Huel bewirbt seine Pulvernahrung als Lifestyleprodukt

Sie heißen Soylent, Huel oder Mana und sind ein neuer Trend für die schnelle Mahlzeit: In nur einer Minute sind Pulvershakes angerührt - mit allen Nährstoffen, die der moderne Mensch braucht, heißt es. Wie gut sind solche Produkte wirklich? Alles Wissen hat es getestet.

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zum Video Pulvernahrung – schneller und gesünder als Fast-Food?

Ernährungspulver Huel im alles wissen-Test
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Mittagspause und mal wieder kaum Zeit zum Essen. Deshalb muss es schnell gehen. Aber Fastfood? Für Klara und Niklas ist die Antwort klar: Sie wollen lieber etwas Gesundes. Ist das die Lösung? Ein Shake - einfach mit Wasser ein Pulver anrühren, schütteln und in einer Minute hat man eine vollwertige Mahlzeit, heißt es.

Ist das wirklich so gut? Niklas und Klara werden das Schnellpulver eine Woche lang ausprobieren. Der Ernährungswissenschaftler Professor Marc Birringer wird die beiden Studenten begleiten.

Was drin ist in der Pulvernahrung?

Zuerst checken sie gemeinsam: Was ist im Pulver der Firma Huel überhaupt drin?

Die Kohlenhydrate stammen aus Haferflocken, die Fette aus Leinsamen, Sonnenblumenkernen und Kokosnüssen. Die Proteine aus Erbsen und braunem Reis. Auf den ersten Blick sind alle notwendigen Nährstoffe drin.

Aber reicht das für eine ausgewogene Ernährung? - Professor Birringer ist da skeptisch: "Es ist keine ausgewogene Ernährung, es ist eine standardisierte Ernährung, die abzielt auf eine Standardperson. Aber jeder von uns ist unterschiedlich, jeder hat andere Bedürfnisse, und darauf achtet diese Pulverernährung nicht."

Hoher Proteingehalt

Professor Birringer befürchtet deshalb Mangelerscheinungen oder auch Überdosierungen. Was ihn besonders erstaunt, ist der extrem hohe Proteingehalt in Huel: "Die Empfehlungen werden um das Dreifache überschritten. Und man weiß, dass bei Personen, die Probleme mit der Niere haben, mit der Ausscheidung der ausscheidungspflichtigen Substanzen wie Harnstoff, dass es zu Problemen kommen kann, wenn der Proteingehalt zu hoch ist."

Wir haben beim Hersteller nachgefragt. Der Londoner Ernährungswissenschaftler James Collier hat Huel mitentwickelt. Warum enthält das Pulver so viel Protein?

James Collier: "Um sicher zu stellen, dass wir das gesamte Proteinspektrum haben. Wir achten dabei auf die Verwertbarkeit all der Eiweißelemente und all der essentiellen neun Aminosäuren in adäquaten Mengen. So übertreffen wir diese Empfehlungen noch."

Der Test startet

Langzeitstudien zu Huel gibt es bislang nicht. – Professor Birringer misst zunächst die Körperzusammensetzung der Probanden. Da Überdosierungen oder Mangel nach einer Woche noch nicht feststellbar sind, lässt er zusätzlich die Darmflora untersuchen. Denn in Huel ist als Süßungsmittel Sucralose enthalten, das die Darmbakterien negativ beeinflussen kann.

Eine Woche lang werden Klara und Niklas alle Mahlzeiten durch Pulvernahrung ersetzen. Die eingesparte Zeit wollen sie für´s Lernen nutzen - sie bereiten gerade ihre Prüfungen vor. Sie führen Videotagebuch für uns und dokumentieren ihre Erfahrungen mit der Pulvernahrung.

Niklas: "Dann guck ich mal wie´s schmeckt. Es ist ziemlich süß und es schmeckt nach Süßstoff. Ich könnte mir vorstellen, dass das auf Dauer ziemlich anstrengend wird."

Klara: "Es schmeckt wie ein wässriger Haferschleim. Hat mich aber irgendwie nicht so satt gemacht."

Um zu wissen, wie viel sie trinken müssen, wurde der Kalorienbedarf bestimmt. Niklas ist 22 Jahre alt, geht regelmäßig zum Boxen und braucht 3345 Kilokalorien täglich. Klara ist 24, auch sie macht Sport, aber zur Zeit steht das Lernen im Vordergrund. Ihr Kalorienbedarf liegt bei 2000 Kilokalorien pro Tag - das heißt für sie etwa 2 Liter Huel täglich.

Pulvernahrung wie Huel ist ein neuer Trend. Sie soll den gestressten modernen Menschen vollwertig ernähren und Zeit für Wichtigeres lassen. Weitere Anbieter sind Next Level Meal, Plenny Shake oder Mana.

Probleme durch zu wenig Kauen?

Aber ist es nicht unnatürlich, sich nur mit Flüssignahrung zu ernähren, so ganz ohne Kauen? Der Ernährungswissenschaftler Marc Birringer sieht hier durchaus ein Risiko: "Es gibt Untersuchungen, die gezeigt haben, dass die Mundgesundheit durch ein Nichtkauen oder durch eine Flüssignahrung durchaus beeinträchtigt sein kann, d.h. die Zähne verlieren ihren Halt und können ausfallen."

Sieht das James Collier, Mitbegründer von Huel, genauso? "Nein, ich benutze doch meinen Kiefer jetzt gerade und trainiere ihn während ich spreche. Es gab einige Studien mit Probanden, die über lange Zeit künstlich ernährt wurden. Sie bekommen keine Zahnfleischerkrankungen oder Zahnschäden, vorausgesetzt natürlich, dass sie ihre Zähne reinigen."

Andere Studien zeigen durchaus negative Folgen durch fehlendes Kauen.

Zwischenstand: Drei Tage mit Pulvernahrung sind um

Drei Tage sind vergangen. Wie fühlt sich Niklas heute beim Boxtraining? "Ich merke, dass ich schlapper bin. Die Schlagkraft ist nicht so gegeben, die Schnelligkeit ist nicht so gegeben und die Koordination ist schwächer.“

Klara fällt es inzwischen schwer, ihren WG-Mitbewohnern beim Essen zuzuschauen: "Ich versuch mich mit meiner Trinknahrung ein bisschen zurückzuziehen, damit ich nicht sehen muss, wie die andern die schönen frischen Sachen essen können und ich eben nicht.“

Gemeinsam Essen hat schließlich auch eine soziale Funktion, man trifft sich, tauscht sich aus, entspannt sich. Eine wichtige Pause, um neue Energie zu tanken. Das funktioniert nicht, wenn man nur zwischendurch schnell mal einen Shake trinkt.

Für Klara und Niklas wird die Ernährung mit Huel immer mehr zum Härtetest. Und auch der süße Geschmack und die Konsistenz machen Klara zu schaffen.

Zitat
„Wie Kleister oder roher Teig. Es klebt unglaublich.“ Zitat von Klara
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Beide haben Schwierigkeiten, soviel Shake zu trinken wie sie müssten. Und sie bekommen gesundheitliche Probleme: Kopfschmerzen, Sodbrennen und einen instabilen Kreislauf, wobei sich bei dem Test nicht belegen lässt, ob diese Symptome eindeutig auf die Pulvernahrung zurückzuführen sind.

Nach vier Tagen vorzeitiges Ende vom Test

Nach dem vierten Tag brechen Klara und Niklas den Test ab. Beide fühlen sich schlecht.

Doch hat sich die Pulvernahrung auch auf die Körperparameter ausgewirkt? Klara hat 1,5 Kilo abgenommen und Niklas 4 Kilo.

Gestörte Darmflora?

Und wie steht es um die Darmbakterien? Die Daten vom Institut für Mikroökologie in Herborn sind da. Professor Birringer hat die Ergebnisse ausgewertet: "Bei bestimmten sogenannten guten Keimen der Mikrobiota ist die Zahl durchaus runtergegangen. Das bedeutet, dass wir eine Dysbalance haben. Das wiederum kann dann eventuell zu einer Stoffwechselstörung führen. Ein wichtiger Parameter zeigt an, dass die Darmpermabilität, also die Durchlässigkeit gegenüber Toxinen erhöht ist. Das bedeutet, dass unliebsame Keime Giftstoffe abgeben können, die dann wiederum in der Leber entgiftet werden müssen, also die Leber belasten. Das kann ein Einmalbefund sein, es kann aber auch, wenn man es öfter dann wieder findet, ein Problem darstellen.“

Hersteller verteidigt sich

Wir haben James Collier, den Mitbegründer von Huel gefragt, was er zu unseren Ergebnissen sagt:

James Collier: "Das ist sehr merkwürdig. Ich hätte Schwierigkeiten das zu erklären. Dieses Problem hatten wir bislang noch nie. Das Mikrobiom verändert sich jeden Tag, wenn wir von einer ballaststoffarmen zu einer ballaststoffreichen Diät wechseln."

Eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut ist allerdings alles andere als wünschenswert. Kann man trotzdem gelegentlich zu Pulvernahrung greifen? Professor Birringer hält das aus rein ernährungsphysiologsicher Sicht für durchaus möglich: "Wir haben jetzt keine schweren Befunde, die zeigen, dass das Produkt in irgendeiner Form gesundheitsgefährdend ist."

Kompletter Nahrungsersatz? Eher nicht

Klara und Niklas sind jedenfalls froh, wieder normal essen zu können. – Die Firma Huel wirbt damit, dass ihr Pulver bedenkenlos als Komplettnahrungsmittel gebraucht werden kann. Unsere beiden Probanden konnten das nicht bestätigen.

Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 15.08.2019, 20:15 Uhr