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zum Video Porträt M. Flügel-Anhalt

Frau auf Motorrad und Filmplakat

Mit 64 Jahren fängt das Leben an, denkt sich Margot Flügel-Anhalt. Sie setzt sich zum ersten Mal auf ein Motorrad – ein kleines, aber das größte, was sie mit ihrem Auto-Führerschein fahren darf, eine 125er Enduro – und fährt Richtung Himalaya und über den Iran wieder zurück.

Weitere Informationen

Im Kino

Di., 9. April, 19.30h, Kino Kurtheater
Bad Sooden-Allendorf, Hindenburgplatz 1
Do., 11. April, 20.00h, Cineplex Capitol
Kassel, Wilhelmsstraße 2a
Mi., 1. Mai, 15h & 20.30h, Cineplex Cinemagic, Eschwege, Friedrich-Wilhelm-Straße 27

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Alt werden – das ist für sie kein Thema. Das können andere: "Ich fühle mich extrem fit, weil ich gesundheitlich so gut drauf bin, weil mein Körper nicht so alt ist wie meine Jahre das vorgeben. Und da hab ich großes Glück", sagt Margot Flügel-Anhalt.

Mit 64 Jahren ist sie noch einmal richtig durchgestartet. Mit dem Motorrad alleine in die abgelegensten Regionen Europas. Das war, als die Sozialpädagogin in den Ruhestand ging: "Einen lang gehegten Traum habe ich mir erfüllt, weil ich eigentlich in meiner Berufstätigkeit mir immer vorgestellt habe, wenn ich da in meinem Büro eingekerkert war, unterwegs zu sein. Einfach ganz lange unterwegs zu sein", erinnert sie sich.

Freundschaft mit einer Maschine

Polen, Ukraine, Russland, Kasachstan. Über die zweithöchste Fernstraße der Welt von Kirgisien nach Tadschikistan. Dann durch den Iran, die Türkei und über die Balkanroute wieder zurück. Über 16.000 km mit einer 125-er Enduro: " Seitdem ich mit ihr so lange unterwegs war, bin ich mit ihr extrem befreundet. Manchmal bin ich trotz aller Vorsicht durch Schlaglöcher gerannt. Und dann hab ich mich immer bei ihr entschuldigt sofort", sagt sie.

Studium in Berlin und Freiburg, ein Jahr Leben in Casablanca - ihre Weltoffenheit hat Margot mitgebracht. Russisch und Selbstverteidigung hat sie erst gelernt. Zwei Jahre lang Vorbereitung. Selbst das Motorradfahren musste Margot erst lernen: "Ich hatte tatsächlich keinen ordentlichen Motorradführerschein gemacht, sondern bin mit meinem alten 3er-Lappen gefahren, der es mir erlaubt Motorrad zu fahren. Hab ein paar Fahrstunden gemacht und konnte dann die 125er fahren."

Respekt vor dem Mut

"Ich fand es erst einmal verrückt, loszufahren auf eine Weltreise mit Motorrad, wenn man eigentlich gar keinen Motorradfahrer, keine Motorradfahrerin ist. Das fand ich schon mutig. Und die Reiseroute ist auch eine besondere Route, weil es nicht in die Länder führt, die man so als erstes auf dem Schirm hat", kommentiert Filmemacher Johannes Meier. Das beeindruckte ihn so sehr, dass er aus der Geschichte einen Kinofilm gemacht hat. Zwei Wochen lang war er mit Team und Kamera dabei. Den Rest hat Margot selbst gefilmt. Mit GoPro und Handykamera.

"Es ist einfach völlig neu"

Im Frühjahr 2018 geht’s los. Thurnhosbach - ein kleines Dorf in Nordhessen ist Margots Lebensmittelpunkt. Von hier aus ist sie aufgebrochen. "Das ist ein unfassbarer Adrenalinschub und so eine unglaubliche Befreiung. Das ist kaum beschreibbar, wahnsinnig schön", sagt sie.

Gerade erst in Polen angekommen und schon die zweite Panne: "Also Verzweiflung. Ich sitze wieder hier mit demselben Problem. Das Motorrad geht bei hohen Geschwindigkeiten langsam aus und springt nicht mehr an."

Aber unterkriegen lässt sie sich deswegen nicht. "Wenn ich mich entschieden habe etwas zu tun, dann kann mich wenig daran hindern das umzusetzen. Ich kann es überhaupt nicht fassen, dass ich hier bin. Es ist alles nicht beschreibbar. Es ist einfach völlig neu."

Finger wärmen am Motor

Nach einem Monat und 7.000 km trifft sie das Filmteam. Immer wieder stoßen sie auf Schwierigkeiten, die sie gemeinsam meistern. Gerade im Pamir Gebirge. Den Mut verliert Margot nie. Für sie gibt es immer eine Lösung: "Die Finger sind eiskalt. Der Motor ist genau richtig warm. Da kann ich dafür sorgen, dass meine Finger nicht erfrieren", sagt sie lachend. "Bevor ich mutlos werde, warte ich erst mal ab, was überhaupt los ist."

Und doch ein Stimmungstief. Terroristen haben vier Schweizer Radfahrer getötet. Auf einer Strecke, die sie wenige Tage davor selbst gefahren ist. "Dieser Anschlag ändert alles. Es ist schwerer geworden, die Reise fortzusetzen", sagt sie.

Als Frau im Iran

Straßenkarte

Trotzdem - es geht weiter. Nach 2 ½ Monaten ist der Iran erreicht. An die Verschleierung wird sie sich nie gewöhnen: "Einfach mal die Arme ausbreiten und sagen: 'Das Leben ist schön', das kann ich nicht machen, weil ich muss ja immer ein Tuch festhalten. Das ist kein Leben. So kann man nicht frei leben."

Und Iranerinnen auf einem Motorrad ? Undenkbar ! Das ist bei Strafe verboten. Entsprechend die Irritation. Auch beim Tanken. "Der fragte immer wieder, ob ich eine Frau sei und ob ich Benzin haben will und weil in seinem Gehirn nichts Vergleichbares war, was er jemals erlebt hatte, war er nicht in der Lage den Tankprozess fortzusetzen", sagt sie lachend.

Bei allem Humor. Als sie die Grenze zur Türkei erreicht, ist Margot doch erleichtert: "Nachdem ich den Iran verlassen habe, habe ich gemerkt, was für ein unglaublicher Druck von diesem Land und seinem System ausgeht."

Glück, in einer Demokratie zu leben

Ab jetzt geht die Reise schnell. Zurück in die Heimat zu ihren zwei Söhnen und dem Enkel. Zurück in ihr Dorf, wo sie Ortsvorsteherin ist. Aber so richtige Vorfreude will da nicht aufkommen. "Kein Augenblick meiner anstrengenden Reise war schwieriger als das Zurückgehen. Ich wusste genau, dass ich plötzlich wieder Termine habe. Dass ich nicht mehr frei bin. Dass ich funktionieren muss wieder", so Flügel-Anhalt.

Längst hat Margot sich in ihrem Dorf wieder eingelebt. Aber mit einer ganz neuen Sicht auf ihr Leben: "Ich bin mit der Erkenntnis nach Hause gekommen, dass es ein unglaubliches Glück ist, sauberes Wasser trinken zu können und in einer Demokratie zu leben, in der ich frei denken und tun kann, wenn ich im Rahmen der Regeln verhalte. Ohne vom Tode bedroht zu sein. Die schönste Erfahrung war es zu erleben, dass mir andere Menschen helfen."

Altwerden - kein Thema

Für Margot Flügel-Anhalt eine Motivation, immer wieder zu reisen: "Ich werde im Spätherbst mit meinem alten Benz nach Fernost reisen und zwar über den Süden des Irans, über Pakistan, Indien, Myanmar nach Thailand und dort weiter nach Laos."

Wie gesagt – das Altwerden ist für sie kein Thema.

Bericht: Silke Klose-Klatte

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 28.03.2019, 22:45 Uhr