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Pflanzliche Tabletten, Kräuter und Tropfen vor einem Erste-Hilfe-Kasten mit grünem Kreuz.

Ob bei Krankheiten, Schmerzen oder psychischen Problemen: immer mehr Menschen vertrauen nicht nur auf klassische Schulmedizin, sondern auch auf Naturheilkunde. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2017 hat fast jeder zweite Deutsche schon einmal Naturheilverfahren ausprobiert. Dabei sind diese nicht unumstritten: sie werden häufig mit Alternativmedizin gleichgesetzt und als unwirksame Scharlatanerie kritisiert. Kann Naturheilkunde also wirklich helfen, wenn Schulmedizin an ihre Grenzen stößt?

Bis vor eineinhalb Jahren litt Regina Rehse unter extremer arterieller Hypertonie – Bluthochdruck. Die Krankheit beeinträchtigte ihr gesamtes Leben, erinnert sich die 60-Jährige: "Mein Blutdruck ging oft auf einen Wert von über 200 hoch, völlig aus dem Nichts. Ich wusste nicht mehr, wo ich überhaupt noch alleine hingehen kann –das ging bis zum Umfallen. Manchmal musste ich zweimal pro Woche den Notarzt rufen. Das war kein Leben, das war nur ein Dasein!"

Ein lebensbedrohlicher Zustand – es drohen Schlaganfall oder Herzinfarkt. Doch weder Rehses Hausarzt noch das Herzzentrum bekommen ihren Bluthochdruck in den Griff. Regina Rehse schluckt am Tag sechs Tabletten und Notfall-Tropfen – ohne dauerhafte Besserung, dafür aber mit unangenehmen Nebenwirkungen wie Hautkratzen oder heftiger Übelkeit. "Schulmedizinisch konnte mir nicht geholfen werden. Jedenfalls war das mein Eindruck", sagt die blonde Frau.  

Schröpfen, Blutegel und Aderlass gegen Bluthochdruck

Als die von einer Bekannten erfährt, dass auch Naturheilverfahren gegen Bluthochdruck helfen können, wendet sie sich an Dr. Anke Görgner. Die Leipziger Ärztin nutzt seit mehreren Jahren zur Behandlung von Bluthochdruck sogenannte ausleitende Verfahren, die schon sehr alt sind: Schröpfen, Aderlass und Blutegel-Therapie.

Görgner betreibt eine eigene Praxis für Naturheilkunde –obwohl sie eigentlich Fachärztin für Anästhesie und Notfallmedizin ist, viele Jahre als Schulmedizinerin gearbeitet hat. "Ich hatte alle Gerätschaften, alle Medikamente im Rettungswagen und auf der Intensivstation, aber irgendwann habe ich mich gefragt: Ist das alles?", erzählt die 53-Jährige. "Ich bin an Grenzen gekommen, die Patienten wurden irgendwie nicht richtig gesund. Deswegen habe ich mich der Naturheilkunde zugewandt, obwohl ich demgegenüber natürlich als Schulmedizinerin am Anfang sehr kritisch war."

Jahrelang erprobt sie in enger Zusammenarbeit mit ihrer damaligen Klinik, wie sich Schröpfen, Blutegel und Aderlass auf den Blutdruck auswirken. Die medizinischen Blutegel werden etwa auf schmerzempfindliche Stellen gesetzt – meist im Bereich der linken Brustseite und des linken Arms. Nach Dr. Görgners Annahme saugen sie einerseits zäh fließendes und sauerstoffarmes Blut ab, das sich an diesen Stellen gestaut hat. Gleichzeitig geben die Blutegel über ihr Sekret einen Cocktail aus rund 100 identifizierten Stoffen ins Blut ab. Sie sind entzündungshemmend, verdünnen das Blut und weiten die Gefäße, so dass das Blut wieder besser fließen kann. Dadurch sinkt der Blutdruck. Was genau im Körper abläuft, wenn ausleitende Verfahren angewendet werden, ist zwar medizinisch noch nicht ausreichend erforscht, doch dass sie einen positiven Effekt haben, konnte bereits bewiesen werden. Das hat auch Anke Görgner bei hunderten Patienten festgestellt.

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Zur Behandlung eines akuten Bluthochdrucks führt sie meist einen gezielten Aderlass durch. "Früher hätte ich den Patienten mit 220 Blutdruck einfach ein blutdrucksenkendes Mittel gespritzt, wie es in der schulmedizinischen Akutbehandlung üblich ist. Heute lege ich stattdessen einen Zugang in die Ellenbeuge und lasse das Blut laufen. Für mich ist das auch logisch: Wenn irgendwo in einem System der Druck zu hoch ist, dann lasse ich Druck raus. Damit kann ich innerhalb von wenigen Minuten den Blutdruck auf ein gesundes Maß senken." Werden die ausleitenden Methoden regelmäßig angewendet, brauchen Patienten nachhaltig nur noch wenige oder überhaupt keine Medikamente mehr.

Das Problem: Naturheilkunde wird mit Alternativmedizin verwechselt

Trotzdem kennt Anke Görgner die Skepsis und Kritik gegenüber der Naturheilkunde: die Wirksamkeit vieler Verfahren sei wissenschaftlich nicht bewiesen. Gegen diese Vorurteile will auch Prof. Andreas Michalsen vorgehen. Der Facharzt für innere Medizin lehrt klinische Naturheilkunde an der Berliner Charité. Sein Anliegen: Naturheilkunde noch mehr mit klinischen Studien abzusichern. "Das Problem ist, dass die Naturheilkunde oft in einen Topf geworfen wird mit Alternativmedizin – das ist ein Riesenfeld. Und dann kommt es noch dazu, dass vor allem Heilpraktiker sehr oft verschiedene Verfahren zusammen anbieten. Da kann ein gutes, geprüftes Verfahren wie Akupunktur dabei sein und dann findet man vielleicht Magnet- und Edelsteintherapie oder Bioresonanz, was keine seriöse Naturheilkunde ist", bedauert der Mediziner. Dabei seien viele klassische Naturheilverfahren wissenschaftlich gut belegt – zum Beispiel Akupunktur. Sie wirke schmerzstillend, könne aber auch Blutzirkulation, Muskeln und Immunsystem stimulieren.

Worauf Patienten achten können

Für Patienten sei wichtig, möglichst ganzheitlich behandelt zu werden – Schulmedizin und Naturheilverfahren sollten dafür Hand in Hand gehen, so Andreas Michalsen. Sein Rat an Patienten von Heilpratikern: "Misstrauen ist angebracht, wenn zu große Heilversprechungen gemacht werden, wenn gleich stattliche Preise aufgerufen werden, oder wenn ein Heilpraktiker gar dazu rät, die schulmedizinische Behandlung zu beenden oder Medikamente abzusetzen. Das ist ein Alarmsignal", warnt der Experte. "Grundsätzlich ist wichtig, wenn man Beschwerden hat: Es muss immer zuerst eine Diagnose gestellt werden und erst dann folgt die Therapie – ob nun Schulmedizin oder Naturheilkunde."

Finanzierung von wissenschaftlichen Studien schwierig

Anke Görgner plant, die Wirkung von Schröpfen, Blutegeln und Aderlass auf den Bluthochdruck mit einer wissenschaftlichen Studie zu untermauern. Damit würden auch die Chancen steigen, dass die Krankenkassen die Behandlungskosten (von bis zu 250,- Euro pro Sitzung) übernehmen. "Das Problem ist, dass wir diese Studie erstmal finanzieren müssen" erklärt Görgner, "die meisten schulmedizinischen Studien werden auch in Deutschland von der Pharmaindustrie finanziert. Das Interesse der Medikamenten-Hersteller an einer medikamentenfreien Behandlung von Bluthochdruck ist aber nicht gegeben."

Regina Rehse ist seit knapp eineinhalb Jahren bei ihr in Behandlung. Statt anfänglich sechs Tabletten am Tag braucht sie heute nur noch eine halbe. Ihr Blutdruck liegt inzwischen im oberen Normalbereich – und sie fühlt sich deutlich besser: "Ich habe wieder Kraft, ich habe Lebensmut und ich traue mich sogar wieder, alleine zu verreisen – ohne Angst, dass ich eine Blutdruckattacke bekomme. Ich bin mir sicher: Ohne diese natürlichen Behandlungsmethoden wäre ich heute vielleicht gar nicht mehr am Leben!" Sie ist von der Wirksamkeit der Naturheilkunde überzeugt – denn Schulmedizin allein konnte ihr nicht helfen.


Autorin: Kim Horbach
Sendung: hr-fernsehen, "Alles Wissen", 13.12.2018, 20:15 Uhr