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zum Video Warten auf das staatliche Tierwohl-Label

Seit zwei Jahren warten Landwirte und Verbraucher in Deutschland auf das angekündigte staatliche Tierwohl-Label, das die Haltungsbedingungen der Tiere genau kennzeichnet. Mittlerweile ergreifen einzelne Landwirte Eigeninitiative, schaffen mehr Platz, mehr Licht und Beschäftigung für ihre Tiere. Aber sie wünschen sich mehr Planungssicherheit.

In Dänemark wurde das Label bereits eingeführt, mit großem Erfolg. Der Verbraucher erkennt, je mehr grüne Herzen auf der Verpackung, desto mehr Tierwohl steckt im Produkt und desto höher ist der Preis. Die dänische Regierung hat das Tierwohllabel eingeführt, kontrolliert die Bauern und  hat das Marketing übernommen.   

Tiere sollen sich wohler fühlen

Der Landwirt Jörg Kramm hält 2.700 Mastschweine. Auf eigene Initiative hat er einem Teil von ihnen jetzt mehr Bewegungsfreiheit verschafft. In einem neuen Stall sollen sich die Tiere wohler fühlen, erzählt er: "Wir haben den Stall so gebaut, dass wir schon etwas mehr Tageslicht haben und dass die Tiere viel Frischluft haben."

Genau das wünschen sich auch die Verbraucher, da ist sich Jörg Kramm sicher. Auf das vom Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft vor zwei Jahren angekündigte Tierwohl-Label hat Jörg Kramm lange genug gewartet: "Das Ministerium hat es, ich glaube, im Januar 2016, großzügig angekündigt in einer Pressemitteilung, ein riesengroßes Plakat. Ja und wir Landwirte stehen hier und es kommt nichts. Das ist eigentlich das Problem."

Eu-Recht wird gebrochen

Immer noch wird in deutschen Schweineställen täglich geltendes EU-Recht gebrochen. Weil die Tiere in konventioneller Haltung zu wenig Platz haben und sich langweilen, beißen sie sich gegenseitig in die Ringelschwänze. Aber statt die Haltung der Tiere zu verbessern, schneidet man den kleinen Ferkel die Schwänze einfach ab. Das ist eigentlich schon lange verboten!

Die Hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin kämpft schon lange gegen die schlimmen Zustände in deutschen Ställen: "Man kann wirklich sagen, die Sauen sind die absoluten Looser in unserem Tierschutzsystem. Sie stehen über viele Wochen komplett eingepfercht in sogenannten Kastenständen. Vor einigen Jahren stellte sich über ein Verfahren heraus, dass zwar unsere Sauen gewachsen sind, aber die Landwirtschaft es versäumt hat, die Kastenstände entsprechend groß zu gestalten." Dabei ließe sich, das weiß die Tierschutzbeauftragte, vieles ändern, wenn die Politik denn wollte.

Dänemark hat staatliches Tierwohllabel eingeführt

In den Supermärkten in Dänemark ist das Fleisch mit dem neuen staatlichen Tierwohllabel gekennzeichnet: Drei grüne Herzen. Die Verbraucher erkennen, je mehr Herzen, desto mehr Tierwohl und desto höher ist der Preis.

Vielen Dänen ist der Preis nicht so wichtig. Sie möchten, dass es den Tieren gut geht, dass sie gesund sind und gut behandelt werden. Entsprechend gelabeltes Schweinefleisch machte beim Marktführer ein halbes Jahr nach Einführung schon ein Viertel des Frischfleisches aus. Landwirt Mikael Nielsen findet es gut, dass die Verbraucher jetzt an der Fleischtheke direkt Einfluss auf die produktionsbedingungen des Fleisches nehmen können. Und dass es seinen Schweinen jetzt besser geht. Sein Stall ist mit zwei Tierwohlherzen ausgewiesen. Ihre Ringelschwänze dürfen die kleinen Ferkel behalten und werden nun frühestens nach 28 Tagen von ihrer Mutter getrennt.

Wenn die Schweine größer werden, schreibt das dänische Tierwohllabel eine Reihe von Verbesserungen vor, die zum Wohlbefinden der Schweine beitragen sollen.

Bauer Nielsen freut sich über seine Erfahrungen: "Das Wichtigste ist, dass die Schweine Platz haben. Bei uns ist das 30 Prozent mehr als in konventioneller Haltung. Dann ist es wichtig, den Tieren Stroh zu geben. Und wir haben außerdem noch den Futterautomaten. Die Tiere müssen etwas dafür tun, hier Futter zu bekommen. Sie müssen mit dem Rüssel arbeiten. Das alles führt dazu, dass die Tiere ausreichend beschäftigt sind und nicht anfangen sich in die Schwänze zu beißen.“

Und wenn die Schweine richtig Glück haben, dann leben sie auf diesem Freigelände, auf dem Bauer Nielsen Bio-Schweine aufzieht, die drei grüne Herzen bekommen. Diese Tiere stehen das ganze Jahr im Freien.

Die dänische Regierung hat das Tierwohllabel eingeführt, kontrolliert die Bauern und hat das Marketing übernommen.

Label-Dschungel in Deutschland

Von diesem dänischen Standard sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Und die deutschen Verbraucher irren noch  immer durch einen riesigen Label-Dschungel. Die Tierschutzbeauftragte aus Hessen, Madeleine Martin, hat dafür gar kein Verständnis: "Was erwartet die Politik von einem Verbraucher? Dass er dreißig verschiedene Label kennt und dann weiß, wieviel Quadratzentimeter im einen oder wie viel Stroh im andern dem Tier mehr gegeben wird? Nein! Wir brauchen ein ganz klares verbindliches Siegel, das auch darüber aufklärt, wie die Haltungssituation im normalen konventionellen Bereich ist. So wie bei den Eiern. Alles andere ist Humbug."

Discounter kennzeichnet Produkte

Ausgerechnet der Discounter Lidl will im April genau das einführen: den Lidl-Haltungskompass. Eine verständliche Kennzeichnung von tierfreundlichen Produkten. Madeleine Martin sieht das positiv: "Was die Vorgaben für Siegel oder Kennzeichnung betrifft, da muss sich wirklich sagen, da könnte die Bundesregierung gegebenenfalls bei der Firma Lidl in die Lehre gehen. Es muss einfach so sein, dass für den Verbraucher auch der gesetzliche Standard, der ja wirklich miserabel ist, was den Tierschutz betrifft, sichtbar ist."

Bis jetzt ist noch nicht absehbar, wann ein gesetzlich verbindliches Tierwohl-Label in Deutschland kommen wird. Der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD strebt das Label für Ende 2019 an.

Landwirt muss abwarten

Jörg Kramm wartet sehnsüchtig  auf das staatliche Label, weil er sich Planungssicherheit wünscht: "Das ist eigentlich das Problem, das wir Landwirte haben, wir würden gern was machen. Das kostet Geld. Ich denke, da sind auch viele bereit, was in die Hand zu nehmen. Aber eine Investition muss sich über eine gewisse Zeit tragen und diese Sicherheit bräuchten wir,  dass diese Investition über diese Zeit  abgesichert ist."

Mit der notwendigen Finanzierung könnte er auch den Rest seines Betriebs auf die Tierwohl-Kriterien umstellen und seinen Tieren das bieten, was sie für ein gesundes Leben brauchen: Licht und Luft, mehr Platz und Beschäftigung.

Bericht: Barbara Petermann, Björn Platz               

Sendung: hr-fernsehen, "Alles Wissen", 11.10.2018, 20:15 Uhr