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Im Wildpark Edersee sind die Aasfresser wieder angesiedelt worden. Hier zwei "Gänsegeier" auf der Greifenwarte. Bild © Martina Heumann-Bayer

Geier haben bei vielen kein gutes Image. Gierig stürzen sie sich auf tote Tiere – und genau das ist ein Segen. Denn Geier haben eine wichtige Aufgabe im Ökosystem. Doch diese faszinierenden und nützlichen Vögel sind selten geworden.

Geierparadies Spanien

Nur in Spanien leben Geier noch in großer Zahl. Vor allem in den spanischen Pyrenäen beherrschen sie noch die Lüfte. Dank permanenter Schutzbemühungen können Geier hier bis heute ihre ökologische Funktion einnehmen, verendete Tiere auf natürliche Weise beseitigen. Wie viele verendete Wildtiere Geier verspeisen, weiß man nicht. Für Nutztierkadaver gibt es Schätzungen: mindestens 8000 Tonnen Nutztierkadaver sollen sie  in Spanien fressen. Dieser natürliche Ökoservice hilft schädliche Klimagase zu vermeiden, die bei der Tierkörperbeseitigung entstehen und spart dem Land auch viel Geld. Über 1,5 Millionen Euro. In den europäischen Nachbarländern müssen hingegen verendete Tiere und Schlachtabfälle vom Menschen entsorgt werden. Das schreiben die Gesetze vor.

Das große Geier füttern

Aber auch in Spanien werden Geier an einigen Orten bei der Nahrungssuche von Menschen unterstützt. Wir begleiten den Ökologie-Professor Antoni Margalida und den Biologen und Tierschützer Jordi Canut zu einer besonderen Futterstelle in den Bergen. Seit etwa zehn Jahren fährt Jordi Canut hier hoch, um die Tiere mit Schlachtabfällen zu füttern. Etwa 500 Geier kreisen bereits über der Futterstelle. Riesige Vögel, mit einer Flügelspannweite von bis zu knapp drei Metern. Geier gehören zu den größten Vögeln der Welt.

Einzigartig in Europa: Alle vier Geierarten an einem Platz

Jordi steht inmitten des Platzes und verteilt große Fleischstücke, die er mit seinem Geländewagen hierher gekarrt hat. Er versucht, das Fleisch weiträumig zu verteilen, damit jede der Geierarten etwas abbekommt. Die Futterstelle sei einzigartig, auch für spanische Verhältnisse, meint Antoni Margalida. Margalida ist der wissenschaftliche Betreuer des Geier-Schutzprojekts hier in Buseu im Norden von Spanien. Wieder einmal hat er Posten in einer kleinen Hütte bezogen. Das Glasfenster ist von außen verspiegelt, so dass er den ganzen Tag die Geier beobachten kann, ohne dass ihn die Tiere sehen: "Das ist wohl der beste Platz in ganz Europa, an dem man alle vier Europäischen Geierarten zusammen beobachten kann", erzählt er nicht ohne Stolz.

Geier praktizieren Arbeitsteilung am Kadaver

Jede der vier europäischen Geierarten ist auf einen bestimmten Teil der verendeten Tiere spezialisiert. Gänsegeier und die noch größeren Mönchsgeier vertilgen das Fleisch. Bartgeier fressen die Knochen. Die vergleichsweise kleinen Schmutzgeier warten bis alle anderen gefressen haben. Sie entsorgen die Reste – sogar das Blut vom Boden. Dabei täuscht der Name der Schmutzgeier. Die Tiere haben ein strahlend weißes Gefieder. Im Vergleich zu den anderen Geiern wirken sie klein.

Vertilgen Geier Aas, schützt das Boden und Grundwasser

Hier in Buseu fressen die Geier Schlachtabfälle, normalerweise vertilgen die Vögel Kadaver von Tieren, die wegen Schwäche oder Krankheit in der Natur verendet sind. Das Fressen von Aas verhindert die Ausbreitung von Krankheiten. Boden und Wasser werden vor krankmachenden Verwesungskeimen und Giften geschützt. Dabei können ihnen die gefährlichsten bakteriellen Keime, wie etwa Anthrax- produzierende Milzbranderreger, nichts anhaben. Das ist wichtig, da sich in Kadavern viele der die gefährlichsten Keime tummeln. Das Verdauungssystem der Geier macht es möglich. Ihre Magensäfte sind so sauer, dass alle Keime abgetötet werden. Im Magen löst sich alles wie in einem Säurebad auf.

Gesetze lassen Geier hungern

In Europa finden Geier wenig Futter, weil Gesetze vorschreiben, dass Kadaver von Wild- und Weidetieren vom Menschen entsorgt werden müssen. So werden die Kadaver von tausenden auf deutschen Straßen überfahrenen Tieren von Forstbehörden oder Polizei eingesammelt und in Tierkörperbeseitungsanlagen gebracht. Ein ziemlich aufwändiges und kostspieliges Verfahren.

Auch in Spanien wurden nach der BSE-Seuche in den 1990er Jahren die Gesetze an die europäischen Normen angepasst. Zum Schaden der Geier. Tausende private Futterplätze, an denen Metzger und Tierhalter verendete Tiere und Fleischabfälle traditionell an Geier verfütterten, mussten schließen. Die Tiere hungerten und die Bestände knickten kurzzeitig ein. Daraufhin wurden Sondergenehmigungen erwirkt, durch die das Füttern an wenigen überwachten Plätzen wieder möglich wurde. Außerdem dürfen in bestimmten Regionen tote Tiere in der Landschaft wieder liegen gelassen werden.

Unter Geiern – Ökotouristen als heimliche Geierschützer

Heute ist es auch der Ökotourismus, der dabei hilft die Tiere zu schützen. Vielleicht sind Geier in Spanien auch deshalb beliebter als anderswo. Denn die beeindruckenden Vögel bringen wiederum die Naturliebhaber ins Land. Auch das Geierschutzprojekt, im verlassen Dorf Buseu, kann man besuchen. Vor zehn Jahren begann Jordi Canut mit dem Füttern, um vor allem die Bartgeier mit Knochen zu versorgen, die sie in der Landschaft nicht in ausreichendem Maß mehr bekamen. Heute füttert er eigentlich nur noch wegen der Ökotouristen, die aus ganz Europa hierherkommen. Er findet es wichtig, dass Menschen erfahren, wie wichtig und nützlich Geier für unser Ökosystem sind. Deshalb dürfen teilweise auch kleine Gruppen in geschützten Verstecken die Fütterungen miterleben. Hier in den Bergen, in denen Wild- und Weidetiere gleichermaßen frei umherstreifen, würden die Tiere eigentlich auch ohne sein Füttern genügend Aas finden.

Tiermedikamente können Geier töten

Doch die Tiere haben eine große Schwachstelle: Die Nieren der Geier können Medikamentenrückstände in Kadavern nur schlecht abbauen. Besonders entzündungshemmende Wirkstoffe sind gefährlich und können innerhalb weniger Stunden zum Tod der Vögel führen. Antoni Margalida ist sehr besorgt, denn seit 2014 ist in Spanien ein für Geier besonders gefährliches Medikament in der Tiermedizin zugelassen. Es heißt Diclofenac und ist unter Vogelkennern berüchtigt. Denn am Wirkstoff Diclofenac hat sich fast die gesamte Geierpopulation in Asien vergiftet.

Durch dieses Medikament wurden nahezu alle Geierarten in Indien, Pakistan und Nepal an den Rand der Ausrottung gebracht. Schon geringste Rückstände in Kadavern führen dazu, dass Geier keinen Harnstoff mehr abbauen können und innerhalb kürzester Zeit an Nierenversagen sterben. In Indien und Pakistan wurde den Geiern Diclofenac zum Verhängnis, weil das zur Behandlung von Arbeitsrindern eingesetzt wurde. Meist billig produziertes Diclofenac-Pulver, das von den Landwirten ins Tränkwasser der Tiere gemischt wurde, um häufig auftretende Gelenkbeschwerden ihrer Arbeitsrinder zu behandeln. Diclofenac- belastete Rinderkadaver hatten eine verheerende Wirkung. Millionen Geier starben innerhalb kürzester Zeit. 99 Prozent der einst riesigen Geierbestände sind seitdem verschwunden. Mit der Folge, dass sich Krankheiten und Parasiten in Indien ausbreiten, weil nun der Öko-Service der Geier fehlt.

Umstrittene Medikamenten Zulassung

Ausgerechnet in Spanien wurde Diclofenac für den Einsatz in der Tiermedizin zugelassen  - ausgerechnet in dem europäischen Land, in dem 95 Prozent der europäischen Geier leben. Zwar ist der Wirkstoff hier in Europa nur als Serum zugelassen und wird wohl auch vergleichsweise selten eingesetzt, doch was ist, wenn sich das ändern sollte? "2014 haben wir in Andalusien einen Gänsegeier gefunden, der durch Flunixin vergiftet war. Auch das ist ein entzündungshemmender Wirkstoff, genau so giftig für Geier wie Diclofenac. Deshalb glauben wir, dass die Gefährdung durch Diclofenac für die Geierpopulationen hier zum Problem werden könnte", berichtet uns Antoni Margalida.

Die Auswirkungen von Diclofenac will Antoni Margalida jetzt in einem Forschungsprojekt untersuchen. Die Zulassung des für Geier giftigen Wirkstoffs in der Tiermedizin kann er nicht nachvollziehen, denn zur Behandlung von Weidetieren gibt es ungefährliche Alternativen.


Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 04.04.2019, 20:15 Uhr