Asli Erdoğan

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zum Video Asli Erdogan im Frankfurter Exil – Schreiben als Kraftquelle

Aslı Erdoğan forschte als junge Physikerin am Genfer Spitzeninstitut CERN. Ihre Beobachtungsgabe und ihr Sinn für Sprache ließen sie zur Schriftstellerin werden. Umso erstaunter war sie, als eines Tages nach dem Putsch gegen Präsident Erdoğan (mit dem sie nicht verwandt ist) schwerbewaffnete Männer in ihrem Wohnzimmer standen, um sie ins Gefängnis zu verfrachten.

Asli Erdoğan lebt seit zwei Jahren im Exil in Frankfurt. Sie ist von der Haft in der Türkei gezeichnet. Erdoğan zu "hauptsache kultur": "Ich habe es niemandem erzählt, aber ich dachte, ich könnte nie wieder schreiben." Sie ist erleichtert, dass es geht und quält sich doch mit jeder Zeile: "Das war emotional eine große Herausforderung. Ich hatte mehrere Zusammenbrüche."

Bereits vor ihrer Verhaftung hatte Asli Erdoğan in ihrem Roman "Das Haus aus Stein" über Gefangenschaft geschrieben. Bald erscheint er auf Deutsch. Jetzt ergänzt durch einen Text über ihre eigene Gefägniserfahrung: "Wie kann man das überhaupt in Worte fassen? Das ist die Kernfrage. Also musste ich gedanklich zurück in die Gefängnis-Zelle."

"Es war absurd"

Viereinhalb Monate saß Asli Erdoğan im Gefängnis. War bei der ersten großen Verhaftungswelle dabei, nach dem gescheiterten Militärputsch im Juli 2016, als die türkische Regierung den Ausnahmezustand verhängte. Damals wusste sie nicht, wie ihr geschah: "Es war so absurd. 40 Männer stürmten meine Wohnung, mit schweren Waffen. Vollmaskiert, schusssichere Westen. Stellen Sie sich vor: eine Wohnung voller Bücher, in der klassische Musik läuft und da sitzt eine Frau, die raucht und dichtet. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was vor sich geht. Mein erster Satz war: Ist das ein Witz?"

Die Verhaftung erinnert sie an ein Trauma in ihrer Kindheit: Sie ist vier, als ihr Vater, linker Aktivist, während eines Militärputsches vor ihren Augen festgenommen wird. Sie rettet sich in die Literatur, ins Lesen, das sie sich selbst beibringt. Asli Erdoğan ist hochbegabt. Arbeitet zunächst als Kernphysikerin am renommierten CERN in Genf. Die Szene aus ihrer Kindheit hat sich ihr ins Gedächtnis eingebrannt: "Es war wohl die Tragödie meiner Kindheit, dass ich Zeugin wurde. Für mich ist die Geschichte der Opfer DIE Geschichte der Menschheit. Und das muss erzählt werden."

Das hatte Asli Erdoğan sich zur Aufgabe gemacht und wurde zu einer wichtigen Stimme der Türkei, als Schriftstellerin und als Kolumnistin. Sie schrieb für eine kurdische Zeitung über Diskriminierung, Armut und Gewalt – obwohl sie selbst keine Kurdin ist.

2016 hört sie von massiven Menschenrechtsverletzungen in der überwiegend von Kurden bewohnten Stadt Cizre und sieht diese Aufnahmen: Zivilisten, ältere Menschen, die weiße Fahnen schwenken. Plötzlich: Schüsse von türkischen Sicherheitskräften. Asli Erdoğan dazu: "Sie wurden alle erschossen. Ich habe beschlossen, über Cizre zu schreiben. Dafür habe ich einen sehr hohen Preis gezahlt."

Poetisch und düster zugleich

Ihr Artikel über die Toten und Vertriebenen in den kurdischen Gebieten wird in der Anklage als Beweis vorgebracht. Der Vorwurf: Terrorismus und Staatsgefährdung. Am schlimmsten sei es gewesen, nicht zu wissen, wie lange sie in Haft bleibt. Monate? Jahre? Lebenslänglich? Dazu Erniedrigungen, Dreck, Kälte, für sie als chronisch Kranke keine Medikamente. Und es ist die psychische Gewalt, die ihr nicht mehr aus dem Kopf geht. An einem Tag wurden alle Pflanzen genommen, die die Gefangenen über Jahre gezogen hatten. "Sie haben sie in den Hof geworfen, damit sie eingehen. Das war so grausam. Ich nenne diese Szenen Konzentrationslager-Szenen. Szenen die so unnötig grausam sind. Grausamkeit nur um der Grausamkeit Willen.", erzählt Asli Erdoğan.

Was macht so etwas mit einem Menschen? Darüber hat Asli Erdoğan schon vor ihrer Gefangenschaft geschrieben. "Das Haus aus Stein" – "Le batiment de pierre" – ist längst in Frankreich erschienen. Ihre Fähigkeit, Extremsituationen in Worte zu fassen, machte sie dort bereits zum Star. Texte, die einen faszinierenden Sog entfalten. Poetisch und düster zugleich.

"Die innere Wahrheit erzählt nicht in schön komponierten Geschichten, das ist Einbildung. Die innere Wahrheit spricht gebrochen.", so Asli Erdoğan. Die Schriftstellerin glaubt an die Kraft der Literatur. Und wird auf ihre Art weiter darüber berichten, was in ihrem Heimatland geschieht. In das sie wohl lange nicht zurückkehren kann.

Weitere Informationen

Buchrtipp

Das Haus aus Stein von Asli Erdoğan
Verlag: Penguin Verlag (18. März 2019)
ISBN: 978-3328600763
Preis: 15,00 Euro

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Bericht: Katja Deiß

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 14.03.2019, 22:45 Uhr