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Der in die Jahre gekommene frühere Gewichtheber Walter verdient sein Geld als Möbelpacker. Als er die Wohnung einer Familie ausräumen soll, erkennt er in dem jungen Familienvater seinen eigenen Sohn wieder. Der aber war ein Kind gewesen, als sein Vater ihn verließ, und so er erkennt ihn zunächst nicht.

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12. Lichter Filmfest
26. bis 31. März 2019
in mehreren Frankfurter Kinos

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Wenn der Umzugswagen anrückt, steht der Realität gewordene Alptraum vor der Tür. Zwangsräumung.


Ein Filmausschnitt:
Jan: Herr Hoppe, guten Morgen
Hoppe: Hören sie sofort auf, mich zu filmen
Jan: Das ist meine Wohnung, ich kann hier machen was ich will
Hoppe: Das ist nicht mehr Ihre Wohnung
Jan: Doch, das ist sie
Hoppe: Hier ist das Räumungsurteil

"Raus hier, alle raus"

Wohnungen werden zu Spekulationsobjekten. Die bisherigen Mieter werden verdrängt. Ob sie wollen oder nicht. Ein Filmausschnitt:
Jan: Und wer sind sie?
Moussa: Mach die Kamera aus
Jan: ihren Namen hätte ich ganz gern – was wird das? Julia ruf die Polizei. Das gibt eine saftige Anzeige
Moussa: Wen willst du anzeigen?
Hoppe: bist du irre?
Moussa (schreit): komm raus!
Hoppe: Raus hier, alle raus

Verdrängung ist Alltag geworden

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Walter. Stummes Zahnrad in der Entmietungs-Maschinerie. Als er die Wohnung eines widerspenstigen Familienvaters räumen soll, erkennt Walter in ihm seinen Sohn Jan wieder. Walter ließ ihn im Stich, als Jan noch ein Kind war. Es entspinnt sich ein spannendes Vater-Sohn Drama. Unter dem Damokles-Schwert der drohenden Wohnungsräumung.

ATLAS ist ein spannender Thriller. Und das Erstlingswerkt des Berliner Regisseurs und Drehbuchautors David Nawrath. Das Drama der Verdrängung von alteingesessenen Mietern aus den zentralen Wohnlagen – Alltag in Berlin. "Man sieht, wie das bei jeder Gelegenheit immer Thema ist. Die hohen Mietpreise. Wie sich der Wohnungsmarkt verändert. Und dann kriegt man es natürlich auch mit, wie Leute, ja, direkt davon betroffen sind, indem sie die Wohnung verlassen müssen, in der sie seit 30, 40 Jahren wohnen. So geht's Nachbarn von mir, so geht es auch Bekannten von mir und was das mit dem Leben so macht, das ist ein herber Schlag", sagt er.

Frankfurt als Schauplatz

Die Geschichte von ATLAS spielt im Frankfurter Nordend. Soziale Verdrängung ist hier tatsächlich ein Riesenthema. Am eigenen Leib erlebt das gerade Gisela Wallow. Sie wurde im Viertel geboren, ist hier aufgewachsen. An jeder Ecke werden hier nun Häuser modernisiert. Auch das Haus, in dem die Rentnerin zur Miete wohnt. Es wurde verkauft, nach und nach werden die Wohnungen saniert. Das zermürbt. Und die Miete? Soll von 500 Euro auf 1200 Euro steigen.

"Wir kriegen keine Informationen, man weiß morgens nicht, mit welchen tollen Bauarbeitergeräuschen man wieder geweckt wird, von welchem Presslufthammer geweckt wird, links, rechts, oben unten. Es nervt total, es macht nicht wirklich froh und geht an die Substanz", sagt die Mieterin.

"Frankfurt war zum Drehen einfach toll"

Im Gentrifizierungs-Thriller ATLAS sind die Bedrohungs- und Zermürbungstaktiken drastisch. Ein eiskalter Strudel in die Dunkelheit. Frankfurt wurde als Drehort nicht nur wegen seines angespannten Wohnungsmarktes gewählt. Ausschlaggebend war die finanzielle Unterstützung durch die Filmförderung "Hessenfilm und Medien". Diese Mittel mussten in Hessen ausgegeben werden. Ein Glücksfall.

"Frankfurt war zum Drehen einfach toll, weil man hat das Stadtbildt – man kennt es nicht so aus den Medien, Berlin ist ganz schön abgegrast. Man hat in kurzen Distanzen völlig verschiedene Stadtbilder, Und die Leute waren toll, die haben uns alle Türen aufgemacht. Es war eine schöne Erfahrung", so Regisseur Nawrath.

Keine Angst vor dem Klischee des bösen Ausländers?

Ein Frankfurt-Thriller ohne Klischee-Bilder. Skyline und Bankenviertel sucht man vergebens. Stattdessen wird die Stadt zur Projektionsfläche, der Film könnte in jeder größeren deutschen Stadt spielen. In der Geschichte ziehen kriminelle Familienclans die Fäden. Keine Angst vor dem Klischee des bösen Ausländers?

"Mein Vater ist Deutscher und meine Mutter ist Iranerin und ich habe auch jahrelang im Iran gelebt und kenne die Kultur und liebe die Kultur und die Menschen. Und vor dem Hintergrund kann ich einfach nur sagen: Es ist mir egal, wenn ich die Geschichte erzähle, ob es ein Deutscher oder kein Deutscher ist – ich nehme da einfach keine Rücksicht drauf. Letztendlich geht es um die Menschen und wenn man sich den Film anschaut, wird man sehen, dass wir ein Bild von Menschen zeichnen. Und nicht von irgendwelchen Abziehbildern", so Nawrath.

Die Welt vor dem Einsturz bewahren

In der griechischen Mythologie wird der Titan ATLAS dazu verdammt, das Himmelsgewölbe zu stemmen. Im Film versucht der herausragende Rainer Bock als vom Leben gezeichneter Möbelpacker die bröckelnde Familienwelt seines Sohnes vor dem Einsturz zu bewahren. Wie kann diese Aufgabe gelingen?

Auch bei Gisela Wallow steht viel auf dem Spiel: Das Nordend ist ihre Heimat. Mit allem, was dazugehört. Freunde. Nachbarn. Bekannte. Jetzt muss sie sich eine neue, erschwingliche Wohnung suchen. Zur Not in einem anderen Stadtviertel. Oder in einer anderen Stadt. "Ich dachte, ich kann hier in Frieden und Ruhe wohnen bleiben, für immer und ewig. Und dass das so Auswüchse annimmt, hätte glaube ich keiner dran gedacht", beklagt sie.

Gisela Wallow ist Leidtragende des hyperventilierenden Wohnungsmarktes in Deutschland. Dessen Auswüchse haben es jetzt sogar bis ins Kino geschafft. Eigentlich traurig, aber wahr. ATLAS. Ein nah an der Realität erzähltes, spannendes Drama um Verantwortung, Schuld und Sühne.

Bericht: Christian Lang

Sendung: hr-fernsehen, "hauptsache kultur", 28.03.2019, 22:45 Uhr

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