Jahresringe in einem Baumstamm

Kaum ein Wald in Deutschland ist nicht von Menschenhand geformt. Dabei warnen Forscher immer wieder, dass ein solcher Wald, weder Artenreich noch ein gesundes Biotop sein kann. Senckenberg Forscher haben deshalb gemeinsam mit der Forstlichen Versuchsanstalt 31 hessische Waldgebiete zu Naturwaldreservaten erklärt, hier darf die Natur seit 30 Jahren machen was sie will! Eines davon ist der Wald am Hohestein in Nordhessen, wir haben ihn genauer unter die Lupe genommen.

Der Hohestein-Naturwaldreservat

Ein Wald, der anders ist als andere Wälder. Hier am Hohestein in Nordhessen ist die Natur seit knapp 30 Jahren sich völlig selbst überlassen. Forscher hoffen, dass dadurch verschiedene, auch gefährdete Pflanzen und Tiere in den Wald zurück kehren werden. Dr. Wolfgang Dorow ist Projektleiter am Senckenberg Institut, er sagt: "Es geht darum die speziellen Arten, die durch die Forstwirtschaft verschwunden sind oder sehr selten geworden sind auf roten Listen gelandet sind, oder gar ausgestorben sind oder sich in ganz wenigen Refugien halten konnten, die wieder zu fördern, denen Lebensmöglichkeiten zu geben."

Doch was genau passiert in einem Wald, der sich Stück für Stück in einen Urwald zurück entwickelt? Bisher ist dazu nur wenig bekannt. Die Biologen Wolfgang Dorow vom Senckenberg Institut und Marcus Schmidt von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt,  haben hier die große Chance über Jahrzehnte Daten zu sammeln und mit denen aus bewirtschafteten Wäldern vergleichen zu können.

Dort ist der Boden durch die schweren Maschinen oft stark verdichtet. Angepflanzt werden vorwiegend Bäume, die schnell gefällt werden können. Wird die Artenvielfalt  mit der Zeit größer, wenn so ein Wald stillgelegt wird?

Referenzfläche

Als Vergleichsfläche dient den Forschern ein Wirtschaftswald direkt nebenan. Hier werden nach wie vor Bäume gefällt. In beiden Wäldern wurde bereits zweimal eine große Inventur gemacht. Auf 10 mal 10 Metern großen Feldern wurden alle Pflanzen, Moose und Pilze bestimmt. Bei der Auswertung der Pflanzenvielfalt war die Überraschung groß.Die Forscher zählten bei der ersten Inventur  im Wirtschaftswald  87 verschiedene Pflanzenarten, bei der nächsten 10 Jahre später sogar 116.

Im Naturwald hingegen  waren es bei der ersten Inventur nur  70 Pflanzenarten. Nach 10 Jahren waren es sogar noch weniger - nur 61. Wie kann das sein? Dr. Marcus Schmidt: "Die bewirtschaftete Teilfläche unsere Vergleichsfläche, die ist in einem Alter von etwas über 100 Jahren gewesen und da begann das erst das allmählich Bäume entnommen wurden und die Fläche aufgelichtet wurde und durch diese Auflichtung sind dann eben  Pflanzenarten gefördert worden."

Durch das Fällen von Bäumen gelangte mehr Licht auf den Boden und so konnten auch mehr Pflanzen wachsen. Im Naturwald  hingegen wuchsen die Bäume in dem Zeitraum ungestört weiter. Der Holzvorrat hat sich verdoppelt und die Baumkronen bilden mittlerweile eine geschlossene Decke. Dadurch gelangt nur wenig Licht bis auf den Waldboden. Viele Pflanzen-Arten können hier nicht wachsen.  

Die Forscher vermuten, dass es sich dabei aber nur um einen vorübergehenden Umbauprozess handelt.  Dr. Schmidt: "Also wir gehen davon aus dass irgendwann Bäume zusammenbrechen, sei es jetzt dadurch dass sie ihr natürliches Lebensalter erreicht haben oder dadurch, dass  Stürme auftreten. Dann entstehen Lichtlücken und offene Flächen am Boden und dann siedeln sich relative schnell wieder Arten an, dann werden auch die Naturwaldreservate in der Bodenvegetation wieder artenreicher."

Hier ist schon solch eine Lichtlücke entstanden, ein alter Baum ist umgefallen und dient nun als Nahrungsquelle,  Brut - und Wohnraum.  Solches Totholz ist Lebensgrundlage für rund ein Viertel aller Tierarten im Wald. Die unzähligen Insekten  verwandeln so einen Stamm nach und nach zu Humus und sorgen so für  einen nährstoffreichen Boden. Dr. Wolfgang Dorow: "Das war eine  große Überraschung und dann auch was wir gefunden haben, wir haben also in diesen Wäldern immer wieder rote Listen Arten gefunden, die neu für die Wissenschaft sind, oder zumindest  neu für Hessen neu für Deutschland. So, dass diese Untersuchungen auch wertvolle Grundlagenforschung liefern."

Welche Tiere hier genau leben, wird von Wolfgang Dorow und seinen Senckenberg-Kollegen erforscht. Seit mehr als 20 Jahren sammeln sie hier alles, was kreucht und fleucht. Bei der Auswertung gab es auch hierbei eine Überraschung. Im Gegensatz zu den wenigen Pflanzenarten, fanden sie überraschend viele Tiere. Bislang kannten die Forscher in Buchenwäldern knapp  2000 Arten, hier zählten sie plötzlich dreimal so viele.Zum Beispiel haben die Forscher im Hohestein Wald  vier Spinnenarten wieder entdeckt.

Aber noch ist wenig bekannt darüber, wie und wann sich neue Arten im Naturreservat ansiedeln werden. Dr. Dorow: "Zum Beispiel Schwebfliegen, es gibt sehr viele Schwebfliegen, die sehr spezialisiert sind und nur in Mulmhöhlen leben, das heißt da muss ein dicker Baum existiert haben, die Spechte müssen Höhlen rein gezimmert haben und der muss auch die  Zeit gehabt haben langsam zu verrotten, da muss ja dann Wasser rein und so weiter und der fault dann von innen aus. Und die  brauchen zum Teil ganz spezifische Stadien, es darf nicht zu feucht, nicht zu trocken sein."

Fazit

Viele bedrohte Tierarten brauchen ganz spezielle Lebensbedingungen, die in unseren Wäldern nur noch selten zu finden sind. Ob ihnen das Naturwaldreservat Hohestein eine Heimat werden wird, kann heute noch niemand sagen. Denn bis hier ein richtiger Urwald entstanden ist, kann es schätzungsweise noch 500 - 800 Jahren dauern.

Autorin: Nina Schmidt

Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 21.09.2017, 20:15 Uhr