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zum Video Vorsicht: Impfmüdigkeit

Diphterie, Keuchhusten, Masern – Krankheiten, die in Deutschland schon fast ausgerottet schienen, sind wieder auf dem Vormarsch. Dabei kann man sich dagegen impfen lassen, doch die Impfraten sind rückläufig - viele Menschen in Deutschland wurden als Kinder nicht geimpft oder lassen sich nicht oder zu selten impfen! Und das kann schwere Folgen für die Gesundheit haben – Masern werden so zur tödlichen Gefahr. Welche Impfungen sind wirklich notwendig? Und woher weiß man, ob der Impfschutz noch besteht?

In den 1970er Jahren gab es endlich eine Impfung gegen Masern, wodurch die Infektionskrankheit ziemlich rasch eingedämmt werden konnte. So deutlich, dass bis vor einigen Jahren selbst angehende Kinderärzte das Krankheitsbild hauptsächlich aus dem Lehrbuch kannten. Doch das hat sich in letzter Zeit wieder geändert. Die WHO hat Impfmüdigkeit als eine der 10 größten Bedrohungen der Weltgesundheit benannt. Die Anzahl der Masernfälle beispielsweise hat sich weltweit vervierfacht.

Gefürchtete Komplikationen

Zu epidemischen Ausbreitungen der Masern kommt es, weil kaum eine andere Infektionskrankheit so ansteckend ist und sich deshalb so schnell verbreitet: Wer Kontakt zu einem Masernkranken hat und nicht immun ist, steckt sich mit fast 100-prozentiger Sicherheit an. Immun sind Geimpfte und lebenslang auch jene, die eine Maserninfektion überstanden haben. Allerdings liegen Masernkranke mitnichten mit Keksen und Saft fidel im Bett. Sie sind schwer krank, haben hohes Fieber, wirken lethargisch. Komplikationen lassen sich bei jedem dritten Erkrankten beobachten: schwerer Durchfall, Mittelohr- und Lungenentzündungen. Selbst in den westlichen Industrieländern mit hohem medizinischen Standard stirbt einer von 1000 Masernpatienten. Etwa in dieser Größenordnung kommt es auch zu einer schweren Hirnentzündung (Masernenzephalitis), die bei jedem Sechsten tödlich endet und bei den Überlebenden häufig (bei drei von zehn Betroffenen) einen bleibenden Schaden hinterlässt. Besonders tragisch ist eine seltene Spätkomplikation, die so genannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Monate bis meist höchstens zehn Jahre nach der Maserninfektion kommt es zu einer das gesamte Gehirn betreffenden Entzündung mit Entmarkung der Nerven.

Nestschutz für Säuglinge

Ein krankes Mädchen.
"Harmlose" Kinderkrankheiten können für Kleinkinder sehr gefährlich werden. Bild © Imago Images / Westend61

Die Betroffenen verlieren nach und nach sämtliche Fähigkeiten, können nicht mehr laufen, sehen, sprechen. In fast allen Fällen endet SSPE nach etwa drei Jahren tödlich. Besonders oft trifft diese furchtbare Komplikation Kinder im Vorschulalter, und je jünger ein Kind zum Erkrankungszeitpunkt ist, umso größer ist das Risiko: Bei den unter 5-Jährigen trifft es eines von 3.300 erkrankten Babys; vor dem fünften Lebensmonat ist das Risiko mehr als zehnfach höher. Normalerweise sind Babys bis etwa zum 6. Lebensmonat vor vielen Infektionskrankheiten geschützt. Einerseits, weil bereits vor der Geburt über den Blutkreislauf Antikörper von der Mutter auf das Ungeborene übertragen werden; durch die Muttermilch erhält der Säugling dann weitere Abwehrstoffe. Allerdings kann die Mutter nur Antikörper gegen solche Krankheiten weitergeben, die sie selbst durchgemacht hat oder gegen die sie geimpft wurde. Dieser so genannte Nestschutz hilft dem sich noch entwickelnden Immunsystem des Kindes, ist aber nicht für alle Infektionskrankheiten gleichermaßen wirksam. So gibt die Mutter die Antikörper gegen Masern an das Kind weiter, solche gegen Keuchhusten jedoch fast gar nicht.

Was bewirkt/wie funktioniert eine Impfung?

Bei einer Impfung werden dem Körper Krankheitserreger zugeführt, die allerdings durch Vorbehandlungen geschwächt oder abgetötet wurden. Es gibt auch Impfstoffe, die nur einzelne Bestandteile des Erregers enthalten. Geraten die Erreger in den Körper, reagiert das Immunsystem und bildet nach und nach Antikörper gegen diesen speziellen Erreger. Man kann also immer noch an Krankheiten erkranken, gegen die man geimpft wurde, aber der Körper hat dann schon die entsprechenden Antikörper parat und die Erkrankung verläuft weniger heftig und vor allem nicht tödlich. Das menschliche Immunsystem hat übrigens eine Abwehrleistung von 2 Milliarden Erregern pro Stunde, weshalb auch Mehrfach-Impfungen (Masern/Mumps/Röteln in einer Spritze) keine große Herausforderung für den Körper darstellt.

Was führen Impfgegner ins Feld?

Impfungen fördern angeblich die Allergieneigung, so eines der Argumente von Skeptikern und Impfgegnern. Unzählige Studien haben diesen Vorwurf untersucht, mit harten wissenschaftlichen Fakten lässt sich diese Behauptung allerdings nicht belegen. Andere argumentieren, dass es Kinderkrankheiten „schon immer“ gegeben hat, und das „Durchmachen“ dieser Krankheit den Körper stärkt und wichtig für eine langfristige Gesundheit ist. Dahinter steckt die ursprünglich anthroposophische Sichtweise, dass den Kindern der Zeitpunkt für eine solche Erkrankung bereits vor ihrer Geburt bestimmt sei. Und dass man möglichst „der Natur“ nicht ins Handwerk pfuschen sollte, dass die Krankheit das Immunsystem trainiere und wichtig für die kindliche Entwicklung sei. Mit Studien belegen lässt sich das nicht. Das Robert-Koch-Institut schätzt die Zahl der wirklichen Impfgegner hierzulande auf drei bis fünf Prozent. Einige von ihnen verneinen gar die Existenz von Viren, andere sehen Impfungen als Ursache für Autismus, für das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom und für Multiple Sklerose. Per Internet werden ihre Thesen schnell und weltweit verbreitet – und halten sich hartnäckig. Die Mehrzahl aber steht Impfungen skeptisch gegenüber. Gerade weil die Krankheiten nur noch so selten vorkommen, zweifeln sie an vielen Aussagen, weshalb gerade Ärzte mehr gefordert sind, die Wichtigkeit des Impfens verständlich und glaubhaft zu vermitteln. Fehlerhafte Studien und Veröffentlichungen können da langdauernde und schwerwiegende Folgen haben.

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Beispielsweise veröffentlichte die renommierte britische Fachzeitschrift „The Lancet“ 1998 eine Studie des Chirurgen Andrew Wakefield, der darin behauptete, es gäbe einen Zusammenhang zwischen Autismus und der Masern-Kombi-Impfung (Masern-Mumps-Röteln). Wenn schon, dann sollte nur der Einzelimpfstoff gegen Masern geimpft werden. Später stellte sich heraus, dass Wakefield Geld von Eltern autistischer Kinder erhalten hatte, weil diese den Hersteller des MMR-Impfstoffes verklagen wollten. Zudem hatte er selbst Beteiligungen bei einem Hersteller dieses Einzelimpfstoffes gekauft und verdiente also bei jeder Einzelimpfstoffdosis mit. Obwohl seitdem unzählige andere Studien zu gegenteiligen Ergebnissen kamen, es wirklich keinen Zusammenhang zwischen Masernimpfung und Autismus gibt, wollen seitdem viele britische Eltern ihre Sprösslinge nicht mehr impfen lassen. Vor der Veröffentlichung lag dort die Impfquote für Masern bei über 95 Prozent; inzwischen bei kaum mehr 80 Prozent.

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Auffrischimpfungen nicht vergessen

Impfpass Masern
Der Impfstatus sollte regelmäßig überprüft werden. Bild © picture-alliance/dpa

Die Masern sind in Großbritannien wieder verbreitet, steigende Infektionszahlen gibt es auch in den USA. Dabei hat man gerade hier die Vorteile der Impfung genau gezählt und dokumentiert: 1962, vor Einführung der allgemeinen Masernimpfpflicht erkrankten mehr als eine halbe Million Menschen, 1989 noch knapp 90 und im Jahr 2000 waren die USA sogar einmal vollständig masernfrei. Auch bei uns steigen die Infektionszahlen. 2015 gab es 2.500 Masernfälle -  so viele wie seit Einführung der Meldepflicht nicht mehr. Betroffen sind übrigens vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, Ursache ist eine ungenügende Grundimmunisierung: während auch bei uns Kinder noch überwiegend ihre ersten Impfungen erhalten, die Impfquote zu Schulbeginn bei über 90 Prozent liegt, werden bei Jugendlichen und vor allem auch bei Erwachsenen die notwendigen, weiteren Impfungen immer häufiger vergessen. Um aber einen wirklichen Schutz aufzubauen, muss in der Regel mehrmals geimpft werden. Unser Immunsystem verhält sich nämlich etwa so wie ein Schüler, der Vokabeln lernt. Damit die neuen Wörter und Begriffe wirklich reproduzierbar erlernt werden, muss man die Vokabelliste mehrfach durchgehen. Und zwar mit etwas zeitlichem Abstand.

Ziemlich genau so ist es auch mit einer Impfung, im Erwachsenenalter kommt dann hinzu, dass einmal Gelerntes im Laufe der Jahre wieder vergessen wird: Bei Tetanus und Diphterie ist nach zehn Jahren eine Auffrischungsimpfung nötig; bei der Grippe wegen des sich ständig verändernden Virus in jedem Jahr. Ältere Erwachsene sollten sich gegen Keuchhusten impfen lassen, weil sie sonst oft Säuglinge anstecken, obwohl sie selbst gar nicht krank sind. Grundsätzlich sollte jeder seinen Impfpass griffbereit haben und sich im Zweifel vom Hausarzt oder einem Arzt im Gesundheitsamt über den eigenen Impfschutz und eventuell noch nötige Impfungen beraten lassen. Nur eine im Impfausweis bestätigte Impfung ist eine gegebene Impfung. Wenn der Ausweis weg ist, unbedingt einen neuen machen und sich impfen lassen. Sollte das dann früher als vorgesehen sein, ist das nicht schlimm.

Studiogast

Prof. René Gottschalk
Gesundheitsamt Frankfurt
Breite Gasse 28
60313 Frankfurt

Impfberatungsstelle:
Telefon 069 2123 3363

E-Mail: info.reisemedizin@stadt-frankfurt.de
Web: http://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2995

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Links

Homepage des Frankfurter Gesundheitsamtes:
https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2996&_ffmpar[_id_inhalt]=102326

Informationen des Robert-Koch-Instituts zum Thema Impfen:
https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/impfen_node.html

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Sendung: hr-fernsehen, "Die Ratgeber", 23.04.2019, 18:45