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Marina Abramović ist für ihre radikale Performance-Kunst berühmt. Nun ist sie in Frankfurt in einem Konzert mit dem Pianisten Fazıl Say in der Alten Oper Frankfurt aufgetreten - und hat 2000 Menschen in ihre neueste Performance "anders  hören" einbezogen.

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Das ganze Konzert und die Workshops sind ab 30.03.2019 im Netz bei ARTE Concert zu sehen.

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Zweitausend Stimmen füllen minutenlang den Raum. Marina Abramović bereitet das Publikum auf das Konzert vor – mit einer Meditation. Die Performance-Künstlerin inszeniert in Frankfurt ein anderes Musikhören, nach ihrer eigenen Methode. "Wenn du nichts riskierst, kommst du nie auf neues Terrain. Dort kannst du aber auch scheitern. Scheitern ist Teil des Erfolgs", sagt sie.

Marina Abramović ist ein Weltstar. Mit ihren Performances in den siebziger Jahren ging sie an alle Grenzen, Schmerzgrenzen. Sie tat Dinge, die sich eigentlich nicht aushalten lassen. Ihr großer Durchbruch 2010 im Museum of Modern Art in New York. Die Künstlerin saß drei Monate lang Tag für Tag auf einem Stuhl, um Besuchern stumm in die Augen zu blicken. Rührung. Tiefe Erschütterung. Bis an alle Grenzen.

"Seine bürgerliche Identität verliert man"

Was wagt sie in Frankfurt? "Das Hören beibringen, riskieren wir einiges."Das ist natürlich auch ein Risiko. Die Alte Oper hatte nie einen Workshop für zweitausend Leute, um sie vorzubereiten für ein Konzert von fünf Stunden ohne Pause", so Abramović.

Fabian von Schlabrendorff hat ein Ticket. Wie alle anderen Besucher dieses Konzerts muss er zuvor die Workshops besuchen, zwei Mal für je dreieinhalb Stunden. Handys und Uhren werden in der Garderobe weggeschlossen. "Man muss hier alles abgeben. Seine bürgerliche Identität verliert man", sagt er. "Wir wollen sie von dem hektischen Leben draußen abschirmen. Wenn du Uhren und Computer einschließt, lässt du die Technik los, die unser Leben kaputtmacht", erklärt die Künstlerin.

Musik der Stille

Vorbereitung auf den Workshop, dann: Konzentration, Stille. Die Kopfhörer sind schalldicht. Man hört nur noch sich selbst. Zu sich finden, um sich leichter der Musik zu öffnen. "In Japan habe ich die Kopfhörer mal einem Jungen gegeben und der sagte, der ist kaputt", erinnert sich Abramović. "Nein sag ich, der funktioniert. Der hat eben in seinem ganzen Leben noch keine Stille erlebt. Dann war er ganz aufgeregt und hat noch andere Jungs geholt. Stille hören."

Im Konzert dann – eine Musik der Stille – mit Fazıl Say, Pianist von internationalem Renommee. Es gibt nur noch die Musik. "Die Gegenwart ist ja nicht die Zeit. Zeit gibt's nur als Zukunft und Vergangenheit. Gegenwart ist Hier und Jetzt", sagt Abramović.

"Das fühlte sich fast so an wie bei einem religiösen Ritual"

Die Musikerinnen und Musiker spielen auf wechselnden Bühnen – mitten im Publikum. Entschleunigte Gangart. Geleitet werden die Künstler von Abramovićs Gefolge wie von Engeln, die auch dem Publikum zu Diensten sind. "Ja, wie Schafe, die man irgendwo hinführt und sie machen es mit. Das fühlte sich fast so an wie bei einem religiösen Ritual", befindet Besucher von Schlabrendorff. "Das Publikum und die Künstler werden zu einer untrennbaren Einheit. Je besser das Publikum vorbereitet ist, desto mehr können auch die Künstler geben", erklärt Abramovic.

" Ich habe auch keinen husten gehört heute"

Diese Einheit zu schaffen, das ist der Kern der Abramović-Methode. Am Ende kann die bürgerliche Identität an der Garderobe wieder abgeholt werden. Handys und Uhren gibt's zurück. Und wer möchte, kriegt noch ein paar schalldichte Kopfhörer für mehr Stille zuhause. "Ich habe selten so einen stillen Konzertsaal gehört mit so wenig Nebengeräuschen. Ich habe auch keinen husten gehört heute", so von Schlabrendorff.

Begeisterung und Kritik

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Marina Abramovic vor der Alten Oper

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Aber nicht alle sind mit der Abramović-Methode einverstanden. "Ich fühlte mich als Statistin – und gebraucht, sozusagen. Ich fand den Workshop, als sie nicht da war, schön. Hat mir was gebracht, ich fand auch diese Musiker klasse. Aber im Zusammenhang mit dieser Methode und mit dieser Performance, fühlte ich mich als Statistin", sagt Besucherin Andrea Willich. Und Peter Poerting meint: "Ich bin begeisterter Hörer von klassischer Musik, und ich freu mich über jede Erweiterung des Rahmens, in dem das Ganze stattfindet."

Das Abramović-Projekt in Frankfurt war schon außergewöhnlich. Allerdings, folgsam war das Publikum nicht immer, schon zu Beginn nicht. Keinen Applaus wünschte sich Abramović. Hat nicht funktioniert. Das Konzert ging danach noch Stunden weiter. Der Schlußapplaus kam später.

Bericht: Uli Zimpelmann

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 28.03.2019, 22:45 Uhr