Frau mit VR-Brille

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zum Video Höhenangst - Therapie mit virtueller Realität

Vor allem in Computerspielen werden künstliche Welten mittlerweile so echt dargestellt, dass es oft schwer fällt, zwischen der echten und der virtuellen Welt zu unterscheiden. Doch mittlerweile dient die Technik nicht nur dem Zeitvertreib – virtuelle Welten können uns dabei helfen,  Probleme zu lösen, die wir in der realen Welt haben.

VR-Therapie bei Angst

Die ersten Sprossen das Baugerüst rauf, sind kein Problem. Aber langsam steigt die Panik auf. Höhenangst kennen viele. Oft beeinträchtigt sie nicht nur privat, sondern auch beruflich – so wie bei Mark. Wir zeigen Mark den Tetraeder-Turm in Bottrop. 40 Meter hoch. Auf den wollen wir mit ihm rauf. Aber noch nicht sofort. Vorher fahren wir mit  ihm zur Uni Regensburg. 

Klettern auf den virtuellen Turm

Hier versucht Professor Andreas Mühlberger Betroffenen wie Mark ihre Höhenangst zu nehmen – mit einer VR-Therapie. Mark muss sich dafür eine Spezial-Brille aufsetzen. Ein sogenanntes Head-Mounted Display. Darin sieht er dreidimensional einen Turm, auf den er mithilfe eines Joysticks hinaufgehen kann. "Dann müssen die Patienten versuchen, sich der Situation anzunähern, in der Situation zu bleiben, um dann die Erfahrung zu machen, dass diese Situationen nicht gefährlich sind, dass nichts passiert. Und die Angst auch von selber nachlässt, ohne dass man aktiv werden muss", sagt Andreas Mühlberger, der neben Mark steht und ihn bei seinem virtuellen Aufstieg begleitet.

VR-Therapie individuell anpassbar

Ganz langsam beginnt Mark, den virtuellen Turm hoch zu steigen. Psychotherapeut Andreas Mühlberger fragt ihn regelmäßig nach seinen Gefühlen. So kann er ihm auch einen Teil seiner Angst nehmen. Auf Knopfdruck kann er unterschiedliche Angstsituationen schaffen und so individuell auf den Patienten eingehen. Das sei in der Realität oft so nicht möglich, sagt Mühlberger.

Konfrontation n virtueller Realität ist Schwerstarbeit

Für Betroffene wie Mark ist es leichter, sich der Angst erst einmal in der virtuellen Welt zu stellen. Denn der Verstand sagt: Es ist ja nicht real. Das Angstzentrum im Gehirn reagiert aber trotzdem so, als ob alles real wäre – deshalb funktioniert die Therapie.  Schon nach kurzer Zeit bekommt Mark, die typischen Symptome der Höhenangst zu spüren. Seine Beine werden zittrig, der Puls steigt. Dennoch lässt er sich, unterstützt und begleitet von Andreas Mühlberger, auf die Situation ein. Nach 45 Minuten hat er bereits 15 Meter Höhe geschafft. Der Aufstieg ist für Mark Schwerstarbeit. Deshalb ist erst einmal eine Verschnaufpause angesagt. Später soll er den Aufstieg noch einmal versuchen.

Ablenkung vom Schmerz in virtueller Welt

Mit einer Virtual-Reality-Brille arbeitet man auch an der Uniklinik Heidelberg –  in der Schmerztherapie. Zum Beispiel bei Verbandswechseln an offenen Wunden. Die Patienten sehen während der schmerzhaften Prozedur Naturaufnahmen – aufgenommen mit einer 360-Grad-Kamera. Sie sind dadurch abgelenkt, tauchen in eine schöne Welt ab, in der sie sich sogar umsehen können.

VR zur Schmerzlinderung  erstaunlich wirksam

An der Heidelberger Klinik ist man positiv überrascht von der Wirkung der Brille. "Die Schmerzreduktion war nicht nur während des Verbandswechsels, sondern auch deutlich danach zu erkennen", erklärt Pflegedienstleiterin Michaela Wüsten. Ein bis zwei Stunden hielt die Linderung an – ganz ohne Medikamente.

VR-Einsatz auch in anderen medizinischen Bereichen

Entwickelt wurde die VR-Brille von Anders VR, einem Ableger der Uni Hohenheim. Die Brille wird bereits in unterschiedlichen Kliniken und Anwendungsbereichen erprobt. Zum Beispiel auch in der Physiotherapie, wenn Patienten schmerzhafte Dehnübungen machen müssen. "Durch die Brille, durch die Ablenkung konnte der Patient den Kopf stärker bewegen. Das heißt: Die eigentliche Übung, die der Therapeut mit einem macht, hat quasi noch einen größeren Nutzen durch die VR-Technologie erhalten. Und der Patient konnte seinen Kopf tatsächlich stärker nach links oder rechts drehen als er es eigentlich ursprünglich konnte", erklärt uns Manuel Döbele von Anders VR. Auch Krankenkassen interessieren sich für die Brillen-Anwendung. Zunächst wollen die Entwickler zusammen mit der Uni Hohenheim aber noch erforschen, welches weitere Potenzial in der Brille steckt.

Nicht nur Höhenangst mit VR therapierbar

Zurück in Regensburg. Mark hat es bei seinem zweiten Anlauf mittlerweile noch ein Stück höher geschafft. Ein tolles Ergebnis, erklärt uns Andreas Mühlberger. "Es kann sein, dass eine einzige Sitzung hier in der virtuellen Realität ausreicht, um dann schon deutliche Erfolge in der Realität zu sehen." Neben Patienten mit Höhenangst können auch Menschen mit anderen Ängsten, etwa vor Spinnen oder mit Sozialphobien mit entsprechenden virtuellen Szenarien behandelt werden. Seit 2014 empfiehlt auch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften die virtuelle Angst-Therapie. Trotz seines positiven Erlebnisses ist Mark aber noch ein wenig skeptisch, ob er auch einen echten Turm besteigen kann. Dennoch wagt er den Versuch.

Vom virtuellen auf den realen Turm

Am nächsten Tag steht er am Fuße des echten Bottroper Tetraeders. Schritt für Schritt, Stufe für Stufe wagt er sich höher. Macht immer wieder Pausen, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Und dann, nach einer halben Stunde, steht er auf der ersten Plattform in über 20 Metern Höhe. Der Blick nach unten durch das Plattformgitter ist schwindelerregend.

Dennoch steht Mark nun mit seinen Füßen darauf. Die virtuelle Therapie hat ihm Selbstvertrauen gegeben. Mit leicht zitternder Stimme, aber nicht ohne Stolz sagt Mark: "Ich hätte es nicht gedacht, dass ich das schaffe."

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Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 09.05.2019, 20:15 Uhr