastanien geviertelt, 300 ml heißem Wasser
Zubereitung: In ein Glas mit Schraubdeckel kommen: 6-8 Kastanien geviertelt, diese mit 300 ml heißem Wasser übergießen, 24 Stunden warten, absieben, fertig.

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Alternativen für´s Putzen, Duschen und Co.

Nadine Schubert benutz auch reine Olivenölseife zum Putzen. Auch Waschsoda, Natron und Zitronensäure kommen bei ihr oft zum Einsatz. Olivenölseife oder andere Seifenstücke können auch im Bad anstelle von flüssigen Duschmitteln verwendet werden. Ein Stück Seife zum Händewaschen, schon spart man eine Plastikverpackung.

Zum Haare waschen kann Haarseife oder festes Haarshampo verwendet werden. Wer sich traut, kann die Haare auch mit einem Roggenmehlbrei waschen. Oftmals empfiehlt es sich nach der Wäsche eine "saure Rinse" anzuwenden. Ein Esslöffel Zitronensaft oder etwas Apfelessig mit einem Liter Wasser vermischen und etwas davon nach der Haarwäsche über den Kopf schütten.

Familie Winkelmann verwendet oft Bodylotion. Vor allem Mutter Gaby leidet an trockener Haut. Doch die Expertin rät ihr von Boylotion ab: „Deine Haut kann nicht atmen. Da steckt Erdöl pur drin und oft auch noch flüssiges Plastik. Du schmierst dir eine Plastikhaut auf deine Haut und dann trocknet die darunter natürlich aus. Ich würde es weglassen. Einfach ein Öl nehmen: Oliven-Öl, Mandel-Öl, Avocado-Öl.“

Mikroplastik als Peeling ist inzwischen bekannt, aber "flüssiges Plastik" ist vielen noch kein Begriff. Oft wird es in Cremes oder Flüssigseifen verwendet zum Beispiel als Bindemittel. Wer darauf verzichten möchte, sollte zu zertifizierter Naturkosmetik greifen. Der BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland aktualisiert regelmäßig eine Liste mit Produkten, die "flüssiges Plastik" beinhalten.

Weitere Informationen

BUND-Einkaufsratgeber: Mikroplastik

www.bund.net/service/publikationen/detail/publication/bund-einkaufsratgeber-mikroplastik

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Um kleine Plastikteile auch im Abwasser der Waschmaschine zu vermeiden, verwendet die Expertin Nadine Schubert auch beim Putzen nur Baumwolllappen.

Und funktionieren die Tipps überhaupt?

Nadine Schuberts Tipps überzeugen alle. Der Frischkäse schmeckt, vor allem Vater Arne ist begeistert: "Also, dass es so einfach ist Frischkäse zu machen, da gibt es nun wirklich keine Ausrede mehr den im Plastik zu kaufen."

Die Familie ist für ihre plastikfreie Woche gewappnet. Gaby backt Brot und Pizza, Arne kauft keine verpackten Fertiggerichte mehr. Und kommt damit überraschend gut klar: "Man muss sich ein bisschen mehr Zeit nehmen. Aber darauf zu achten hat Spaß gemacht. Sich neu zu orientieren und mal alles auf den Prüfstand zu stellen." Auch das Waschmittel aus Kernseife und Waschsoda überzeugt. Gaby sagt: "Man merkt keinen Unterschied. Die Wäsche ist strahlend sauber und riecht gut."

Familie Winkelmann hat viel dazugelernt und Neues entdeckt wie zum Beispiel einen Unverpackt-Laden und plastikfreie Onlineshops. Langsam ändern sich die Gewohnheiten.

Aber was bedeutet das für den Müll?

Familie Winkelmann hat es geschafft. Ihr Müll ist nicht einmal mehr die Hälfte von dem, was sie noch vergangene Woche produziert haben. Sie sind stolz, obwohl es noch Steigerungspotenzial gibt. Mutter Gaby weiß, wenn sie nicht noch einige Vorräte gehabt hätte, wäre es nicht ganz so leicht gewesen.Doch der erste Schritt in ein stark plastikreduziertes Leben ist getan. Und für alle steht fest: "Wir bleiben dran!"

Weitere Informationen

Hilfreiche Tipps und Rezepte für weniger Plastikmüll:

www.besser-leben-ohne-plastik.de 
www.wastelandrebel.com
www.smarticular.net
www.utopia.de

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Autorin: Anne Chebu

Sendung: hr-fernsehen, "Alles Wissen", 20.09.2018, 20:15 Uhr