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zum Video Alp Arslan - erste Auftragsoper des Stadttheaters Gießen

Zum ersten Mal hat das Stadttheater Gießen eine Oper in Auftrag gegeben. Ein politisches Thema: Es handelt von dem jungen Sultan Alp Arslan, der im 12. Jahrhundert gelebt und geherrscht hat. Die mittelalterliche Geschichte beruht auf historischen Fakten, die in Gießen erzählt werden als eine Parabel auf die Gegenwart. Die Geschichte um den jungen Sultan entpuppt sich als eine Geschichte über den gegenwärtigen Krieg in Syrien.

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Uraufführung ist am 04.05.2019 im Stadttheater Gießen

 weitere Termine:
10.05.2019
23.05.2019
07.06.2019
21.06.2019
30.06.2019

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Nie war Oper so aktuell und politisch wie hier in Gießen. Es geht um zwei Männer. Um den jungen Prinzen Alp Arslan und den Eunuchen Loulou. "Der Loulou ist ein Eunuch. Er hat viel durchgemacht in seinem Leben, viel gelitten, und ich habe das Gefühl, er ist immer auf der Suche... Nach Liebe...", sagt Denis Lakey, Countertenor und 'Loulou'.

"Alp Arslan ist am Anfang noch Prinz. Eine supertraumatisierte, junge Person. 14 Jahre alt, die nie Liebe kennengelernt hat", schildert Daniel Arnaldos, Tenor und 'Alp Arslan'.

"Alles, was wir machen, ist natürlich letzten Endes politisch"

Alp Arslan war einst der Herrscher über das syrische Aleppo. Im Mittelalter. Diese Oper erzählt die Geschichte seiner Macht. Mit dieser alten Erzählung hält sie der Gegenwart den Spiegel vor. Sie spiegelt das Kriegs-Aleppo von heute. Ist also höchst politisch.

"Alles, was wir machen, ist natürlich letzten Endes politisch. Wir haben jetzt gerade unseren neuen Spielplan vorgestellt. Vorne auf unserem Jahresheft steht drauf 'res publica – Theater ist eine öffentliche Angelegenheit', d.h. so verstehen wir Theater. Was wir jetzt machen, ist eine rein künstlerische Auseinandersetzung mit einem Thema vor einem historischen Hintergrund. Dass wir dabei syrische Sänger und syrische Musiker haben. Das sind Profis. Da geht es nicht drum, dass die auch mitspielen dürfen. Das sind professionelle Musiker, die nur einfach die Fähigkeit haben, besondere Instrumente zu spielen", erklärt Cathérine Miville, Regisseurin und Intendantin.

"Da hat ein Mann ein Thema vorgeschlagen, was sein Leben prägte"

"Es ist natürlich sehr en vogue, dass man überall syrische Musik hört, im Cabaret-Bereich oder syrische Musikabende. Das ist damit natürlich nicht gemeint, aber es kann sehr schnell passieren, dass diese Verbindung da ist. Deshalb spielt man das ein bisschen herunter. Nein, natürlich haben wir das ganz ernst gemeint", so Richard van Schoor, Komponist.

WIE ernst, das zeigt die (unfassbar) gut erzählte Geschichte dieser Oper. Der niederländische Librettist Willem Bruls hat viele Jahre Aleppo besucht. Hinter seiner klaren Sprache verbergen sich unzählige Geschichten aus dem lebendigen, alten, ja, schönen Aleppo von einst.

"Da hat ein Mann ein Thema vorgeschlagen, was ihn Jahrzehnte beschäftigt hat. Es ist wahrscheinlich sogar zu wenig gesagt: sein Leben prägte. Aber Willem Bruls war für mich - auch von dem wir das beschrieben hat - der Garant. Hier geht es immer um nichts Spekulatives, sondern da geht es um ein ganz ganz zentrales existenzielles kulturelles Thema einer Stadt", so Miville.

"Es ist doch etwas geworden"

Die Musik: krass. Ein Abbild der beiden Charaktere. Ihrer Gefühle. "Es ist ein bisschen verrückt geschrieben, würde ich sagen, denn er kann sich nicht entscheiden, ob er hoch oder tief singen möchte, in welche Lage er sich besser fühlt", erklärt Arnaldos die Schwierigkeit seiner Rolle.

Und Denis Lakey fügt hinzu: "Es ist immer so. Ich habe gesagt, ich habe schon mehrere Uraufführungen gemacht. Und das ist oft der Fall, dass man die Noten aufschlägt und denkt: Hach, was will dieser Komponist von mir? Und man sieht nur Stellen, von denen man denkt: Das ist unmöglich. Oder wie soll ich das machen? Aber man beschäftigt sich damit, man arbeitet dran. Und dann irgendwann merkt man, es ist doch etwas geworden."

Einige Melodien sind original aus Aleppo. Der Komponist hat sie in die Oper eingeflochten und so für die Ewigkeit bewahrt. "Ich hatte da sehr, sehr viele schöne Beispiele, weil der Willem Bruls, der hat das Libretto geschrieben, hatte sehr, sehr viele Beispiele aus Aleppo mitgebracht, Aufnahmen hat er dort gemacht. Diese Beispiele hab ich sehr gründlich studiert und hab da einfach das rausgenommen, was auf dieses christlich-orthodoxe Ostern und auch in Bezug auf diese christliche Melodien sehr gut gepasst hat" so van Schoor.

Gießen hat einen Coup gelandet

Alp Arslan ist die erste Oper von Richard van Schoor. Geschichte und Musik werden das Publikum ergreifen, weil sie so nah an heute sind. Ein Werk, das Gießen und seinem Stadttheater zu verdanken ist: "Theater ist ja auch ein bisschen dafür da, einer Stadt Selbstbewusstsein zu geben. Und wenn die immer wieder sehen, was so eine kleine Stadt - und damit meine ich wirklich die kleine Stadt - möglich macht, indem sie uns Mittel gibt, und was man daraus machen kann, dann hat das schon auch so einen Push.... Die sind schon ein bisschen stolz darauf, dass das in ihrer Stadt passiert", o Miville.

Alp Arslan von Richard van Schoor. Großes Musiktheater, das Musikgeschichte schreiben könnte. Gießen hat einen Coup gelandet. Sehr schön!

Bericht: Natascha Pflaumbaum

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 03.05.2019, 22:45 Uhr