Chima und Namika

"In dem Augenblick, wenn jemand wie ich die Tagesschau moderieren kann, wird sich hier einiges ändern. Es ist noch ein bisschen hin, aber es wird so laufen!" Das ist die Antwort des Frankfurter Sängers Chima, wenn man ihn fragt, wo Deutschland gesellschaftlich gerade steht.

"Ich habe einen sehr diffusen Heimatbegriff. Deutschland als Heimat finde ich irgendwie schwierig, aber Frankfurt als Heimat ist irgendwie ziemlich klar. Frankfurt ist mein Herz, so ein Stück weit", so Chima.

 "Morgen" – dieser Song macht den Frankfurter Sänger Chima 2012 deutschlandweit bekannt. Ein Song übers Aufschieben von Dingen. Ein Song, der den Zeitgeist trifft und zum Charthit wird. Der Weg zum großen Hit aber war lang – und er begann im Frankfurter Ostend.

Erinnerungen an das Frankfurter Ostend

"Dort wurde gemurmelt. Boa, hab ich hier Murmeln verloren. Wie haben wir das genannt? Klickern. So – zack!", sagt er.

Hier lernt Chima, wie die Straße funktioniert, was es heißt sich durchzusetzen. Seine Eltern wandern Anfang der 60er Jahre von Nigeria nach Deutschland ein. Er und seine zwei Brüder werden in Frankfurt geboren. "Ich glaube, ich hatte eine typische Ausländerkindheit mit dem Unterschied, dass meine Eltern, mein Vater vor allen Dingen, Bauingenieur war und deswegen stand Bildung mehr im Mittelpunkt meiner Kindheit, als jetzt bei vielen meiner Homies", sagt Chima.

Die Kumpels von damals und was er hier so erlebt hat – an jeder Ecke: Erinnerungen: "Hier war eine Ampel und auf die bin ich hoch geklettert, als mich der Hund vom Nachbarskollegen gebissen hat, und hing dann irgendwie an dieser Ampel oben und hab geschrien um mein Leben.

Liebe zur Klassik

Chima will damals nicht Arzt oder Ingenieur werden. Er will Musiker sein – gegen den Willen des Vaters.

Carl-Schurz-Schule, Sachsenhausen. Hier begann sein Traum: "Meine Liebe zur klassischen Musik habe ich tatsächlich da drüben im Musikraum entdeckt. Das war der Herr Volpert. Hat mir von Frederic Smetana die 'Moldau' nahe gelegt. Und die fand ich ziemlich krass, bis heute", erinnert sich der Sänger.

Hier in der Aula singt Chima mit dem Schulchor. Aber der Raum weckt nicht nur schöne Erinnerungen: "Das hat was Bewegendes. Weil man ist halt in dem ganzen Ding wieder drin. Also, ich meine, ich habe ja von diesen Räumen ja geträumt, immer wieder mal. Oder oft. Also, die sind ja ganz wesentlicher Teil meiner Prägung. Und ich war hier an der Schule, als meine Eltern sich haben scheiden lassen. Und gerade merke ich so, das ist passiert, also während ihr hier... Das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm gehabt. Das ist krass, das hatte ich nicht auf dem Schirm, dass das einen dann noch mal so einholt. Alles gut, aber... krass", so Chima.

"Warum muss ich ausgerechnet Chima heißen?"

"Hier ist lustig, weil ich wahrscheinlich, wahrscheinlich genau an dieser Stelle hier, hab ich mir irgendwo in der sechsten Klasse, irgendwann in der sechsten Klasse hab ich mir die Frage gestellt, da stand ich wahrscheinlich wirklich genau hier, hab in den Himmel hoch geschaut und den lieben Gott gefragt, warum ich ausgerechnet Chima heißen muss, warum ich so eine dicke Nase haben muss, warum ich schwarz sein muss und so dicke Lippen.... Wollt ihr vielleicht mal lernen? Wollt ihr vielleicht mal lernen? Hier habe ich darum gebeten Markus heißen zu dürfen, oder Stefan, einfach gewöhnlich zu sein. Ciaoooo!"

Karrierestart mit Xavier Naidoo

Doch er ist nicht gewöhnlich, denn er hat ein musikalisches Talent. Also beschließt er besonders zu sein – wegen seiner Musik, nicht wegen seines Aussehens. Mit Xavier Naidoo und den "Brothers Keepers" wird er 2001 deutschlandweit bekannt. In dem Song "Adriano" rappen sie gegen Fremdenhass.

"Die Begegnungen, die ich hier gemacht habe, waren eher solche mit dem Gutbürgertum, dem vermeintlichen. Wo es halt Ressentiments gibt, wo man Angst um die Tochter hat und sich die Frage stellt, ob so ein Typ wie ich nicht schlechter Umgang wäre. Also, eher so diese subtile, aber dadurch vielleicht sogar schmerzhaftere Erfahrung", so Chima.

Zehn Jahre sollen vergehen bis nach "Adriano" endlich der große Hit gelingt. Keine leichte Zeit. Doch seine Musiker-Freunde glauben an ihn, bestärken ihn. Und Chima gibt nicht auf.

"Auf diesen Weg und diese Kurve, die es dann genommen hat, bin ich bis heute tatsächlich stolz auch. Also, nicht wegen dem Erfolg, sondern weil ich mir selbst bewiesen habe, dass es sich lohnt, für eine Vision einzustehen", sagt Chima.

"... so bio-deutsch wie irgendwie möglich um die Ecke kommen"

Mittlerweile hat er wieder einen neuen Song raus gebracht – zusammen mit Namika. "Wir können alles sein" ist sogar zum Titellied eines Kinofilms geworden. Bald kommt auch sein neues Album und auf dem stellt der Sänger seine Wurzeln wieder mehr in den Vordergrund. "Du und ich können alles sein, das verrät mir schon ein Blick. Denkst du auch so über mich?", heißt es im Song.

"Ich glaube, ich habe in der Vergangenheit einige Mühen betrieben, den Migrationshintergrund eben nicht zu erzählen. Und hab halt versucht so bio-deutsch wie irgendwie möglich um die Ecke zu kommen, mit dem Ergebnis, dass mich die Leute nicht verstehen. Die schauen mich dann an und fragen sich: Hä, das ist ja komisch. Dass der genau so sein will, oder genau so ist wie wir. Und im letzten Jahr vor allen Dingen ist mir klar geworden, es ist tatsächlich komisch. Weil ich bin nicht genau so wie mein Publikum", sagt Chima.

Mit 46 Jahren ist Chima allmählich angekommen. In der Musikwelt, aber auch bei sich. Der Weg – ein Kampf. Doch es ist wie beim Murmelspielen: Wer Geduld zeigt, landet den großen Wurf.

Bericht: Christiane Schwalm

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 25.04.2019, 22:45 Uhr