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zum Video Tempolimit 130 – was bringt das für die Umwelt?

Kein Tempolimit

Das Tempolimit auf deutschen Autobahnen: seit Jahren ist das Thema ein Dauerbrenner. Denn als eines der wenigen Länder weltweit gibt es in Deutschland keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen.

Umweltverbände, Kirchen, die Gewerkschaft der Polizei, und einige Verkehrsclubs machen jetzt dafür mobil. Es geht ums Klima, sagen  sie. Denn ein Tempolimit von 130 auf den deutschen Autobahnen würde in kürzester Zeit hohe Mengen CO2 einsparen. Aber auch die Zahl der Verkehrstoten könnte den Argumenten zufolge mit einem Tempolimit erheblich reduziert werden. Doch daran glaubt nicht jeder: der ADAC und der Verkehrsminister sehen den Nutzen für die Umwelt und die Sicherheit als vergleichsweise gering an. Wie viel bringt ein Tempolimit wirklich?

Umweltsünder Auto

Um den Schaden von Autofahrten für die Umwelt zu verstehen, muss man Folgendes wissen: Autos stoßen bei jeder Fahrt Kohlendioxid in die Luft aus. Das, was als CO2 aus dem Auspuff kommt, ist schwerer als sein Ausgangsstoff Benzin. Und belastet damit die Umwelt. Wie  kann das sein?

Um ein Auto anzutreiben, wird im Motor der Treibstoff verbrannt. Der Treibstoff des Autos besteht hauptsächlich aus Kohlenwasserstoff. Bei der Verbrennung reagieren die Kohlen und Wasserstoffe mit Sauerstoff und verbinden sich zu Kohlendioxid, also CO2. Die Wasserstoffatome verbinden sich mit Sauerstoff zu Wasser.

Die Verbindung Kohlenstoff und Sauerstoff ist etwa drei Mal so schwer wie der Ausgangsstoff Benzin. Weil es im Benzin noch andere Inhaltsstoffe gibt, fallen die tatsächliche Emissionen geringer aus. Ein Liter Benzin verursacht 2,3 Kilogramm CO2, ein Liter Diesel wird in 2,6 Kilogramm CO2 umgesetzt.

Umgerechnet kann man sagen: Ein Auto, das sieben Liter auf 100 Kilometer verbraucht, stößt etwa 160 Gramm CO2 pro Kilometer aus. Bei einer durchschnittlichen Fahrleistung von etwa 12.500 Kilometern pro Jahr kommen ziemlich genau zwei Tonnen Kohlendioxid zusammen. Bei einem Durchschnittsgewicht von einer Tonne für ein Auto belasten wir die Umwelt jedes Jahr mit dem doppelten Gewicht unseres Autos an CO2.

Schnelles Fahren gleich höherer CO2- Ausstoß

Da mit steigender Geschwindigkeit auch mehr Sprit verbraucht wird, wächst auch der CO2 Ausstoß. Denn Je schneller man fährt, desto höher der Luftwiderstand. Das Auto benötigt mehr Kraft, und damit mehr Sprit.  Zum Vergleich: ein Mittelklasse PKW verbraucht bei 160 Stundenkilometer 35% mehr als bei 130. So steht es auch im Fragenkatalog für die Führerscheinprüfung. Langsamer fahren spart hingegen Benzin. So hat es auch die OECD in der Studie „Speed Management“ von 2006 ermittelt: ein Auto verbraucht bei 90 km/h 23 Prozent weniger Kraftstoff als bei 110 km/h.

CO2 Einsparung in Deutschland

Doch was diese Einsparung durch das Tempolimit für das Klima bedeutet, darüber gibt es bisher wenig gesicherte Aussagen. Im Jahr 2017 lagen laut Statistischem Bundesamt  die CO2-Emissionen der PKW bei circa 110 Millionen Tonnen. Schätzungen des Instituts für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg zufolge könnten bei einem Tempolimit von 130 Stundenkilometern bis zu  zwei Prozent der Kohlendioxid- Emissionen im Strassenverkehr eingespart werden. Das sind jährlich 2 Millionen Tonnen. Im Kontext der Gesamtemissionen Deutschlands wäre das ein Minus von 0,25 Prozent.

Der ADAC kritisiert, dass angesichts dieser Zahlen mit einem Tempolimit die Wirkung für die Umwelt überschätzt werde. Doch im Hinblick auf die Klimaschutzziele der Bundesregierung, die Treibhausgas- Emissionen bis zum Jahr 2020 um mindestens 40% gegenüber 1990 zu mindern, muss jede Maßnahme in Betracht gezogen werden. Dem aktuellen Bericht zu den Emissionsentwicklungen nach reichen die derzeitigen Maßnahmen nicht aus.

Laut Ifeu-Institut seien die CO2- Emissionen seit 29 Jahren praktisch unverändert. Ein Tempolimit wäre eine Maßnahme, mit der man vergleichsweise schnell und kostengünstig viel CO2 reduzieren kann. Wie einfach ein Tempolimit umzusetzen ist, machen so ziemlich alle anderen Länder vor.

Deutschland- ein Exot in Sachen Tempolimit

Weltweit haben nur Afghanistan, Nordkorea, Somalia, und Deutschland keins. Auf europäischen Autobahnen gilt fast überall 120 oder 130. In den Niederlanden liegt es rund um viele Großstädte sogar bei 80 kmh. Der schwedisch-chinesische Autobauer Volvo will ab 2020 seine Autos mit einer eingebauten Tempobremse bei 180 ausstatten. Es solle kein Mensch mehr in einem neuen Volvo getötet oder schwer verletzt werden.

In Deutschland hingegen wird das Tempolimit aber so emotional diskutiert, als wäre die letzte Bastion der Freiheit in Gefahr. Warum tut sich Deutschland so schwer mit einem Tempolimit? Tatsächlich haben Studien ergeben, dass es gar nicht so viele Autofahrer gibt, die wesentlich schneller fahren als 130 Kilometer pro Stunde.

Das Verkehrsministerium argumentiert, dass die Richtgeschwindigkeit gut funktioniere. Die deutschen Autobahnen zählten zu den sichersten Straßen auf der ganzen Welt. Auch der ADAC stützt diese Aussage: Länder mit genereller Geschwindigkeitsbeschränkung, wie Österreich, Belgien oder die USA, hätten nicht weniger Verkehrstote als in Deutschland. Aber was bringt ein Vergleich mit anderen Ländern, wenn dort generell die Verkehrsbedingungen anders sind?

Weniger Tote durch Tempolimit

Eine Analyse des VCD zeigt, dass rund 44 Prozent aller tödlichen Unfälle auf Autobahnen sogenannte Geschwindigkeitsunfälle sind. 67,7 Prozent aller tödlichen Unfälle ereignen sich auf Autobahnabschnitten, die keine Geschwindigkeitsbegrenzung haben.

Welchen Einfluss ein Tempolimit auf die Sicherheit hat, zeigt ein Versuch aus Hessen. Zwischen 1984 und - 87 wurde auf zwei Autobahnen in Südhessen testweise Tempo 100 eingeführt. Mit dem Ergebnis: Die Unfallzahlen mit Schwerverletzten und Toten sanken um bis zu 50%.  

Ein ähnliches Ergebnis liefert eine neuere Studie aus Brandenburg. Dort war ein 62 Kilometer langer Abschnitt der A24 noch bis Dezember 2002 ohne Tempolimit. Danach wurde Tempo 130 eingeführt. Die Zahl der Unfälle halbierte sich in drei Jahren von 654 auf 337. Unter Berücksichtigung, dass in dem Zeitrum auch der Verkehr zurück ging, kommen die Autoren der Studie  nach auf eine Reaktion von 26,5 Prozent.

Bericht: Aleksandra van de Pol

Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 01.08.2019, 20:15 Uhr