Ein Patient spricht mit einer Ärztin.
Nicht immer sagen Patienten beim Arzt die Wahrheit. Bild © Imago Images

Können Sie Ihrem Arzt vertrauen? Oder sollte die Frage nicht viel besser heißen: Kann der Arzt Ihnen vertrauen? Denn viele Patienten schwindeln beim Arztgespräch, unglaublich, aber wahr. Was sind die Gründe? Und was sind die Folgen?

Wir alle kennen das: Beim Arztbesuch müssen wir jede Menge Fragen beantworten. Der Arzt versucht dadurch dem Problem auf die Spur zu kommen, klar. Aber anscheinend nimmt es ein beachtlicher Teil der Patienten mit der Wahrheit nicht ganz so genau.

Die wenigsten mögen es zugeben, aber laut einer Umfrage hat jeder Dritte schon einmal seinen Arzt angeschwindelt. Aber warum?

Blau machen – Arzt ist nicht der Kommissar

Ein Grund: Auf der Arbeit blau machen. Montagmorgen, die Arbeitswoche naht - und schon fühlt man sich irgendwie - total krank. Auch der Kasseler Hausarzt Uwe Popert kennt solche Fälle. Den Patienten böse Absichten zu unterstellen, ist für ihn aber der falsche Ansatz: "Wenn ein Patient sagt, dass er Durchfall hat, dann glaube ich ihm das. Ich gehe nicht mit ihm aufs Klo um zu gucken, ob er auch wirklich Durchfall hat. Ich bin nicht der Kommissar." Blau machen ist ein heikles Thema, nicht zuletzt aus volkswirtschaftlicher Sicht. Zudem: Wer es zugibt, gefährdet seinen Arbeitsplatz. Wohl auch deswegen gibt es dazu keine belastbare Zahlen.

Die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist komplex

IGeL Leistungen Arzt
Vor dem Arzt gut dastehen – manchmal vergessen Patienten, dass es darum nicht geht. Bild © picture-alliance/dpa

Ein anderer häufiger Grund warum wir schwindeln: Der Lebenswandel. Wer im Alltag gerne mal sündigt, spricht das beim Doktor vielleicht nicht so gerne an. Der Soziologe Lothar Schäffner hat die Arzt-Patienten-Beziehung untersucht. Das Verhältnis zwischen beiden ist ein ganz besonderes. Nach seiner Beobachtung geht es in der Begegnung mit dem Arzt für den Patienten nicht allein um die Gesundheit: "Also da kommen Leute in ein Sprechzimmer rein, die ein Leben außerhalb dieses Sprechzimmers haben. Familienvater, Vereinsmitglied. Und auf einmal steht man da mit herunter gelassenen Hosen und ist auf einmal nichts mehr. Das wollen wir als Patienten beweisen: Ich bin noch mehr."

Hohe Erwartungen und Informationsverlust

Der Patient erwartet also viel von dem Gespräch, ist mitunter aufgeregt. Da kann es sein, dass Informationen auf der Strecke bleiben. Hausarzt Uwe Popert spricht in diesem Zusammenhang daher nur ungern von "Lügen": "Also ich kenne viele Situationen, in denen unvollständige Informationen da sind. Das ist aber in der Regel geprägt durch Vergessen oder aber durch ein Rollenbild der Patienten, weil es nicht von seinem Selbstverständnis von ,ich bin immer gesund gewesen‘ passt. Das heißt, das Selbstbild ist für die Darstellung entscheidend."

Gefährliche Selbsttäuschung

Beim Versuch, das positive Selbstbild zu wahren, unterliegt mancher aber einer gefährlichen  Selbsttäuschung. Beispiel: Alkohol. Der Erziehungswissenschaftler Lothar Schäffner vermutet die Gründe hier: "Wenn ich den Eindruck habe, dass ich selber mein Leiden verursacht habe, indem ich vielleicht zu wenig Bewegung habe, Falsches gegessen habe, indem ich zu viel Alkohol trinke, indem ich zu viel rauche, dann werde ich versuchen, meine eigene Verantwortung abzuwälzen, oder sie kleiner zu reden." Gefährlich kann es besonders vor Operationen werden, wenn Patienten beispielsweise angeben, belastbarer zu sein, als sie tatsächlich sind. Oder der Arzt nicht weiß, welche Medikamente eingenommen werden. Das kann sogar zum Herzinfarkt während der Operation führen.

Arzt bestimmt entscheidend das Gesprächsklima

Aber nicht immer ist der Patient schuld, auch der Arzt hat einen großen Einfluss, denn er bestimmt mit, wie der Patient sich im Behandlungsraum fühlt. Entscheidend ist aus seiner Sicht die Vertrauensbasis: "Also, wenn es dem Arzt nicht gelingt, ein Vertrauensverhältnis auf der gleichen Ebene zustande zu bringen, dann braucht er sich nicht zu wundern, wenn man ihm nicht die Wahrheit sagt."

5 bis 8 Minuten pro Konsultation

Arzt mit Patientin
Oft haben Ärzte wenig Zeit für ihre Patienten. Dann ist es schwer, Vertrauen aufzubauen. Bild © Colourbox

Ein weiterer Faktor, der den Rahmen prägt, ist der Zeitmangel. Mediziner Uwe Popert ordnet das Zeitproblem so ein: "Das Zeitproblem ist in Deutschland eklatant, wir haben für die Behandlung eines Patienten als Hausärzte etwa ein Drittel bis die Hälfte der Zeit wie in anderen Industrieländern. Das liegt daran, dass wir sehr wenig Hausärzte haben. Wir halten einen Minusrekord an Hausärzten pro Kopf der Bevölkerung."

Nur 5-8 Minuten dauert eine Konsultation im Durchschnitt. Oft zu wenig, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Miteinander auf Augenhöhe

Dennoch kann ein Miteinander auf Augenhöhe gelingen. Wenn der Arzt zuhört und Therapien nicht nur verordnet, sondern sie auch erklärt, kann der Patient mit darüber bestimmen, was sinnvoll für ihn ist. Das macht es ihm leichter, sich zu öffnen und bei der Wahrheit zu bleiben. "Wir verstehen uns mehr als Berater, und nicht mehr als Halbgötter. Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit, aber das mit dem Halbgott ist einfach passé", sagt Uwe Popert. Das partnerschaftliche Element habe heute weitestgehend Einzug gehalten in die Praxen.

Vertrauen ist die Basis, wenn das stimmt, ist es der erste Schritt um gesund zu werden. Wer als Patient seinem Arzt nicht vertraut, sollte vielleicht über einen Praxiswechsel nachdenken

Sendung: hr-fernsehen, "alles wissen", 28.03.2019, 20:15 Uhr