Anja Schaal

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zum Video Fotografie-Workshop von Anja Schaal – Was den Gießenern an ihrer Heimat gefällt

Was würde Ihnen fehlen, wenn Sie ihre Heimatstadt plötzlich verlassen müssten? Von heute auf morgen? Nicht erst mit dem Zuzug an Menschen, die aus ihren Ländern vor Krieg oder Armut geflohen sind, beschäftigt sich die Gießener Fotografin Anja Schaal mit dieser Frage. Nun hat sie ein Fotoprojekt gestartet, in dem sie die Bürger Gießens aufruft, die schönen Seiten ihrer Heimat zu zeigen.

Gießen ist jetzt die Heimat von Anja Schaal. Sie hat sich gefragt: Was würde sie eigentlich genau vermissen, wenn sie die Stadt wieder verlassen müsste. Gemeinsam mit ein paar Gießenerinnen machte sie sich auf die Suche. Ihre Lieblingsorte haben sie in Fotos festgehalten.

Lieblingsorte – so verschieden und so schön

Medina Mustafic zum Beispiel liebt ihren Blumenladen – als kleine Oase im hektischen Alltag. Sie beschreibt: "Es ist laut, es fahren viele Autos vorbei und es sieht jetzt hier nicht so schön aus. Die Wände sind beschmiert. Aber dann kommt dazwischen dieser Laden. Sticht heraus an dieser Straße."

Jasmin Mosel hat sich für ein Schnell-Restaurant entschieden. Warum das? "Die eine oder andere Nacht hab ich hier bestimmt mal durchgemacht. Das Chevy erinnert mich einfach immer an meine relativ aufregende Anfangszeit hier in Gießen. Als ich gerade frisch in die Stadt gekommen bin, angefangen habe zu studieren", erklärt sie.

Und was verbindet Yvonne Zeddies mit einem Gullydeckel? Warum würde sie den vermissen? "Hier in Gießen ist eigentlich kein Gullydeckel wie der andere. Seitdem ich die Gullydeckel hier bemerkt habe, kann in keine Stadt mehr gehen ohne wirklich zu gucken, was die Stadt für Gullydeckel hat. Und ich muss sagen, ich bin von den meisten Städten enttäuscht, weil Gießen die größte Vielfalt hat."

Die Stadt wahrnehmen

Zwei Tage lang haben die Frauen ihre Heimat fotografiert – als Teil eines Fotoworkshops, angeleitet von der professionellen Fotografin Anja Schaal. "Es ging mir vor allem um eine Wahrnehmung dessen was wir hier haben. Was wir schönes und wertvolles in Gießen haben und zum anderen wollte ich einfach eine Sensibilität dafür schaffen, dass jeder Mensch der hierher kommt irgendwas hinter sich gelassen hat, was er einfach vermisst."

Inspiriert von einer syrischen Familie

Die Idee zum Workshop kam Anja Schaal an diesem Ort: Einer Gießener Erstaufnahmeeinrichtung, in der sie eine syrische Flüchtlingsfamilie kennengelernt hat. Die Familie musste plötzlich alles zurücklassen. Das hat Anja Schaal tief berührt; bis heute ist sie mit der Familie in Kontakt. Sie erzählt: "Wir haben viele Gespräche geführt. Je besser sie deutsch konnten, desto mehr Gespräche. Und in den Gesprächen tauchten immer wieder Sachen auf, die sie sehr vermissen. Es sind ganz unterschiedliche Dinge. Ob es Gerüche sind, Menschen, Wege. Ich hab wirklich zum ersten Mal darüber nachgedacht, wie wäre es denn eigentlich für mich, wenn ich weg müsste. Und ich könnte nichts mitnehmen. Keine Fotos, die ich gemacht habe. Keine Erinnerung meiner Kindheit."

Gießen ganz persönlich

Im Workshop hatten die Teilnehmerinnen die Möglichkeit, Erinnerungen an ihre Heimat festzuhalten. Die Bilder, die dabei entstanden sind, zeigen Gießen aus ganz persönlichen Blickwinkeln.

Verblüffend, was die Frauen alles mit ihrer Heimat verbinden. Für Jasmin Mosel ist es der Buchladen um die Ecke. "Mir ist mit als erstes der Laden hier eingefallen, weil ich einfach wirklich täglich dran vorbeikomme und ich find den einfach total schön. Und der ist prägend für unser Viertel. Der hat total schöne Details. Den würd ich schon gerne ein Stück weit mitnehmen wollen."

Die Fassade der Universitätsbibliothek, eigentlich kühl und schmucklos. Und doch verbindet Yvonne Zeddies gerade damit Erinnerungen. "Als Kind bin ich oft hier dran vorbei gefahren und ich hab mich immer gefragt wie dieses Haus funktioniert. Weil für mich war eigentlich immer klar - jedes Fenster ist ein Stockwerk und wie klein müssen die Menschen sein, die in diese Gebäude gehen und wie viele Stockwerke – das hat für mich keinen Sinn ergeben und das hat mich fasziniert."

Medina Mustafic fasziniert der Gießener Bahnhof. Fast jeden Tag kommt sie mit dem Zug hier an. Sie lebt in einem Dorf außerhalb. Besonders gefällt ihr der Bahnhof bei Nacht. "Normalerweise haben Bahnhöfe immer so ne gruselige Stimmung nachts. Aber hier hab ich überhaupt keine Angst. Hier sind immer Menschen, hier ist Licht, hier ist Personal. Das ist halt so diese Stimmung die ich hier hab."

40 Bilder – 40 persönliche Lieblingsorte

40 Fotos und ihre Geschichten dazu haben die Frauen zu einer Ausstellung zusammengestellt. Was hat sich für sie verändert, im Vergleich zu früher? "Man schaut nicht auf die kleinen Dinge. Man nimmt halt einfach alles als selbstverständlich wahr. Man ist blind sozusagen. Und danach hab ich die Augen aufgemacht und ich hab seitdem auch öfter fotografiert."

Jasmin Mosel erklärt: "Es sind nicht unbedingt die schönsten Orte, die mir da eingefallen sind, aber es sind eben Orte, wo mein Herz dran hängt.“ Auch Yvonne Zeddies hat erst einmal Zeit gebraucht, ihre Orte herauszufinden: „Anfangs muss ich sagen ist mir eigentlich gar nichts eingefallen. Aber im Laufe der Zeit hab ich dann überlegt, was ist eigentlich wenn ich in eine andere Stadt gegangen bin jetzt die letzten Jahre. Was hab ich mir da angeguckt. Und da hab ich festgestellt ja es sind immer wieder so Kleinigkeiten, die mir aufgefallen sind wo ich denk – hey – das haben wir in Gießen, das hat die Stadt hier nicht."

Es ist oft nicht das Gesamtbild, das eine Stadt wie etwa Gießen liebenswert macht. Es sind die Details, die man vermissen würde. Die Orte, verbunden mit Erinnerungen, Begegnungen, Gefühlen. Heimat eben.

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 18.10.2018, 22:45 Uhr