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zum Video Gefährliche Kombination: Schlafmangel und Leistungsfähigkeit

Chronischer Schlafmangel kann zum ernsthaften Gesundheitsproblem werden.

Chronischer Schlafmangel  - das ist für viele Menschen heute der Normalfall. Ein Viertel der erwachsenen Deutschen kommt gerade mal auf sechs Stunden Schlaf, fast jeder Zehnte schläft sogar nur fünf Stunden pro Nacht. Die Gründe dafür sind vielfältig: Hohe Arbeitsbelastung, Stress und ständige Erreichbarkeit sorgen dafür, dass wir die Alltagsprobleme mit in die Nacht nehmen.

Das DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin und das Forschungszentrum Jülich haben jetzt in einer Studie erforscht, wie das Gehirn auf Schlafentzug reagiert: Dabei haben sie die molekularen Veränderungen des menschlichen Gehirns während ungewöhnlich langen Wachphasen untersucht. So blieben einige Probanden 38 Stunden durchgehend wach. Die Studie hat gezeigt: Schlafmangel verursacht Veränderungen im Gehirn, begünstigt Diabetes und Schlafmangel ist nicht nachholbar. Wer glaubt, am Wochenende den Schlaf nachholen zu können, den er unter der Woche nicht hatte, der irrt.

Die Reaktorkatastrophe im US-Atomkraftwerk Three Mile Island und die Havarie des Öltankers Exxon Valdez vor Alaska waren zwei ganz unterschiedliche Ereignisse. Aber sie hatten eines gemeinsam: Bei beiden Unglücken machten die Untersuchungskommissionen Schlafmangel verantwortlicher Personen als eine der Ursachen aus. Aber auch die Gefahr von weniger spektakulären Unfällen bei der Arbeit oder im Straßenverkehr erhöht sich drastisch, wenn der Mensch zu wenig schläft. Mittlerweile zeigt sich sogar, dass wir unserer eigenen Gesundheit vielfältig schaden. Selbst wenn wir nur manchmal zu wenig schlafen.

Schlafentzug unter Laborbedingungen

Endlich mal wieder ausschlafen! Neun Tage lang  war für Ben daran nicht zu denken. Er schlief in diesen Tagen nur sehr wenig. Und das alles im Dienste der Wissenschaft. Rückblickend stellt er fest: "Ich fand es am Anfang schon eine Herausforderung, nicht einzuschlafen. Aber der Unterschied von vorher und nachher war sehr deutlich spürbar." Eineinhalb Wochen zuvor war Ben ins Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum nach Köln gekommen, um an einer Schlaf-Studie teilzunehmen.

Zusammen mit Wissenschaftlern des Forschungszentrums Jülich will Dr. Eva-Maria Elmenhorst herausfinden: Welche Folgen hat chronischer Schlafmangel? Die Forscherin weiß: "Die meisten Menschen denken, sie würden genug schlafen. Dabei schlafen ja ganz viele Menschen tagtäglich zu wenig. Die Empfehlung sind  ja regelmäßig sieben Stunden pro Nacht, um keine gesundheitlichen Folgeschäden davonzutragen."

Kontrollierte Schlafmangel-Studie

Aber was passiert im Körper, wenn wir zu wenig schlafen? Um das herauszufinden, durchliefen Ben und die anderen Probanden einen 9-tägigen Härtetest, waren unter ständiger Beobachtung. Oft wurden sie schon nach nur fünf Stunden Schlaf geweckt, um Tests zu absolvieren.

Massenphänomen Schlafmangel

Chronischer Schlafmangel  - das ist für viele Menschen heute der Normalfall. Ein Viertel der erwachsenen Deutschen kommt gerade mal auf sechs Stunden Schlaf, fast jeder Zehnte schläft sogar nur fünf Stunden pro Nacht. Die Gründe dafür sind vielfältig: Hohe Arbeitsbelastung, Stress und ständige Erreichbarkeit sorgen dafür, dass wir die Alltagsprobleme mit in die Nacht nehmen. Dadurch bekommen wir immer weniger Schlaf.

Zu wenig Schlaf führt zu Leistungsabfall

Wie fatal das ist, zeigt die Kölner Studie eindrucksvoll. Drei Nächte lang hatten Ben und die anderen Probanden nur jeweils fünf Stunden geschlafen. Ein Test sollte jetzt zeigen, wie sich das auf ihre Leistungsfähigkeit auswirkt. Am PC sollte Ben sich an einige zuvor gezeigte Buchstaben erinnern. Und reagieren, wenn sie sich wiederholen. So lässt sich die aktuelle Leistungsfähigkeit seines Arbeitsgedächtnisses mit der ausgeschlafener Testpersonen vergleichen.

Schlafmedizinerin Elmenhorst:  "Die, die gut ausgeschlafen sind, können den Test normalerweise gut absolvieren. Und die, die nicht ausgeschlafen sind, die machen ganz viele Fehler dabei. Denken: Der Buchstabe war nicht da. Oder kommen aus dem Rhythmus, und müssen ganz neu anfangen während des Tests."

Schlaf nachholen? Zwecklos.

Wer regelmäßig zu wenig schläft, ist im Job weniger leistungsfähig. Das führt dazu, dass der Stress zunimmt. Die Folge: noch mehr Schlafmangel. Viele versuchen, das Defizit am Wochenende wieder durch längeren Schlaf zu kompensieren. Aber das funktioniert nicht, wie die Test am DLR zeigen. "Es scheint so eine Art Gedächtnis für den chronischen Schlafmangel zu geben", erläutert Eva-Maria Elmenhorst.

"Wenn wir regelmäßig zu wenig geschlafen haben, und versucht haben, uns zu erholen durch eine normale Nacht, konnten wir zeigen, dass diese Probanden deutlich schneller in ihrer Leistungsfähigkeit eingebrochen sind als andere Probanden, die diesen Schlafmangel nicht mitgebracht haben."

Das mag den Alltag der Betroffenen erschweren – lebensgefährlich ist das indes nicht. Ganz anders sieht es mit einer zweiten Folge des Schlafmangels aus. Ben musste auch einen klassischen Reaktionstest machen. Sobald er eine laufende Stoppuhr sah, musste er drücken. Die Gruppe der Ausgeschlafenen reagiert bei diesen Tests innerhalb von etwa 200 Millisekunden. Die Schlafmangel-Gruppe schafft das anfangs sogar auch. 

"Aber plötzlich mischen sich dann sehr viele sehr langsame Reaktionszeiten mit ins Bild. Und wenn jemand wirklich müde ist, dann starrt er unter Umständen auf den Bildschirm, schaut also mit offenen Augen auf diese hochlaufende Stoppuhr, aber reagiert nicht", sagt die Schlafmedizinerin Elmenhorst. "Offensichtlich hat das Gehirn dort abgeschaltet. Und die Kommunikation zwischen Auge und Hirn funktioniert nicht mehr. Das ist das besonders Gefährliche an dem Schlafentzug, was man ja als Mikroschlaf von den Autofahrten gut kennt."

Tote durch zu wenig Schlaf

Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung geht davon aus, dass auf deutschen Straßen wegen dieses Mikroschlafs jährlich doppelt so viele Menschen sterben wie durch alkoholbedingte Unfälle. Eva-Maria Elmenhorst:  "Dieser Schlafmangel ist ganz gefährlich. Denn wir können uns in diesem Zustand permanenten Schlafmangels nicht mehr selbst gut einschätzen."

Schlaf wird schon am Tag vorbereitet

Wie wichtig Schlaf ist, zeigt auch ein Blick in unser Gehirn: Es räumt im Schlaf nicht nur auf, sondern stößt viele Stoffwechselprozesse an, die etwa unsere Immunabwehr stärken. Das wir ausreichend Schlafen ist also extrem wichtig. Deshalb wird unser Gehirn bereits tagsüber auf den nächtlichen Schlaf vorbereitet. Das macht der körpereigene Müdemacher, das Molekül Adenosin. Nach und nach reichert es sich im Verlauf des Tages im Gehirn an. Dort werden gleichzeitig Adenosin-Rezeptoren gebildet, an denen die Moleküle andocken und unsere Zellen runterfahren.

Der Schlaf wird eingeleitet. Eva-Maria Elmenhorst:  "Dadurch, dass die Rezeptoren erhöht werden und auch das Adenosin, wird dieser Schlafdruck besonders gefördert. Und das ist auch das, was jeder selbst merken kann, wenn man ein oder zwei Nächte aufgeblieben ist. Dass es kaum möglich ist, sich wachzuhalten. Dass man in jeder Situation einschlafen kann – selbst im Gespräch oder im Sitzen."

Vielfältige gesundheitliche Probleme

In der härtesten Phase seines Tests musste Ben 38 Stunden lang wach bleiben. Im Tomografen konnten die Forscher nachweisen, dass dieser Schlafentzug zu einer sehr hohen Anzahl an Adenosin-Rezeptoren geführt hat. Ihre Folgerung: Wer wach bleibt, obwohl das Adenosin seinem Körper etwas anderes signalisiert, schadet nicht nur seiner Hirnleistung, sondern dem ganzen Körper. Um das genauer zu untersuchen, entnahmen sie den Schlafmangelpatienten regelmäßig Blut. Und stellten fest, dass auch der Zuckerstoffwechsel entgleist war. Ein Zeichen für beginnenden Diabetes.  Eva-Maria Elmenhorst:  "Was uns dann auch noch interessiert hat: Wie schnell können die sich denn erholen, wenn wir sie eine Nacht acht Stunden schlafen lassen? Und auch diese eine Nacht hat nicht gereicht, um den Zuckerstoffwechsel zu normalisieren. Der war also immer noch gestört."

Dick und krank durch Schlafdefizit

Hinzu kommt: Schlafmangel fördert Dickleibigkeit, weil unser Belohnungssystem im Gehirn durcheinander gerät. Und er macht uns anfälliger für Infektionskrankheiten. Für Ben sind das Erkenntnisse, die ihn nachdenklich gemacht machen. Ben: "Ja, auf jeden Fall. Ich versuche definitiv, genug zu schlafen, weil ich weiß, wie sehr die Leistung abbauen kann. Auch auf die Konzentrationsfähigkeit hat das einen enormen Einfluss. Und auf die Leistungsfähigkeit vor allem. Alles das kann ich mitnehmen."

Sendung: hr-fernsehen, "Alles Wissen", 23.01.2020, 20:15 Uhr