Sojabohnen-Pflanze

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Was fällt Ihnen ein, wenn sie Soja hören? Tofu, Sojamilch und Sojasoße. Richtig, aber aus 80 Prozent der Sojabohnen wird Tierfutter für die Fleischproduktion. Und da der weltweite Fleischhunger wächst, ist Soja gefragt. 100 Millionen Hektar Fläche sind global mit Soja bewachsen. Ein deutsches Projekt will nun Soja in Deutschland anbauen. Was soll das bringen?

Ein Garten in Nordhessen. Hier werden Soja-Bohnen gesät. Noch ist das nicht selbstverständlich. - Sonst wachsen hier Möhren, Radieschen und Salat. Hobby-Gärtnerin Anette Pries ist Teil eines besonderen Forschungsprojekts. Ziel ist, heraus zu finden, wo in Deutschland Soja-Pflanzen besonders gut wachsen. Für die erfahrene Gartenbesitzerin ist die Soja-Aussaat Neuland: "Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben Soja gesät. Ich hoffe mal, es ist ein guter Tag. Die Eisheiligen sind vorbei und jetzt werde ich mal gucken ob es aufgeht."

Welche Sorte wächst wo am besten?

Zwölf verschiedene Sorten haben sie und viele andere Gärtner in ganz Deutschland von der Uni Hohenheim zugeschickt bekommen. Das 1000 Gärten-Projekt soll zeigen: Wo gedeiht welche Sorte am besten? Denn je nach Region unterscheiden sich Wetter, Temperatur und Bodenbeschaffenheit. Vor der Aussaat muss sie die Samen mit Knöllchenbakterien impfen. Diese sorgen dafür, dass die Pflanze Stickstoff, den sie zum Wachsen braucht, aus der Luft aufnehmen kann und nicht auf Stickstoff aus dem Boden angewiesen ist. Das macht die Soja-Pflanze so genügsam. Und für Forscher so interessant.

Auf der Suche nach den Eiweiß-Champions

Die einjährigen Soja-Pflanzen wachsen sehr schnell.  Welche Sorte wird das rauere nordhessische Klima vertragen? Das Forschungs-Projekt leitet der Agrarbiologe Volker Hahn von der Uni Hohenheim. Auf großen Versuchsfeldern züchten er und sein Team genau die Soja-Pflanzen mit den vielversprechendsten Eigenschaften. Diese werden dann an unterschiedlichen Standorten getestet. Interessiert sind die Forscher vor allem an einem Inhaltsstoff: Eiweiß!

"Die Teilnehmer schicken uns ja Material zurück, das wir untersuchen werden auf Protein- und Öl-Gehalt und da interessiert uns vor allen Dingen der Proteingehalt", sagt Agrarwissenschaftler Dr. Volker Hahn. Er leitet die Sojaforschung in der Landessaatzuchtanstalt der Universität Hohenheim und das Projekt "1000 Gärten".

Der Ist-Zustand: Soja als Tierfutter

Um den Eiweißgehalt zu bestimmen, bestrahlen die Forscher die Bohnen nach der Ernte mit Licht: Je stärker es reflektiert wird, umso mehr Eiweiß steckt drin, deutlich über 30 Prozent sind möglich. So lässt sich abschätzen, welche Bohnen interessant sind für die weitere Zucht. Eiweiß lässt Muskeln wachsen, deshalb dient Soja vor allem als Tierfutter. Aber um den gewaltigen Bedarf an Sojaschrot zu decken, werden in Ländern wie Brasilien und Argentinien riesige Regenwälder für den Sojaanbau gerodet, mit weitreichenden Folgen für die Umwelt.

Soja bereichert die heimischen Böden

Deshalb wollen die Forscher den Soja-Anbau direkt in Deutschland fördern. Sie sehen nur Vorteile für die heimische Landwirtschaft: "Wir haben inzwischen in der Landwirtschaft eine ziemlich eingeschränkte Fruchtfolge, also relativ wenig Kulturarten, die der Landwirt anbauen kann, mit denen er Geld verdienen kann, und da ist jede zusätzliche Kulturart sehr nützlich", sagt Projektleiter Dr. Volker Hahn.

In Süddeutschland machen Bauern schon seit einigen Jahren gute Erfahrungen mit dem Soja-Anbau. Sie pflanzen Soja im Wechsel zum Beispiel mit Rüben und Weizen. Das Ergebnis: Als anspruchslose Hülsenfrucht hinterlässt Soja einen nährstoffreichen Boden. Dünger und Pflanzenschutzmittel können so reduziert werden.

Erforschung der Tofu-Eigenschaften

Aber wie gut eignet sich Soja aus Deutschland, um daraus Lebensmittel herzustellen? Soja-Erzeugnisse gewinnen immer mehr an Bedeutung, vor allem für Menschen, die ihren Fleischkonsum reduzieren wollen - zum Beispiel Tofu-Bratlinge oder Tofu-Würstchen. Die Forscher arbeiten deshalb mit Deutschlands größtem Tofu-Hersteller eng zusammen.

Im Labor der Firma Taifun-Tofu in Freiburg werden die verschiedenen Sorten aus dem 1000 Gärten-Projekt getestet. Aus Bohnen und Wasser wird dazu Sojamilch hergestellt. Ein Gerinnungsmittel verhilft dem Tofu zu seiner Konsistenz. Dann wird er gepresst. Laborleiterin Dr. Kristina Bachteler sagt: "Das Wichtigste ist dabei für uns die Ausbeute, also wie viel Gramm Tofu kriege ich aus 1 g Sojabohnen raus. Das ist einfach ein wirtschaftlicher Faktor, der stimmen muss. Und das andere ist die Festigkeit.“ Diese sorgt dafür, dass der Tofu sich gut weiter verarbeiten lässt.

Erste Zucht-Erfolge in der Praxis

Die richtige Sorte zu finden gleicht dabei der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. "In den ganzen Proben, die wir im Technikum gemacht haben, das sind jetzt über 4000 Stück, war eben eine Sorte dabei, wo wir gesagt haben: die ist es, die ist gut auf dem Feld, die ist früh reif, die bringt einen guten Ertrag und noch eine gute Tofu-Eigenschaft mit. Und die ist jetzt auch soweit, dass sie von unseren Landwirten angebaut werden kann“, sagt die Sorten-Entwicklerin und Agrarbiologin Dr. Kristina Bachteler. Ein Erfolg, der auch Projekt-Gärtnerin Anette Pries motiviert.  

Teilnehmerin sieht Bürger in der Pflicht

Ihre Pflanzen sind vier Wochen nach der Aussaat schon kräftig gewachsen. Jetzt hofft sie auf eine reiche Ernte. Vielleicht wächst hier, in ihrem kleinen Garten, die Sorte der Zukunft? In einigen Jahren werden wir es wissen. Projekt-Gärtnerin Anette Pries sieht die Bürger beim Thema Pflanzenzucht in der Pflicht: "Ich finde Pflanzenbau und Saatgutvermehrung nach klassischen Prinzip immer sehr interessant und sehr gut und ich finde, das ist unsere Aufgabe, das nicht den Multis zu überlassen wie Monsanto, BASF und den anderen Großen.“ Jeder Garten zählt bei diesem einzigartigen Projekt.


Autor: Stefan Venator

Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 16.05.2019, 20:15 Uhr